Seenotrettung im Mittelmeer


Projekt: Seenotrettung im Mittelmeer

Laufzeit: 01.02.2021 – 31.12.2022

Projektkoordination: Dr. Ramona Rischke, Dr. Serhat Karakayali

Mitarbeitende:  N.N., Dr. Marcus Engler

 


 

Inhalt und Fragestellung

Nach zwei großen Schiffsunglücken vor der Küste von Lampedusa im Herbst 2013 ist die Rettung von Migrant*innen im zentralen Mittelmeer zwischen Libyen, Malta und Italien zu einem höchst kontroversen Thema in der EU-Migrationspolitik geworden. Auch sieben Jahre später und trotz der inzwischen stark zurückgegangenen Zahl irregulärer Migration auf dieser Route, sind hitzige Debatten über Seenotrettung hochaktuell. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Frage, ob und in welchem Umfang Such- und Rettungseinsätze (SAR) einen sogenannten "Pull-Effekt" auf die Migration haben. Kritiker von SAR argumentieren etwa, dass die Anwesenheit von Rettungsschiffen die Zahl von Überfahrten und damit zur Zahl der Todesopfer im Mittelmeer erhöhen würden. Bisher ist dieser Zusammenhang empirisch jedoch nicht belegt und nur wenig untersucht. Das vorliegende Projekt soll neue Erkenntnissen über die potenzielle Rolle von SAR-Aktivitäten für Migrationsbewegungen und Entscheidungsprozesse beitragen. In einem ersten Schritt werden verfügbare Daten über SAR-Aktivitäten, Grenzübertritte, politische und sicherheitspolitische Kontexte in Herkunfts- und Transitländern, sowie Daten über Motive und Wünsche von Migrant*innen zusammengetragen und für quantitative Analysen verwendet. Abhängig von Optionen des Feldzugangs durch Kollaborationspartner bei der IOM, sollen in einem zweiten Schritt neue Daten durch Interviews mit Migrant*innen und relevanten Akteursgruppen in einem zentralen Transitkontext, voraussichtlich in Libyen, gesammelt werden.


Forschungsfragen

Die zentralen Forschungsfragen lauten wie folgt:

1. Finden wir kurz- oder mittelfristige empirische Assoziationen zwischen unterschiedlichen Arten von SAR-Aktivitäten (z.B. durch staatliche Akteure und NGOs) sowie relevanten politischen Veränderungen in der EU sowie Veränderungen in den Herkunftsländern (z.B. Intensität bewaffneter Konflikte, Gewalt usw.) und …

(a) der Anzahl der Überfahrten?

(b) der Anzahl geretteter Personen durch SAR-Aktivitäten?

(c) der Anzahl der Todesopfer?

(d) dem “Risiko der Überfahrt” (d.h. Anteil der Todesfälle an versuchten Überfahrten)?

 

2. Auf der Mikroebene: In welchem Ausmaß verfügen potenzielle Migrant*innen in Libyen über Vorabinformationen bezüglich SAR-Operationen?

(a) Wie nehmen sie das Risiko der Überfahrt wahr?

(b) Wie hängt dies mit ihren Aspirationen hinsichtlich ihrer Mobilität (d.h. ihrer Pläne bezüglich eines Verbleibs in Libyen, der Rückkehr in die Heimat oder der Migration in die EU) zusammen?

 

3. Machbarkeitsprüfung Kausalanalysen: Können wir empirisch verwertbare exogene Veränderungen des "Angebots" oder der "Nachfrage" von SAR-Aktivitäten erfassen und dafür nutzbar machen, um kausale Effekte zu identifizieren?

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Methodik

Methodisch wird das Projekt einem stufenweisen Mixed-Methods Ansatz folgen, um der Komplexität des untersuchten Themas gerecht zu werden.

Anmerkung: Das Innovationspotenzial des Projekts hängt von der Zusammenarbeit mit der IOM für den Zugang zu und einem geplanten inhaltlichen Beitrag zu ihren laufenden Datenerhebungen ab. Aufgrund der ersten Gespräche sind wir zuversichtlich, dass sich eine fruchtbare Zusammenarbeit ergeben wird. Wenn dies der Fall ist, wird das Projekt entlang der folgenden fünf Arbeitspakete strukturiert werden: 

WP 1. Semi-strukturierte Interviews (face-to-face) mit kürzlich angekommenen Migrant*innen in Italien und Malta sowie Migrant*innen in Libyen vor der Abreise über

  • persönliche Situation vor der Abreise (am Ort der Abreise)
  • Kenntnisse und Informationen über die Routen und Bedingungen
  • eigene Risikoeinschätzung der Reise (ex ante und ex post)
  • persönliche Motivation und Bestrebungen für die Migration

Die semistrukturierten Interviews werden mit einem kurzen standardisierten Fragebogen zur Demographie kombiniert. In diesem Arbeitspaket zielt das Projekt auf die Zusammenarbeit mit den IOM-Länderbüros ab und stützt sich dabei auf von der IOM bei der Ankunft durchgeführte Interviews, die durch spezifische Fragen zu SAR ergänzt werden.

WP 2 (IMIS). Semi-strukturierte Interviews (face-to-face or virtuell) mit Expert*innen in Ankunftsländern (Italien, Malta)

  • NGO-Mitarbeiter*innen und Freiwillige, die an SAR-Aktivitäten und bei der Aufnahme und Unterstützung von Migrant*innen beteiligt sind
  • Personal der Küstenwache, das an SAR-Aktivitäten beteiligt ist sowie an der Registrierung von Migrant*innen beteiligte örtliche Polizei
  • Mitarbeiter*innen internationaler Organisationen
  • Mitarbeiter*innen des Innenministeriums, die für Einwanderungspolitik befasst sind

Dieses Arbeitspaket wird vom IMIS durchgeführt und ist abhängig vom Feldzugang, der durch die IOM unterstützt wird.

WP 3. Empirische Analyse von Migrationsbewegungen entlang der Mittelmeerroute

Neubewertung bestehender Modelle unter Nutzung aktualisierter und neuer Datenquellen, Beurteilung der Durchführbarkeit der Verbesserung kausaler Identifikationsstrategien.

Zusätzlich zu den Daten, die in der jüngsten Literatur zu dem Thema genutzt wurden - insbesondere Daten von IOM, UNHCR und Frontex - werden die folgenden zusätzlichen Quellen in Betrachtung gezogen:

  • Daten zu bewaffneten Konflikten und Gewalt (ACLED),
  • Aggregierte Daten der Gallup World Poll für z.B. Libyen (2012, 2015-2018) und Tunesien (2009-2019); beispielsweise die Skalen zu Vertrauen in die Regierung, Militär, Justizsystem und örtliche Polizei, sowie der Skalen zum Sicherheitsgefühl, und der Erfahrung als Opfer von Diebstahl oder Überfall
  • Aggregierte Daten aus MED-HIMS Surveys, falls während des Projektzyklus Daten verfügbar werden; die Datenerhebung für MED-HIMS ist in Tunesien für 2020 geplant, eine Umfrage in Libyen könnte zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werden.

Die Aktualisierung der vorhandenen Daten sowie das Einbeziehen zusätzlicher sekundärer Datenquellen, welche “push-Faktoren” aktiv in die Analyse einbeziehen, ergänzt die vorhandene Literatur unabhängig von den innovativen Datenquellen, die in Kooperation mit der IOM erschlossen werden sollen.

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