Architektur und Planung von Flüchtlingslagern


Projekt: Architektur und Planung von Flüchtlingslagern

Laufzeit: 01.04.2021 – 31.12.2022

Projektkoordination: Dr. Serhat Karakayali

Mitarbeitende:  Dr. Chaghaf Howayek, Aurelia Streit

 


 

Inhalt und Fragestellung

In 2019 lebten weltweit schätzungsweise 62 Millionen Menschen in Flüchtlingslagern (UNHCR, 2019). Flüchtlingslager sind Orte, die von humanitären Missionen (meist der UN) geplant und in der Regel von den Streitkräften des jeweiligen Aufnahmelandes beschützt werden. Die Funktion solcher Lager ist es, Flüchtlinge während einer akuten Krise Schutz und neben einer Behausung auch Nahrung, medizinische Versorgung und andere grundlegende Dienstleistungen anzubieten. Flüchtlingslager sind als temporäre Bauten definiert, werden aber de facto oft zu dauerhaften Lebensorten. Mit der steigenden durchschnittlichen Dauer humanitärer Krisen werden Flüchtlingslager seltener aufgelöst – teils verbleiben die Bewohner*innen jahrzehntelang, etwa in den Lagern von Dadaab (Kenia) oder Shatila (Libanon). Ein genauerer Blick auf die geopolitischen Kontexte solcher Lager lässt einen Zusammenhang zwischen der Planung und dem Betrieb temporärer Strukturen und den Erwartungshorizonten in Bezug auf eine Rückkehr der Flüchtlinge vermuten. Solche Erwartungen, so die These, spielen sowohl für organisationale Akteure als auch Individuen und Familien eine wichtige Rolle für die Herausbildung räumlich gebundener sozialer Strukturen, Nutzungs- bzw. Aneignungsweisen der Lager-Infrastruktur und sind insofern folgenreich für Migrationsdynamiken.

Das Projekt geht damit der Frage nach, wie sich die in Planung, Betrieb und Nutzungsweisen jeweils niederschlagenden Erwartungshorizonte gegenseitig beeinflussen und ob (und inwiefern) dadurch Migrationsentscheidungsprozesse beeinflusst werden. Unter welchen Umständen haben bauliche oder raumplanerische Aspekte Folgen für die Mobilitätsstrategien von Menschen auf der Flucht? Sind Lager speziell darauf ausgerichtet, die Rückkehr zu fördern und zu sichern und wenn ja, gelingt ihnen das überhaupt?


Forschungsfragen

Lager sind laut der Wortherkunft vorübergehende Unterkünfte, welche historisch im Kontext militärischer Mobilität entstanden sind. Sie sind die Antwort auf ein logistisches Problem: das der Versorgung und Unterbringung von großen Menschengruppen auf absehbarer Zeit. Während militärische Lager Mobilität ermöglichen sollen, sind moderne Lager für Flüchtlinge der Idee nach nicht darauf ausgelegt, ihren Bewohner*innen Mobilität zu ermöglichen. Die Dauer eines Camps und Fragen über den weiteren Verbleib der Flüchtlinge werden durch die unmittelbare Notlage der Flucht in den Hintergrund gedrängt und bleiben meist unbeantwortet, denn Krisensituationen erfordern schnelle Planung und Umsetzung, im Zentrum steht die Deckung der Grundbedürfnisse im Sinne des humanitären Mandats. Das Fehlen zeitlicher Orientierung führt auf Seiten der Bewohnerinnen solcher Lager zu Herausforderungen. Dennoch handelt es sich um Orte, an denen Flüchtlinge leben und sozial interagieren. Die UNHCR (2007) berichtete bereits vor dem Ausbruch der jüngsten langwierigen Krisen (insbesondere des Bürgerkriegs in Syrien) von einer durchschnittlichen Lebensdauer eines Lagers zwischen 9 und 17 Jahren. Ausgangspunkt des Projekts ist diese Kluft zwischen dem Paradigma des Transienten, das sich auch in der Planung von Lagern widerspiegelt und der seit Jahrzehnten gemachten Beobachtung, dass die große Mehrzahl von Lagern Jahre bis Jahrzehnte bestehen (UNHCR, 2018). Aus diesem Kontrast ergeben sich für die involvierten Akteure, insbesondere aber für die Flüchtlinge selbst, enorme Herausforderungen in Bezug auf die Nutzungsweisen solcher temporären Infrastrukturen. Wir vermuten, dass die von den Bewohner*innen mitgebrachten Konzepte von Lebensplanung oder auch intergenerationaler Verantwortung (innerhalb des Familienverbands etwa) durch die paradoxe Struktur der Situation unter “Stress” gesetzt werden, weil sie eine Zukunftsdimension beinhalten, die von den Strukturen innerhalb solcher Lager nicht bearbeitet werden können. Werden solche für die Gestaltung von Lebensführungen wichtige Konzepte überfordert, dann – so ist zu vermuten – könnte dies signifikante Folgen für Mobilitätsentscheidungen haben.

Wir gehen daher auf die folgenden Forschungsfragen ein:

  1. Auf welche Weise können architektonische Planung bzw. Verwaltung solcher Orte eine Rolle in Entscheidungsprozessen spielen, die Folgen für Mobilitätsverhalten und Integrationsdynamiken haben? 
  2. Inwiefern spielen die in Lagern gemachten Erfahrungen der Bewohner*innen eine Rolle im Entscheidungsfindungsprozess in Bezug auf die weitere Mobilität? Inwiefern hängen solche Erfahrungen mit räumlichen Strukturen zusammen, die den Bewohnern zur Verfügung gestellt werden (z.B. Wohnräume, getrennte Räume für Männer, Frauen, Familien, Gemeinschaftsräume usw.)?
  3. Welche Rolle spielen (oftmals unerlaubte) Aneignungs- bzw. Umdeutungspraktiken bei der Moderation von Migrationsentscheidungsprozessen? Im Fall des Lagers in Zataari haben Bewohner*innen etwa private Waschräume gebaut oder Zelte den Familienstrukturen entsprechend umgestaltet, oder auch Märkte für Schmuggelware und den Verkauf von Nahrungsmittelhilfe errichtet. Können solche "Bewältigungsstrategien" im Hinblick auf die zeitliche Unsicherheit Einblicke in die Potentiale alternativer Planungsstrategien geben?
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Methodik

Die Forschungsfragen sollen durch die Methode des kontrastierenden Fallvergleichs (Kleemann et al 2013) operationalisiert werden. Dabei wird mittels “theoretischem Sampling” (ebd.) eine Auswahl am Forschungsmaterial vorgenommen, die im Idealfall aus einem Forschungsprozess heraus generiert wird und im Normalfall der Typenbildung dient (Flick 1990), oder alternativ in Anschluss und als Fort- und Weiterführung der thematisch relevanten Literatur geschehen kann. Kontrastiert werden sollen in dem hier vorliegenden Vorhaben zwei Flüchtlingslager, eines in Zaatari (Jordanien) und das – nicht mehr existente Lager in Moria (Griechenland). Der Kontrast bezieht sich dabei zunächst und zentral auf ihre unterschiedlichen Nutzungsweisen: Das Camp in Zaatari wurde ursprünglich nach den Richtlinien des UNHCR-Handbuchs für Notfälle errichtet und später von seinen Bewohner*innen umgenutzt. Es ist aufgrund seines schnellen Wachstums und der Veränderungen, die die Bewohner an den räumlichen Strukturen vornahmen, zu einem der bekanntesten Lager weltweit geworden (PBS NewsHour, 2013; Howayek, 2014). Dagegen ist das relativ neue Lager in Moria zwar ebenfalls schnell gewachsen, es haben sich aber keine vergleichbaren Aneignungsstrukturen herausgebildet, vielmehr stand zunehmend die Reglementierung alltäglicher Praktiken seiner Bewohner*innen im Vordergrund. Der Vergleich soll also zunächst ermöglichen, jene Faktoren zu isolieren, die die Entwicklung über die Notstandsphase hinaus bestimmten und welchen Einfluss Planung/Verwaltung auf weitere Mobilitätsentscheidungen haben (die vermutlich als Selbst-Selektionen fungieren und damit Folgen für die Integrationsdynamiken in den Ankunftsländern). Der Vergleich ist von analytischer Relevanz, weil beide Lager in Bezug auf Planung und Management (Grundbedürfnisse/ Humanitäre Hilfe/ Übergangslösungen) auf den gleichen Prinzipien beruhen.

Die Datengrundlage des Projekts sind Primär- und Sekundärdaten qualitativer Natur. Die Primärdaten werden aus semi-strukturierten Interviews, Dokumentenanalysen, partizipativen und nicht-partizipativen Beobachtungen sowie einer Kartierung räumlicher Verschiebungen, einschließlich Karten, Pläne und Satellitenbilder bestehen. Die halbstrukturierten Interviews werden mit ehemaligen und gegenwärtigen Bewohner*innen der Lager (insgesamt 20) durchgeführt.

Die Datenerhebung ist zudem fallspezifisch strukturiert und geht auch nach forschungspragmatischen Gesichtspunkten vor:

  • Der Fall Zataari wird einerseits auf Daten aufbauen, die die zuständige Mitarbeiterin (Howayek, 2014) bereits im Rahmen eines Projekts zu Flüchtlingslagern zwischen 2013 und 2014 erhoben hatte. Diese Daten werden ergänzt mit strukturierten Interviews mit UNHCR-Mitarbeitern und Regierungsvertretern, die Aufschluss über Planungsentscheidungen geben sollen und dazu beitragen, Wendepunkte im Planungsprozess zu identifizieren (wenn z.B. die anfängliche Struktur von den Richtlinien abweicht). Die Datenerhebung und die Experteninterviews können online über Video-Plattformen durchgeführt werden.
  • Die Fallstudie zu Moria ist seit dem Brand im Sommer 2020 mit einer veränderten Feldsituation konfrontiert. Zwar existiert das Lager nicht mehr, dennoch lassen sich die relevanten Informationen durch Interviews rekonstruieren, da es in Griechenland und anderswo ehemalige Bewohner*innen gibt. Auch andere relevante Akteure (Verwaltung, Planung, etc.) müssen zwar identifiziert werden, sind aber durch ihre organisationalen Kontexte auch lokalisierbar.
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