Die Erfassung von Mehrfachdiskriminierung und ihrer Dynamiken

 


Projekt: Die Erfassung von Mehrfachdiskriminierung und ihrer Dynamiken

Beginn: 01.09.2018

Dauer: 2 Jahre

Projektkoordination: Dr. Fatih Uenal


 

Inhalt

In diesem Projekt soll eine empirische Datengrundlage zur Erfassung von Mehrfachdiskriminierungen geschaffen werden, die im Kontext der Einwanderungsgesellschaft Deutschland eine Rolle spielen. Die in amtlichen Statistiken und empirischen Studien verwendete Kategorie des „Migrationshintergrunds“ (MH) ist nicht ausreichend, um die vielschichtigen und ganz unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen zu erfassen, denen Menschen in der Einwanderungsgesellschaft ausgesetzt sind. Dies ist in erster Linie der Schwierigkeit der Messung von Mehrfachdiskriminierung geschuldet.

Zunächst ist die Entwicklung von geeigneten Kategorien (jenseits des MH) zur Sichtbarmachung von Diskriminierungserfahrungen notwendig. Hier spielen neben dem ethnischen Hintergrund (Rassismus) auch das Geschlecht (Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit), die Religionszugehörigkeit, die soziale Schichtzugehörigkeit (Klassismus) sowie weitere Merkmale wie Familienstand, körperliche und geistige Einschränkungen eine wichtige Rolle. Das Projekt versucht auch eine Erfassung von Diskriminierungsformen, die auf sichtbare Minderheiten abzielen, d.h. bspw. die Erfassung von Anti-Schwarzen-Rassismus.

Daran anknüpfend soll der Blick auf das Zusammenwirken verschiedener Formen von Diskriminierung gerichtet werden, wobei der Unterschied von Selbst- und Fremdzuschreibung von Identitäten (z.B. Benachteiligung, Bevorzugung etc.) berücksichtigt wird. Grundsätzlich handelt es sich dabei nicht um die bloße Addierung von Diskriminierungen; stattdessen ist anzunehmen, dass sich unterschiedliche Formen der Diskriminierung gegenseitig beeinflussen und verstärken. Es bedarf einer voraussetzungsvollen empirischen Grundlage, um die komplexen Dynamiken, mit denen Menschen aufgrund ihrer (selbst/-zugeschriebenen) Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen diskriminiert werden, abzubilden.

 


Aktueller Projektstand

 

Die Erfassung von Mehrfachdiskriminierung und ihrer Dynamiken

 

Am DeZIM-Institut arbeiten wir zusammen mit migrantischen Selbstorganisationen, der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Humboldt Universität zu Berlin und internationalen Forscher*innen an der Entwicklung eines innovativen Kategoriensystems zur Erhebung von ethnischer Zugehörigkeit (X*Y*Z Dimensionen), welches der Komplexität des Phänomens ethnischer Diskriminierung wissenschaftlich gerecht zu werden versucht.

In diesem Kontext haben wir durch Expertengespräche, Dialogwerkstätten, und internationalen und interdisziplinären Kooperationen einen umfangreichen Fahrplan entwickelt um das Phänomen der Mehrfachdiskriminierung in Deutschland wissenschaftlich robust zu untersuchen.

Als Teilprojekt dieses größer angelegten Forschungsvorhabens haben wir beispielsweise zusammen mit dem Center for Intersectional Justice (CIJ) einen Bericht zum Thema Intersektionalität erstellt, in welchem der Themenkomplex Intersektionale Diskriminierung einem breiteren Publikum vorgestellt wird. Kapitel 4 des Berichtes geht auf das Themenfeld der statistischen Erfassung von ethnischer Diskriminierung als Grundlage für soziale, politische und wissenschaftliche Behandlungen des Zusammenhangs zwischen Ethnizität und Mehrfachdiskriminierung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ein (Bericht CIJ) Das Kapitel beleuchtet zahlreiche Eckpunkte, welche für die Erstellung eines Kategoriensystems nach wissenschaftlichen Kriterien erforderlich sind.

Neben der wissenschaftlichen Reliabilität und Validität des zu entwickelnden Kategoriensystems und seiner Operationalisierung werden höchste forschungsethische und datenschutzrechtliche Anforderungen berücksichtigt und umgesetzt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf speziellen datenschutzrechtlichen und forschungsethischen Fragestellungen, welche bei der Konzipierung, Erhebung, Speicherung und Auswertung von sensiblen Daten zu vulnerablen Populationen berücksichtigt werden müssen.[1] Hierzu gehören unter anderem (I) die Freiwilligkeit der Teilnahme; (II) die Möglichkeit, jederzeit die Teilnahme an Befragungen abzubrechen; (III) eine Ausführliche Aufklärung über den Sinn und Zweck der Befragungen; (IV) eine Aufklärung über die Art, Dauer und Orte der Speicherung der erhobenen Daten; (V) eine Gewährleistung der Anonymität der Befragten, welche keine Rückschlüsse von Angaben aus den Befragungen auf identifizierbare Personendaten zulässt. (getrennte Speicherung von personenbezogenen Daten und Angaben aus den Befragungen durch standardisierte Anonymisierungsverfahren); (VI) informierte Einversändniserklärung der Teilnehmenden; (VII) Einhaltung des Prinzips der Nichtschädigung von allen an der Datenerhebung, -auswertung und -anwendungen Beteiligten; (VIII) Informationen zur Dauer und Anforderungen der Datenerhebung; (IX) Verschlüsselung von erhobenen Datensätzen; (X) Kontaktdaten der hauptverantwortlichen Forscher*innen sowie Kontaktdaten von Drittpersonen für eventuelle Rückfragen und Beschwerden. Des Weiteren richten wir uns strikt nach aktuellen datenschutzrechtlichen Kriterien (DSGVO)[2], und berücksichtigen – soweit im Sinne der spezifischen Forschungsfrage – auch ferner nach Empfehlungen aus den entsprechen- den migrantischen Selbstorganisationen[3] Hierzu gehören die folgenden Richtlinien für die Erhebung von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten, welche durch die bisher aufgeführten Richtlinien nicht bzw. nur teilweise gedeckt sind: (I) Möglichkeit zu(r) ethnischen Selbstidentifikation(en) der Befragten (offene Angaben); (II) Möglichkeit zur Angabe von mehreren ethnisch – national – kulturell – ideologisch – religiös – X – Gruppenidentifikationen, hybriden, bi-/tri-/X*Y-/trans-/intersektionale Identitäten; und (III) selbstbestimmte Angabe von Diskriminierungserfahrungsmodalitäten (additiv, subtraktiv, interaktiv positiv, interaktiv negativ, multiplikativ, akkumulativ, chronisch, akut), Diskriminierungserfahrungsdimensionalitäten (individuell <-> gruppenbezogen/erfahren <-> beobachtet) und Diskriminierungsstrukturalitäten (institutionell/strukturell/historisch).

Das in Entwicklung befindliche Instrument wird somit in Deutschland das erste, nach höchsten wissenschaftlichen Gütekriterien konzipierte, nach forschungsethischen und datenschutzrechtlichen Bestimmungen durchleuchtete und getestete Erhebungsinstrument für die Erfassung von ethnischer Zugehörigkeit sein. Geplant ist zudem eine zukünftige Verwendung des Instruments zur Beleuchtung von Fragen nach Gleichstellung und Diskriminierung in öffentlichen Verwaltungen und Einrichtungen, im Bildungs- und Gesundheitssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in allen weiteren gesellschaftlich relevanten Kontexten in denen strukturelle, institutionelle und alltägliche Diskriminierungen stattfinden.

Neben der Entwicklung und der Erprobung des Kategoriensystems arbeiten wir an der Erfassung von sogenannten subtilen Diskriminierungsformen. In Zusammenarbeit mit Lennart Görlich (HU Berlin, Psychologie), Dr. Ulrich Klocke  und Ali Can  arbeiten wir an der qualitativen Untersuchung von subtilen Diskriminierungserfahrungen.

Ferner ist eine Kooperation wir mit der Abteilung für medizinische Psychologie an der Humboldt Universität Berlin zur experimentellen Untersuchung von Zusammenhang zwischen ethnischer Diskriminierung und Disparitäten im Gesundheitsbereich geplant.


[1] Siehe: https://provost.harvard.edu/use-human-subjects-research
[2] Für aktuelle Datenschutzrichtlininen in der Wissenschaft siehe: https://www.ratswd.de/dl/RatSWD_Output5_ HandreichungDatenschutz.pdf
[3] Siehe:https://neuedeutsche.org/fileadmin/user_upload/Publikationen/Dossier_Gleichstellungsdaten/NDO_ DOSSIER_RZ.pdf

 

mehrweniger

 

Methodik

 

Das Vorhaben soll als eine Machbarkeitsstudie zur qualitativen und quantitativen Erfassung von Mehrfachdiskriminierung durchgeführt werden. Am Anfang steht dabei eine systematische Sichtung der nationalen und internationalen Literatur. Die Erkenntnisse daraus werden in einer Dialogwerkstatt vorgestellt und mit Vertreter*innen verschiedener zivilgesellschaftlicher Gruppen, Antidiskriminierungsstellen, Politik und Wissenschaft im Sinne einer partizipativen Forschung diskutiert. Die Rückmeldungen werden in die Entwicklung eines geeigneten Kategorien- und Erhebungsinstruments einfließen. Die Kreierung/Genese von Kategoriengruppen bildet die Grundlage für die Identifizierung von Personen für qualitative Befragungen (Fall-Vignetten).

Aufbauend auf den Ergebnissen der qualitativen Untersuchung wird Mehrfachdiskriminierung unter Einsatz von experimentellen Methoden von der Betroffenenseite aus untersucht. Im Fokus steht also die Frage, wie Individuen, die gleichzeitig in mehrfach-stigmatisierte soziale Kategorien fallen, Diskriminierungserlebnisse einordnen und verarbeiten (Pilotstudie).

  • Wie gehen Betroffene von Mehrfachdiskriminierung mit ihren Diskriminierungserfahrungen um?
  • Welche Formen der Diskriminierung (Rassismus, Sexismus, Klassizismus) werden als besonders häufig und folgenschwer erlebt?
  • Welche Auswirkungen haben diese Erfahrungen auf psychische und körperliche Gesundheit?
  • Welche Formen der persönlichen Bewältigungsstile und -kompetenzen lassen sich identifizieren?

Daneben liegt das Augenmerk auf den Effekten von Diskriminierungserfahrungen für die gesellschaftliche Aushandlung von Konflikten und Konsens: Diskriminierungserfahrungen können zu Solidarisierungen zwischen verschiedenen Gruppen führen und neue Allianzen entstehen lassen. Gleichzeitig können Diskriminierungserfahrungen auch Abgrenzungs- und Abschottungsmechanismen aktivieren und in Form von horizontaler oder vertikaler Diskriminierung anderer gesellschaftlicher Gruppen bestehende gesellschaftliche Fragmentierungen verstärken. Die Untersuchungen der Pilotstudie sollen einen ersten Aufschluss geben über Formen, Dimensionalität, Verbreitungsgrad, Vergleichbarkeit und Ausprägungen von Mehrfachdiskriminierungen und sowohl ihre sozialen und psychischen Konsequenzen für die Betroffenen als auch die weiterreichenden Konsequenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sollen untersucht werden. Der Endbericht wird Empfehlungen dafür enthalten, ob die Umsetzung in ein umfangreicheres längerfristiges Projekt sinnvoll ist. Er wird in einem weiteren Workshop mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, zivilgesellschaftlichen Organisationen und anderen relevanten Akteuren (z.B. Jurist*innen) diskutiert.

mehrweniger

 

Arbeitsschritte (2 Jahre)

 

01.09.2018 - 31.12.2018

Literatursichtung 
Entwicklung Kategoriensystem zur Erfassung von Mehrfachdiskriminierung

01.01.2019 - 31.06.2019

Interviews und Fall-Vignetten mit Betroffenen und Zwischenbericht, Dialogwerkstatt II

01.07.2019 - 31.12.2019 

Online-Pilotstudie und Endbericht, Abschlussworkshop

01.01.2020 - 31.08.2020

Abschlussworkshop, Einbettung der Daten in den internationalen Vergleich, Artikel in begutachteten Zeitschriften, Konzeption der Langzeitstudie zu Teilhabekonflikten

 

mehrweniger

 

Projekt Veranstaltungen – Tagungen – Workshops

 

18. September 2019, 18:30 Uhr

Justice for all – or no justice at all: Intersektionalität und Antidiskriminierung in Deutschland

Berichtspräsentation und Diskussion

Wann: 18. September 2019, 18:30 Uhr
Wo: Podewil, Klosterstraße 68, 10179 Berlin

Dr. Emilia Roig, Center for Intersectional Justice (CIJ)
Saboura Naqshband, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut)
Nathalie Schlenzka, Antidiskriminierungsstelle des Bundes

mehrweniger

 

Projekt – Veröffentlichungen