COVID-19 und die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge im Transit


Projekt: COVID-19 und die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge im Transit

Laufzeit: 01.01.2021 – 31.12.2022

Projektkoordination: Dr. Serhat Karakayali

MitarbeitendeSamuel Zewdie Hagos, Dr. Chaghaf Howayek

 


 

Inhalt und Fragestellung

Der Ausbruch von COVID-19 und die drastischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung haben u.a. zu einer lebhaften Debatte über den Zugang zu medizinischer Versorgung für Migrant*innen geführt. Es ist davon auszugehen, dass vor allem mit Blick auf kommende, neue grenzüberschreitende Pandemien, der Nexus zwischen Gesundheitspolitik und Fluchtmigration sich noch zuspitzen wird.

Ein Ausgangspunkt der Überlegungen, die zu diesem Projekt geführt haben ist die Beobachtung, dass in den wichtigsten Transit- und Aufnahmeländern der Zugang von Flüchtlingen und Asylsuchenden zu Gesundheitsdiensten durch Seuchenausbrüche erschwert wird. Die allgemeine Belastung der Gesundheitssysteme hat in vielen Ländern den oftmals ohnehin eingeschränkten Zugang von Migrant*innen und Flüchtlingen zu Gesundheitsdiensten weiter verschärft.

Neben der Frage, welche sozialen Determinanten den Zugang zur Gesundheitsversorgung bestimmen, kommen hierbei auch (sozial)räumliche, flüchtlingsrechtliche und geografische Aspekte ins Spiel, also etwa Unterschiede zwischen Bewohner*innen von Lagern und anderen Unterbringungsarten, Herkunftsländern oder auch des jeweiligen Schutzstatus. Ein weiterer wichtiger Aspekt hängt mit jenen Veränderungen zusammen, die die gesundheitspolitischen Maßnahmen in Bezug auf die Rationalitäten des Politischen haben. Diese betreffen zweifellos nicht nur Flüchtlinge, haben jedoch - dem soll diese Studie auch nachgehen - spezifische Konsequenzen für diese Teilpopulation hinsichtlich ihrer politischen, administrativen und symbolischen Inklusion (oder Exklusion).

Vor diesem Hintergrund soll in dieser qualitativen Studie untersucht werden, inwiefern sich die aktuelle Pandemie auf den Zugang von Flüchtlingen zu Gesundheitsdiensten in der Türkei auswirkt und dabei fragen, wie sich die gegenwärtig zentrale Rolle von Gesundheitspolitik auf die Muster der Ein- und Ausgrenzung von Flüchtlingen und Asylsuchenden auswirkt.


Forschungsfragen

Der Zugang von Flüchtlingen und Asylsuchenden zur Gesundheitsversorgung hängt von zahlreichen sozialen, kulturellen oder auch rechtlichen Faktoren ab, die teils durch die institutionelle Landschaft, in der sie leben, moderiert werden (siehe Kohlenberger et al., 2019). Grad und Umfang der Herausforderungen, denen sich Flüchtlinge und Asylsuchende beim Zugang zur Gesundheitsversorgung gegenüberstehen unterscheiden sich je nach ihrem Standort (Staaten, Gemeinden, Nachbarschaften, Slums, Satellitenstädte, Flüchtlingslager usw.). Die Dynamik, die im Kontext von Covid-19 (wie z.B. im Fall des Moria-Camps) gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden ausgelöst wurde, hat wichtige Fragen über die Grenzen des Gemeinwohls und der öffentlichen Sphäre usw. aufgeworfen. Angesichts einer Pandemie, die vor Grenzen nicht Halt macht ist die Frage, welche Individuen und Gruppen sich als Teil von lokalen oder nationalen “Solidargemeinschaften” verstehen dürfen, hochaktuell geworden. Epidemiologische Rationalitäten, welche die Bevölkerung auf der Ebene der Körper (und ihrer Ansteckung) zum Gegenstand haben, bieten daher eine geeignete Möglichkeit zu untersuchen, welche Faktoren den Zugang von besonders vulnerablen Personengruppen zur Gesundheitsinfrastruktur beeinflussen.

Diese können dazu beitragen, evidenzbasierte Strategien angesichts der Herausforderungen mit denen Flüchtlinge in Transitländern konfrontiert sind, zu entwickeln. Die beiden zentralen Forschungsfragen lauten:

  • Welches sind die wichtigsten Herausforderungen für Flüchtlinge in der Türkei beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen?
  • Auf welche Weise beeinflusst die gegenwärtige Pandemie diesen Zugang und wie wirkt sie sich auf Muster der Ein- und Ausgrenzung aus?
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Methodik

Die Türkei beherbergt nach wie vor die größte Flüchtlingspopulation der Region und dient zugleich als Transitland für Flüchtlinge und Migrant*innen auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort in Europa. Bis Februar 2020 hat die Türkei etwa 3,8 Millionen Syrer*innen, 170.000 Afghan*innen und Hunderttausende von Flüchtlingen und Asylbewerbern aus anderen Ländern aufgenommen (UNHCR, 2019). Das Land hat sich mit Unterstützung der EU im Rahmen des “Gemeinsamen Aktionsplans EU-Türkei” bemüht, auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen und Asylsuchenden einzugehen, weshalb zu vermuten ist, dass es auch weiterhin im Zentrum von EU-Strategien zur Verbesserung der Steuerung von Zwangsmigration stehen wird.

Die relative Offenheit qualitative Forschungsmethoden ermöglicht es zum Einen, die Erhebung und Auswertung von Daten nicht durch vorgegebene Analysekategorien einzuschränken und dabei zum Anderen durch theoriegeleitete Interpretations- und Auswertungsverfahren so zu strukturieren, das Beobachtungen auf Individualebene mit Daten auf höheren Aggregatstufen sinnvoll in Verbindung gebracht werden können (Patton, 2015, S. 13-15). Im Rahmen dieses Projekts fokussieren wir auf die Rolle von COVID-19 (inkl. der gesundheitspolitischen Maßnahmen) für den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die Analyse des Materials wird dabei von theoretischen Annahmen angeleitet über die Rolle von "Gesundheit" als biopolitischen “Scharnier” (Atzert et al 2007). Für die Untersuchung der Beziehungen zwischen, allgemein gesprochen, Staat und Gesellschaft, ist es hilfreich zudem solche Akteure zu befragen, die als “Experten” reflexiv über Wissensbestände und Handlungslogiken verfügen, die an der o.g. Scharnier-Stelle operative Relevanz haben. In die Stichprobe werden daher auch Gesundheitsfachleute, humanitäre Helfer (NGOs und UNO-Agenturen) und Regierungsexperten, die im Bereich des Flüchtlingsschutzes arbeiten, einbezogen.

Um der Rolle von relevanten Aspekten wie “Raum”, Rechtsstatus und anderen Faktoren Rechnung zu tragen, ist geplant sowohl Interviews mit Flüchtlingen aus verschiedenen Herkunftsländern (Syrien, Afghanistan) durchzuführen, als auch mit Flüchtlingen, die in unterschiedlichen räumlichen Umgebungen leben (Slums, Stadtviertel, Satellitenstädte). Durch bestehende Kontakte mit einem türkischen Partnerinstitut in Ankara (im Zuge des Projekts zu syrischen Geflüchteten in der Türkei) ist der Feldzugang mit Ausnahme der Camps gewährleistet. Die regionale Konzentration der Flüchtlingspopulation (z.B. im Südosten des Landes) legt nahe, zwei urbane Räume zur Grundlage für das Sampling zu nehmen (bei insgesamt 30-40 Interviews mit Flüchtlingen). Interviews mit Experten, staatlichen und zivilen Akteuren der flüchtlingsbezogenen Gesundheitspolitik sind dagegen sowohl auf lokaler Ebene (Gesundheitsämter der Provinzen und Kommunen), wie auf nationaler (Zentralregierung) und internationaler Ebene zu führen (UNHCR, WHO, EU, Roter Halbmond, etc.).

Der zuständige Mitarbeiter (Samuel Hagos) hat Forschungserfahrung im Bereich Epidemiologie und Flucht und sammelte bereits diesbezügliche Erfahrungen im Feld (Flüchtlingslager).

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