Ost-Migrantische Analogien I

 


Konkurrenz um Anerkennung

Erste Ergebnisse aus dem Projekt Postmigrantische Gesellschaften (ggf. Monitoring)

Die Studie des DeZIM-Instituts „Ostmigrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung“ untersucht Parallelen in den Abwertungen von benachteiligten Gruppen – in diesem Fall von Ostdeutschen und Muslim*innen.

Projektteam: Prof. Dr. Naika Foroutan, Prof. Dr. Frank KalterDr. Coşkun CananMara Simon. Unter Mitarbeit von Daniel Kubiak und Prof. Dr Sabrina Zajak.


Die Studie zum Download: Ost-Migrantische Analogien 

Methodenbericht: Ost-Migrantische Analogien – Konkurrenz um Annerkennung

Medien-Dossier: Dossier Ost-Migrantische Analogien


In einer repräsentativen bundesweiten Bevölkerungsbefragung, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, haben Wissenschaftler*innen des DeZIM-Instituts Abwertungs- und Anerkennungsprozesse von unterrepräsentierten Gruppen untersucht. Sie konzentrierten sich dabei auf zwei Gruppen, die besonders stark von struktureller Ausgrenzung, aber auch von sozialer Abwertung betroffen sind: Ostdeutsche und Muslim*innen.

„Bis jetzt wissen wir zwar viel über die Erfahrungen der einzelnen Gruppen für sich genommen, aber es gibt wenig systematische Untersuchungen darüber, wo es Parallelen gibt und wo sich die Abwertungserfahrungen unterschieden. Wir wollen einen Beitrag leisten, diese Lücke mit Daten zu schließen“, erklärte Prof. Dr. Frank Kalter, Leiter des DeZIM-Instituts.

„Theorien und Instrumente aus der Integrations- und Migrationsforschung können der Ostdeutschlandforschung wichtige Impulse geben und umgekehrt.“

 

Ähnliche Stereotype

Die Wissenschaftler*innen kommen in der Studie zu dem Ergebnis, dass es tatsächlich einige wichtige Parallelen gibt, vor allem, wenn es um Stereotype geht.

„Ostdeutschen wird ähnlich oft wie Muslimen vorgeworfen, dass sie sich ständig als Opfer sehen“, sagt Prof Dr. Naika Foroutan, Leiterin des DeZIM-Instituts. 36,5% der Westdeutschen sagen das über Ostdeutsche und 41,2% über Muslime. „Die Thematisierung der strukturellen Ungleichheiten kommt in der Mehrheitsgesellschaft also nicht gut an, sie will sie nicht wahrhaben.“

Ein weiterer Vorwurf, der sowohl Muslim*innen als auch Ostdeutschen in ähnlichem Maße gemacht wird, ist eine latente Extremismusnähe. 37,4% der Westdeutschen sagen, Ostdeutsche distanzieren sich nicht genug vom Extremismus. Über Muslim*innen sagen das 43,3% der Westdeutschen.

36,4% der Westdeutschen finden außerdem, dass Ostdeutsche noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen sind. Damit werden Ostdeutsche tendenziell ‚migrantisiert‘. Gegen Muslim*innen ist dieser Vorwurf sogar noch stärker: 58,6% der Westdeutschen (und 66,6% der Ostdeutschen) finden, Muslim*innen seien noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen. Auch hiermit findet eine starke Externalisierung von Muslim*innen aus der deutschen Gesellschaft statt.

„Wir können somit feststellen, dass sich Ostdeutsche und Westdeutsche nicht sonderlich stark in ihren Vorurteilen über Muslime unterscheiden,“ sagt Daniel Kubiak, ein assoziierter Forscher im DeZIM-Projekt.

 

Bürger zweiter Klasse

Ein Drittel der Ostdeutschen sieht sich als Bürger zweiter Klasse (35,3%). Gleichzeitig stimmt ein ähnlich großer Teil der Ostdeutschen (33,8%) zu, dass auch Muslim*innen als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Während 36,4% der Westdeutschen die Benachteiligung von Muslim*innen anerkennt, stimmen nur 18,2% der Westdeutschen zu, dass Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

„Ost- und Westdeutsche erkennen an, dass Muslime benachteiligt werden. Ostdeutsche bewerten ihre eigene Lage interessanterweise ganz ähnlich wie die der Muslime“, erklärt Naika Foroutan. „Die Westdeutschen hingegen erkennen die Benachteiligung der Ostdeutschen nicht an“.  

 

Bedrohung durch den Aufstieg anderer

Eine weitere Fragestellung der Studie war es auch, herauszufinden, ob soziale Gruppen ein Problem damit haben, wenn eine andere soziale Gruppe aufsteigt. Hier zeigte sich ein sehr klarer Unterschied zwischen der Bewertung von Ostdeutschen und von Muslim*innen. Während Westdeutsche nichts dagegen hätten, wenn beispielweise mehr Ostdeutsche Führungspositionen bekleiden würden, hätte ein großer Teil der Westdeutschen (33,8%) und ein noch größerer Teil der Ostdeutschen (47,6%) ein schlechtes Gefühl, wenn mehr Muslim*innen in wichtige Führungspositionen auf dem Arbeitsmarkt kämen.

Ähnlich sieht es beim Thema Bildung aus: Während Bildungserfolge von Ostdeutschen kaum als Bedrohung wahrgenommen werden, stimmten 33,1% der Westdeutschen und 40,4% der Ostdeutschen der Aussage zu, dass man aufpassen müsse, dass Bildungserfolge von Muslim*innen nicht zu Lasten der Bildungschancen der Restbevölkerung gingen.

„Einen Faktor, den es sich lohnt, genauer zu betrachten, ist der Zusammenhang zwischen dem Gefühl, als Gruppe ganz unten zu stehen und der Angst, dass eine andere Gruppe sozial aufsteigt“, sagt dazu Frank Kalter.„Es ist für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft problematisch, wenn gelungene Integration nicht als positiv, sondern sogar als negativ empfunden werden kann“.


Frequently Asked Questions:

Wer wurde für die Studie befragt?

Es wurden in einer telefonischen Zufallsziehung Menschen in Ost- und Westdeutschland, die deutsch sprechen und über 14 Jahre alt sind, zu ihren Einstellungen über Ostdeutsche und über Muslime befragt. Unter den Befragten sind dann natürlich auch Muslim*innen, die randomisiert, also zufällig, gezogen wurden - aber die Zahl der muslimischen Befragten in unserer Stichprobe ist zu klein, um damit repräsentative Aussagen über die Einstellungen von Muslim*innen treffen zu können. Deswegen wurden Sie nicht einzeln ausgewertet. Für weiterführende Forschung zu diesem Thema ist je nach Finanzierungsmöglichkeit vorgesehen, in weiteren Befragungen auch Einstellungen von Muslim*innen in Deutschland zu Abwertungen und Stereotypen zu erheben.

 

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Nach was wurde gefragt?

Es wurde hauptsächlich nach Einstellungengegenüber Ostdeutschen und Muslim*innen gefragt. Das heißt, welche Meinung haben Menschen in Deutschland über diese beiden Gruppen?

Die Studie konzentrierte sich dabei auf folgende Punkte:

- Stereotypisierungen: Welche Zuschreibungen und Eigenarten unterstellen Deutsche in Ost und in West diesen Gruppen ( zum Beispiel: „Die Muslime sehen sich ständig als Opfer“ oder „Die Ostdeutschen sind noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen“)

- empfundene Ungleichheit: Wie glauben die Deutschen werden diese beiden Gruppen behandelt (zum Beispiel:  „Muslime müssen sich mehr anstrengen, um das Gleiche zu erreichen“)

- sogenannte Aufstiegsabwehr: Wie fühlen sich die Deutschen bei dem Gedanken, Muslim*innen oder Ostdeutsche stiegen in der Gesellschaft/auf dem Arbeitsmarkt/in der Bildung auf.

 

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Wonach wurde nicht gefragt?

Die Studie beginnt sozusagen dort, wo Untersuchungen über strukturelle Benachteiligungen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei Bildung, bei Einkommen oder bei Vermögen, aufhören. Diese Benachteiligungen sind bereits gut erforscht und in der Studie des DeZIM-Instituts wird darauf Bezug genommen. Aber in der Studie „Ost-Migrantische Analogien“ geht es um symbolische Abwehr- und Anerkennungsprozesse, nicht um das Messen struktureller Ungleichheit.

Es ging auch nicht darum, Rassismuserfahrungen von Migrant*innen bzw. Erfahrungen von Muslimfeindlichkeit mit den Stereotypen gegenüber Ostdeutsche gleichzusetzen. Es ging nicht um Diskriminierung, sondern um die Betrachtung der beiden Gruppen aus der Perspektive der Westdeutschen und Ostdeutschen.

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Warum wurden zu Einstellungen ausgerechnet über diesen beiden Gruppen – Ostdeutsche und Muslime – gefragt?

Nichtdominante Gruppen in Deutschland sind von unterschiedlichen Formen der Abwertung betroffen. Zwei dieser Gruppen sind in den gesellschaftspolitischen Diskursen der letzten Jahre überpräsent. Von Ostdeutschen und von Muslim*innen wissen wir, dass sie zum einen von struktureller Ungleichheit betroffen sind (in Bezug auf Bildung, Einkommen, Arbeit etc) und gleichzeitig symbolische Abwertungen erfahren, also in besonderem Maße mit negativen Stereotypen gegenüber ihrer Gruppe konfrontiert sind. Sozialwissenschaftlich ist es außerdem von besonderem Interesse, soziale Gruppen miteinander zu vergleichen, die als höchst unterschiedlich wahrgenommen werden. Denn finden sich bei diesem Vergleich Analogien, so kann uns das darüber aufklären, dass Erklärungen, die wir aus den Gruppen selbst heraus ziehen, möglicherweise zu vereinfachend sind („weil Ihre Kultur so ist“, „weil sie nicht in einer Demokratie gelebt haben“). Wenn es also gegenüber zwei gänzlich unterschiedlichen sozialen Gruppen ähnliche Stereotype gibt, lässt dies möglicherweise eher Rückschlüsse auf die stereotypisierenden Akteure und ihre Privilegien und Dominanz in der Gesellschaft zu.

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Warum Muslim*innen und nicht Migrant*innen?

Die Wissenschaftler*innen haben sich auf die Abfrage der Einstellungen zu Muslim*innen konzentriert, statt zu Migrant*innen allgemein zu fragen, weil erstens der öffentliche und politische Diskurs sich besonders auf diese Gruppe zugespitzt hat, zweitens weil sie gleichzeitig den politischen Bezugs- und Referenzrahmen für das negative Verhalten der anderen hier untersuchten Gruppe bilden – nämlich der Ostdeutschen. Es ist bekannt, dass sich die rechtspopulistischen Parteien europaweit vor allem antimuslimisch positionieren. Ostdeutsche und Muslim*innen bilden also bereits ein diskursives Bezugspaar. Drittens war für die Untersuchung eine Einschränkung der sehr diversen Gruppe der Migrant*innen nötig.

Selbstverständlich sind nicht alle Muslim*innen gleichzeitig auch Migrant*innen.

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Wer ist denn überhaupt Ostdeutscher

In der Studie wurde der Wohnort als Kriterium gewählt, damit eine Vergleichbarkeit zu anderen wissenschaftlichen Untersuchungen besteht, die i.d.R. diese Definition als Grundlage nehmen. Die Definition „Ostdeutscher ist, wer in Ostdeutschland wohnt“ ist allerdings schwierig. Menschen, die aus Westdeutschland zugezogen sind und im Osten leben, werden ebenfalls als ostdeutsch gezählt, und Menschen, die in der DDR geboren und sozialisiert wurden, jetzt aber in Westdeutschland leben, werden als westdeutsch gezählt. Andere Definitionen werfen andere Fragen auf: Ist man als in Westdeutschland geborenes Kind von zwei Ostdeutschen ostdeutsch oder westdeutsch? Schließt der Begriff ostdeutsch implizit mit ein, dass man die DDR bewusst miterlebt hat? Wer identifiziert sich selbst als ostdeutsch? Das sind spannende Fragen, über die es sich lohnt, nachzudenken, nicht nur in der Sozialforschung. Dazu werden wir in Kürze eine Kurzexpertise vorlegen.

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