Kurzexpertise zu Handlungsräumen und -möglichkeiten bei rassistischer Diskriminierung

 


Kurzexpertise zu Handlungsräumen und -möglichkeiten bei rassistischer Diskriminierung

Laufzeit: 01.09.2020 – 31.12.2020

Projektteam: Dorothea Rausch, Nader Hotait, Steffen Beigang (Projektleitung)


 

Inhalt 

Um rassistischer Diskriminierung zu begegnen bedarf es für Betroffene nicht nur Nerven und Mut, sondern auch ein gesellschaftliches und institutionelles Umfeld, das unterstützende Rahmenbedingungen und rechtliche Handlungsmöglichkeiten schafft. Wie aber sehen die genauen Umstände, unter denen Diskriminierung stattfindet aus und auf welche Art bedingen diese Umstände, ob Betroffene gegen rassistische Benachteiligungen, Ausgrenzungen und/oder Anfeindungen vorgehen?

Um das herauszufinden sollen in dieser Kurzstudie Bedingungsfaktoren untersucht werden, die unterschiedliche Reaktionen von Betroffenen rassistischer Diskriminierung erklären können. Dabei spielt sowohl das gesellschaftliche und situative Setting eine Rolle, in dem eine Diskriminierungserfahrung gemacht wird, als auch die zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten und die persönlichen Voraussetzungen derjenigen, die diskriminiert werden. Hierfür soll in den Blick genommen werden, wie, wo, von wem, und im Beisein welcher weiteren Personen Diskriminierung stattfindet und welche interpersonellen, institutionellen und rechtlichen Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, bzw. wie diese von den Betroffenen genutzt werden (können).

Das Projekt kann somit konkrete Hinweise darüber sammeln, welche unterschiedlichen Schwierigkeiten in einzelnen Lebensbereichen bestehen sowie differenzierte Ergebnisse für unterschiedliche Personengruppen benennen, um einen wissenschaftlichen Beitrag zur Konkretisierung von Unterstützungsbedarfen Betroffener von rassistischer Diskriminierung zu leisten.


Methodik

 

Um herauszufinden, wie und unter welchen Umständen Betroffene gegen rassistisch diskriminierende Personen und/oder Institutionen vorgehen, wird eine Neuauswertung der Studie „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ (2017) vorgenommen, in der in einer Mixed-Mode-Betroffenenbefragung (CAWI und PAPI) Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen rassistischer Diskriminierung erfasst wurden. Die Auswertungen erfolgen auf der Untersuchungsebene einzelner Diskriminierungserfahrungen, wobei die Eigenschaften von konkreten Diskriminierungssituationen in die Analyse mit einbezogen werden. Ergänzend fließen soziodemographische Hintergründe der Personen sowie psychologische Merkmale in die Analyse ein.

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Aktueller Projektstand

Am DeZIM-Institut arbeiten wir zusammen mit migrantischen Selbstorganisationen, der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Humboldt Universität zu Berlin und internationalen Forscher*innen an der Entwicklung eines innovativen Kategoriensystems zur Erhebung von ethnischer Zugehörigkeit (X*Y*Z Dimensionen), welches der Komplexität des Phänomens ethnischer Diskriminierung wissenschaftlich gerecht zu werden versucht.

In diesem Kontext haben wir durch Expertengespräche, Dialogwerkstätten, und internationalen und interdisziplinären Kooperationen einen umfangreichen Fahrplan entwickelt um das Phänomen der Mehrfachdiskriminierung in Deutschland wissenschaftlich robust zu untersuchen.

Als Teilprojekt dieses größer angelegten Forschungsvorhabens haben wir beispielsweise zusammen mit dem Center for Intersectional Justice (CIJ) einen Bericht zum Thema Intersektionalität erstellt, in welchem der Themenkomplex Intersektionale Diskriminierung einem breiteren Publikum vorgestellt wird. Kapitel 4 des Berichtes geht auf das Themenfeld der statistischen Erfassung von ethnischer Diskriminierung als Grundlage für soziale, politische und wissenschaftliche Behandlungen des Zusammenhangs zwischen Ethnizität und Mehrfachdiskriminierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ein (Bericht CIJ) Das Kapitel beleuchtet zahlreiche Eckpunkte, welche für die Erstellung eines Kategoriensystems nach wissenschaftlichen Kriterien erforderlich sind.

Neben der wissenschaftlichen Reliabilität und Validität des zu entwickelnden Kategoriensystems und seiner Operationalisierung werden höchste forschungsethische und datenschutzrechtliche Anforderungen berücksichtigt und umgesetzt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf speziellen datenschutzrechtlichen und forschungsethischen Fragestellungen, welche bei der Konzipierung, Erhebung, Speicherung und Auswertung von sensiblen Daten zu vulnerablen Populationen berücksichtigt werden müssen.[1] Hierzu gehören unter anderem (I) die Freiwilligkeit der Teilnahme; (II) die Möglichkeit, jederzeit die Teilnahme an Befragungen abzubrechen; (III) eine Ausführliche Aufklärung über den Sinn und Zweck der Befragungen; (IV) eine Aufklärung über die Art, Dauer und Orte der Speicherung der erhobenen Daten; (V) eine Gewährleistung der Anonymität der Befragten, welche keine Rückschlüsse von Angaben aus den Befragungen auf identifizierbare Personendaten zulässt. (getrennte Speicherung von personenbezogenen Daten und Angaben aus den Befragungen durch standardisierte Anonymisierungsverfahren); (VI) informierte Einversändniserklärung der Teilnehmenden; (VII) Einhaltung des Prinzips der Nichtschädigung von allen an der Datenerhebung, -auswertung und -anwendungen Beteiligten; (VIII) Informationen zur Dauer und Anforderungen der Datenerhebung; (IX) Verschlüsselung von erhobenen Datensätzen; (X) Kontaktdaten der hauptverantwortlichen Forscher*innen sowie Kontaktdaten von Drittpersonen für eventuelle Rückfragen und Beschwerden. Des Weiteren richten wir uns strikt nach aktuellen datenschutzrechtlichen Kriterien (DSGVO)[2], und berücksichtigen – soweit im Sinne der spezifischen Forschungsfrage – auch ferner nach Empfehlungen aus den entsprechen- den migrantischen Selbstorganisationen[3] Hierzu gehören die folgenden Richtlinien für die Erhebung von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten, welche durch die bisher aufgeführten Richtlinien nicht bzw. nur teilweise gedeckt sind: (I) Möglichkeit zu(r) ethnischen Selbstidentifikation(en) der Befragten (offene Angaben); (II) Möglichkeit zur Angabe von mehreren ethnisch – national – kulturell – ideologisch – religiös – X – Gruppenidentifikationen, hybriden, bi-/tri-/X*Y-/trans-/intersektionale Identitäten; und (III) selbstbestimmte Angabe von Diskriminierungserfahrungsmodalitäten (additiv, subtraktiv, interaktiv positiv, interaktiv negativ, multiplikativ, akkumulativ, chronisch, akut), Diskriminierungserfahrungsdimensionalitäten (individuell <-> gruppenbezogen/erfahren <-> beobachtet) und Diskriminierungsstrukturalitäten (institutionell/strukturell/historisch).

Das in Entwicklung befindliche Instrument wird somit in Deutschland das erste, nach höchsten wissenschaftlichen Gütekriterien konzipierte, nach forschungsethischen und datenschutzrechtlichen Bestimmungen durchleuchtete und getestete Erhebungsinstrument für die Erfassung von ethnischer Zugehörigkeit sein. Geplant ist zudem eine zukünftige Verwendung des Instruments zur Beleuchtung von Fragen nach Gleichstellung und Diskriminierung in öffentlichen Verwaltungen und Einrichtungen, im Bildungs- und Gesundheitssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in allen weiteren gesellschaftlich relevanten Kontexten in denen strukturelle, institutionelle und alltägliche Diskriminierungen stattfinden.

Neben der Entwicklung und der Erprobung des Kategoriensystems arbeiten wir an der Erfassung von sogenannten subtilen Diskriminierungsformen. In Zusammenarbeit mit Lennart Görlich (HU Berlin, Psychologie), Dr. Ulrich Klocke  und Ali Can  arbeiten wir an der qualitativen Untersuchung von subtilen Diskriminierungserfahrungen.

Ferner ist eine Kooperation wir mit der Abteilung für medizinische Psychologie an der Humboldt Universität Berlin zur experimentellen Untersuchung von Zusammenhang zwischen ethnischer Diskriminierung und Disparitäten im Gesundheitsbereich geplant.


[1] Siehe: https://provost.harvard.edu/use-human-subjects-research
[2] Für aktuelle Datenschutzrichtlininen in der Wissenschaft siehe: https://www.ratswd.de/dl/RatSWD_Output5_ HandreichungDatenschutz.pdf
[3] Siehe:https://neuedeutsche.org/fileadmin/user_upload/Publikationen/Dossier_Gleichstellungsdaten/NDO_ DOSSIER_RZ.pdf
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Weitere Arbeitschritte

 

Für das erste Quartal 2020 ist die Auswertung der Ergebnisse der Online-Studie und Verschriftlichung eines Zwischenberichts geplant. Im zweiten und dritten Quartal folgt die Durchführung einer Labor-Studie zu gesundheitlichen Folgen von ethnischen Diskriminierungserfahrungen zusammen mit der HU Berlin und der Charité. Die Auswertung und Verschriftlichung der Laborstudie sowie die Entwicklung einer Folgestudie „Ethnische Diskriminierung und Gesundheitsdisparitäten“ sind für das vierte Quartal 2020 anvisiert.

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Projekt Veranstaltungen – Tagungen – Workshops

30.11.2020: Workshop zu Handlungsräumen und -möglichkeiten bei rassistischer Diskriminierung mit Partner*innen aus der Antidiskriminierungsberatung und aus Migrant*innenselbstorganisationen zur Ergänzung und Einordnung der Auswertungsergebnisse für die Praxis

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Projekt – Veröffentlichungen