Engagement und Zugehörigkeit: Vereinsarbeit und politische Bildung muslimischer Jugendlicher

 


Projekt: Engagement und Zugehörigkeit – Vereinsarbeit und politische Bildung muslimischer Jugendlicher

Beginn: 01.06.2019 

Dauer: 2 Jahre

Projektkoordination:  Nina-Kathrin Wienkoop 


 

Inhalt und Fragestellung

Zugehörigkeiten zu Gruppen und Gemeinschaften sind eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und gelingende Integration. Zugehörigkeiten basieren auf den sozialen Positionen einer Person (Geschlecht, Klasse und Herkunft), aber auch auf der individuellen Identifikation und emotionalen Bindung an Gruppen sowie geteilten Wertevorstellungen und politischen Einstellungen. Wer dazugehört und wer nicht und warum, ist allerdings häufig stark umstritten. In der umkämpften Konstruktion von Zugehörigkeit geht es auch um Rechte und Möglichkeiten der Teilhabe in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Engagement in Vereinen, Gewerkschaften und Verbänden zählt im Allgemeinen als ein zentraler Ort der Herstellung von Zugehörigkeit und Inklusion. Im Besonderen prägend ist die Adoleszenz-Lebensphase. Da sich Jugendliche mit Migrationshintergrund und/oder anderen ethnischen oder religiösen Identitäten häufig nicht in etablierten Ehrenamtsstrukturen einbringen, wird erstens eruiert, wie Forschung zum Umfang und dem Inhalt des Engagements Jugendlicher in überwiegend noch informellen Strukturen flächendeckend durchgeführt werden kann. Zweitens wird nach dem Zusammenhang zwischen Engagement und Zugehörigkeit gefragt. Inwiefern unterscheiden sich „anerkannte Jugendvereine“ von Vereinen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (VJM) bzw. Migrantenjugendselbstorganisationen (MJSO)?

Das Projekt fokussiert zunächst auf Vereine von Jugendlichen mit Migrationshintergrund selbst als einer der zentralen Sozialisationsarenen. Es fehlt ein Überblick darüber, inwiefern sie sich in der bestehenden Jugendverbandsarbeit einbringen, welche Hindernisse hierfür bestehen (können) und welche neuen Initiativen oder Bewegungen durch sie oder für sie entstehen, die sich explizit an junge Menschen mit migrantischem Hintergrund richten. Einen Teil dieser Wissenslücke soll das Forschungsprojekt schließen, indem es einen Überblick über die Vereine von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (VJM) bzw. Migrantenjugendselbstorganisationen (MJSO) liefert, die explizit Jugendliche mit Migrationshintergrund adressieren und einen (jugend-)politischen Zweck verfolgen, und wie diese mit anderen ‚anerkannten‘ Organisationen vernetzt sind. Es wird untersucht, auf welche Weise Zugehörigkeit, aber auch Ausgrenzung zwischen verschiedenen Vereinen bzw. Verbänden konstruiert wird. Ziel ist es, konkrete Handlungsvorschläge für die Herstellung von Zugehörigkeit und Chancengleichheit zu entwickeln und diese mit den jeweiligen Organisationen in Bezug auf Organisationswandel, politische Bildungsarbeit und Mitgliedergewinnung zu diskutieren.


Methodik

 

Das Projekt untersucht Praktiken und Strategien der Konstruktion von Zugehörigkeit zunächst am Beispiel der Jugendverbandsarbeit. Insbesondere bei den Initiativen, die noch nicht in Jugendringen organisiert oder gar in Vereinen verfasst sind, sich aber auf der Schwelle zu dieser Professionalisierung befinden, gibt es noch erheblichen Forschungsbedarf aufgrund der bisher mangelhaften bzw. fehlenden Erfassung solcher Initiativen. Der Fokus soll zunächst auf bundesweit aktiven Organisationen liegen. In der zweiten Forschungsphase sollen exemplarisch Organisationen in Berlin erhoben werden. Abhängig vom Verlauf der Erhebung soll ggf. noch eine weitere Fallstudie untersucht und verglichen werden. Hierfür entstehen aktuell eine Datenbank sowie ein Codebuch.

Um die gruppenbezogenen Diskriminierungen und Konfliktdynamiken zu erheben, soll anschließend ein Planspiel organisiert werden. Dies soll ermöglichen, die zentralen Konfliktdimensionen für Teilhabegerechtigkeit herauszufiltern. Nach einer Erhebung dieser Organisationen und Analysedimensionen sollen leitfadengestützte Interviews mit Jugendlichen und Vertreter*innen der Initiativen zu Maßnahmen und Praktiken der Zugehörigkeits- und Teilnahmekonstruktion durchgeführt werden.

Auf Basis der qualitativen Erkenntnisse sowie der Netzwerkanalyse soll abschließend eine Befragung der Mitglieder der VJM bzw. MJSO durchgeführt werden, die insbesondere auf die Erfassung des Zusammenhangs zwischen Zugehörigkeitswahrnehmung und Teilhabe in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen abzielt. Auch sollen in dieser Pilotstudie Fragen nach dem Verständnis von Staat, Demokratie und der Rolle von Religion und Ethnizität sowie nach persönlichen, strukturellen und institutionellen Hürden für ein Engagement gestellt werden. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen die Basis für die Formulierung von Handlungsempfehlungen bilden, wie Chancengleichheit in den entsprechenden Engagementstrukturen hergestellt und zugleich die Prinzipien eines selbstbestimmten jugendlichen Engagements gesichert werden können.

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Aktueller Stand

 

In der ersten Forschungsphase wurden zunächst der Forschungsstand zu dem bisher nicht systematisch untersuchten Thema erarbeitet sowie Kontakte ins Forschungsfeld aufgebaut und erste Interviews geführt. Die Interviews zielten neben dem Netzwerkaufbau vor allem zur Eruierung von Forschungsbedarf und -interessen seitens der Zielgruppe. Hierbei wurden sowohl die zentralen Akteur*innen jugendpolitischer Gremien als auch Vereine von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bzw. Migrantenjugendselbstorganisationen befragt. Darauf aufbauend wurde ein Forschungsdesign erstellt und Forschungsfragen sowie erste Annahmen zu den Teilhabechancen formuliert. Darüber hinaus wurde mit dem Aufbau einer Datenbank zu den Bundesjugendringen und Dachverbänden sowie zu migrantischen Jugendverbänden und -initiativen in Berlin begonnen. Ebenfalls entstand ein erster Entwurf für ein vielfaltssensibles Codebuch, was in den nächsten Quartalen kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Parallel wurden erste Veranstaltungen konzipiert zur Rolle von Jugendverbänden in einer postmigrantischen Gesellschaft und zum Umgang mit rechtspopulistischen Fremdkonstruktionen im Netz (HateSpeech), die im Dezember 2019 stattfinden. Außerdem wurde ein Konzept für ein Sonderheft zum Thema „Vielfältigkeit Jugendengagement“ in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Birgit Jagusch erarbeitet, wozu derzeit ein Autor*innen-Workshop, u. a. mit Kolleg*innen vom DJI und aus der Praxis, organisiert wird.

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Weitere Arbeitsschritte 

 

Für das erste Halbjahr 2020 ist eine qualitative Erhebung unter den Engagierten und Vereinen bzw. Verbänden (Migrantische Selbstorganisationen und etablierte Institutionen) in Form eines Planspiels und Einzelinterviews geplant. Ein Überblick über Netzwerke der Bundes- und Berliner Jugendverbandsarbeit soll erstellt werden. Geplant ist zudem ein Zwischenbericht bzw. die Veröffentlichung erster Ergebnisse. Im zweiten Halbjahr soll ein Kurzsurvey zum Testen der Messung von Zugehörigkeitskonstruktionen für Mitglieder von VJM bzw. MJSO erstellt werden sowie eine erste Pilotbefragung unter den engagierten Jugendlichen innerhalb von Vereinen erfolgen. Für das erste und zweite Quartal 2020 sind eine Auswertung des Pilotsurveys sowie die Erstellung eines Berichts und eine gemeinsame Veranstaltung mit den Partner*innen geplant. Weitere Publikationen und Formen des Wissenstransfers in die Praxis sind anvisiert.

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Kooperationspartner*innen

 

DJI; JUMA (Jung-Muslimisch-Aktiv); Türkische Gemeinde Deutschland (TGD); Young Voice; Jugendmigrationsbeirat Berlin (JMB); LJR Berlin; Junge Islam Konferenz (JIK); Deutscher Bundesjugendring (DBJR)

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