Die prekäre Situation von Afghan*innen in der Türkei

/ Publikationen

Neues Working Paper von Dr. Ramona Rischke und Dr. Zeynep Yanaşmayan stellt erste Ergebnisse einer quantitativen Erhebung des DeZIM-Instituts vor.

Vor genau einem Jahr übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Schon im Vorfeld zeichnete sich ab, dass deshalb viele Menschen aus dem Land fliehen würden – die dramatischen Szenen vom Flughafen in Kabul erschütterten auch in Deutschland viele. Was dabei leicht in Vergessenheit gerät: Afghanistan ist bereits seit mehr als vier Jahrzehnten von Fluchtbewegungen geprägt, nicht zuletzt wegen innerer Unruhen und Invasionen aus dem Ausland. Und die Türkei, in der aktuell eine schwere Wirtschaftskrise herrscht, ist seit jeher ein zentrales Aufnahme- und Transitland für afghanische Migrant*innen. Wie geht es den Afghan*innen, die dort Zuflucht gefunden haben?

Um diese Frage zu beantworten, haben Dr. Ramona Rischke und Dr. Zeynep Yanaşmayan, Leiterinnen der Abteilung Migration des DeZIM-Instituts, im Frühjahr 2022 eine Studie durchgeführt. Ihr Working Paper „Die prekäre Situation von Afghan*innen in der Türkei“ mit ersten Daten und Ergebnissen vermittelt einzigartige Einblicke in die Lebensbedingungen und Mobilitätsbestrebungen von Afghan*innen in der Türkei.

Für die Studie wurden von März bis April 2022 mehr als 750 Afghan*innen in sieben türkischen Städten befragt. Die Ergebnisse verdeutlichen: Afghan*innen in der Türkei sind eine heterogene Gruppe – hinsichtlich ihrer demographischen Charakteristika, Migrationserfahrungen und Lebenswelten. Gleichzeitig sind sie mit vielfältigen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert. Vor allem befinden sie sich grundsätzlich in rechtlich und sozioökonomisch prekären Situationen.

 

Zentrale Ergebnisse

 

  • Afghan*innen leben in der Türkei oft in Armut. Zwei Drittel der Befragten leben in Haushalten, in denen das Geld nicht reicht, um ausreichend Lebensmittel oder andere, für die Befriedigung von Grundbedürfnissen notwendige Güter zu kaufen. Dabei ist wichtig zu bedenken: Auch in anderen Bevölkerungsgruppen in der Türkei ist Armut zunehmend weit verbreitet. Von den befragten Afghan*innen gibt eine knappe Mehrheit an, dass die hochprekäre Tageslohnarbeit die Haupteinnahmequelle ihrer Haushalte ist.
  • Viele Afghan*innen würden gerne in ein anderes Land ziehen, eine ebenfalls große Zahl wünscht sich allerdings eine Bleibeperspektive in der Türkei. Fast die Hälfte der Befragten zieht sehr stark in Erwägung, in ein anderes Land zu ziehen. Konkrete Umzugspläne haben allerdings nur 16 % der Befragten. Knapp 25 % hält es für so gut wie unmöglich, in der gegenwärtigen Situation in ein anderes Land zu ziehen. Und mehr als ein Drittel würde dauerhaft in der Türkei bleiben, wenn die Möglichkeit dazu bestünde. Bemerkenswert ist: Nur wenige Befragte äußern den Wunsch, dauerhaft in Afghanistan zu leben.
  • Afghan*innen erfahren in der Türkei Diskriminierung, aber mit der Aufenthaltsdauer steigt ihr Zugehörigkeitsgefühl zum Land. Die Hälfte derjenigen, die sich bereits länger in der Türkei aufhalten, fühlen sich moderat oder eng mit dem Land verbunden. Gut drei Viertel der Befragten können auf Türkisch kommunizieren. Zugleich ist knapp ein Drittel der Befragten häufig von Diskriminierung aufgrund ihrer Nationalität betroffen. Und die Befragten sagen, dass Afghan*innen ihrer Einschätzung neben Syrer*innen zu den mit Abstand am meisten diskriminierten Nationalitäten in der Türkei gehören.
  • Die meisten Afghan*innen leben in der Türkei, weil sie aus Afghanistan fliehen mussten – und sehr viele haben keine regulären Rechtsstatus. Rund drei Viertel der Befragten beschreiben sich selbst als geflüchtete Person. Auch wenn diese Angaben vorsichtig zu interpretiert sind, sagen 30 % der Befragten, dass sie keinen Aufenthaltstitel haben, also ohne regulären Aufenthaltsstatus in der Türkei leben. Gut 40 % der Befragten geben an, dass sie über einen fluchtbezogenen Aufenthaltstitel verfügten oder sich noch in Antragsverfahren befinden. 9 % sagen, dass sie mit einem Bildungsvisum, also beispielsweise als Student*in, in der Türkei leben.
  • Afghan*innen in der Türkei haben kaum Erwartungen an die Zukunft. Zwei Drittel der neuangekommenen Personen und fast die Hälfte der zuvor migrierten oder in der Türkei geborenen Personen erwarten nicht, dass sich ihre Lebenssituation in den kommenden Jahren verbessern wird.