Warum Migration gut für die Herkunftsländer ist

Dr. Sulin Sardoschau

 

Migrationskritiker bedienen sich gerne eines vermeintlich altruistischen Argumentes: Wenn Europa qualifizierte Menschen etwa aus Afrika oder dem Nahen Osten aufnimmt, dann schadet das den Herkunftsländern, weil dort diese gut ausgebildeten Menschen fehlen. Mit der Idee dieses sogenannten brain drain wird die Verhinderung von Migration so zur entwicklungspolitischen Verantwortung. Diese Argumentation ignoriert aber viele aktuelle Ergebnisse der Wirtschaftsforschung.

Überweisungen fördern das ökonomische Wachstum

Geldüberweisungen von Migranten an ihre Heimatländer erreichten 2017 ein Rekordniveau von über 400 Milliarden Euro. Ein großer Teil dieser Rücküberweisungen aus Deutschland (insgesamt 2,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017) gehen an Nicht-EU-Länder, wie den Libanon, Russland, Vietnam und Nigeria. Diese Überweisungen fördern das ökonomische Wachstum vor allem in Ländern, in denen das Finanzsystem stark unterentwickelt ist und der Kapitalbedarf der Bevölkerung nicht gedeckt werden kann. Außerdem dienen diese Rücküberweisungen oft als Auffangnetz, das finanzielle Sicherheit nach Naturkatastrophen, Rezessionen und individuellen Schicksalsschlägen bietet.

Migrantische Mitarbeiter sind wichtige Vermittler und Verhandlungspartner zwischen Ziel- und Herkunftsländern, sie vereinfachen internationale Geschäftsbeziehungen, sie verringern substanziell die Kosten der Informationsbeschaffung und fördern damit Investitionen in ihre Heimatländer. Beispielsweise kam 2017 der Löwenanteil ausländischer Direktinvestitionen in die Türkei aus Ländern mit vielen türkischen Migranten, wie z.B. Deutschland, Österreich oder den Niederlanden. Eine Vielzahl von Studien zeigt außerdem, dass internationaler Handel und Migration sich gegenseitig verstärken, beispielsweise zwischen Deutschland und der Türkei oder zwischen den USA und Vietnam.

Transnationale Netzwerke als Innovationsmotor

Gerade Schwellenländer profitieren von dem gesammelten Wissen ihrer im Ausland lebenden Bevölkerung. Beispielsweise nahm Deutschland während des Jugoslawienkonfliktes viele Geflüchtete auf, die nach einigen Jahren zurückkehrten und in ihrer Heimat erneut wirtschaftlich aktiv wurden. Forscher fanden heraus, dass die Rückkehrer ihr in Deutschland gesammeltes Wissen wirtschaftlich nutzen konnten und zu Unternehmensgründungen und der Produktion neuer Exportgüter führte. Dieser Technologietransfer entsteht nicht nur durch die Rückkehr von Migrantinnen, sondern auch durch den einfachen Austausch zwischen Diaspora und der Heimatbevölkerung. Solche transnationalen Netzwerke haben einen bedeutsamen Einfluss auf die Produktivität und Innovationsfähigkeit ihrer Heimatländer.

Migration als entwicklungspolitisches Vehikel

Durch den regelmäßigen Kontakt mit ihrer Heimatbevölkerung vermitteln Migranten auch viele Wertevorstellungen des Ziellandes zurück in die Herkunftsländer. Beispielsweise zeigen Forscher für mehrere dutzend Länder, dass Migranten, die selbst in Ländern mit starken Institutionen leben, die demokratischen Institutionen in ihren Heimatländern stärken. Ähnliche Effekte gibt es für Normen über Gleichberechtigung, individueller Freiheit oder Religiosität.

Migration ist kein Nullsummen-Spiel. Gerade hochqualifizierte Migranten aus Entwicklungsländern können ihrer Heimat beträchtliche Vorteile bringen und wichtige Treiber von wirtschaftlichem Wohlstand und institutioneller Stabilität sein. Diese Vorteile kommen jedoch nur zu tragen, wenn der Austausch zwischen Migranten und ihren Heimatgesellschaften gefördert und nicht verhindert wird.

 

Der Artikel erschien zuerst als Gastbeitrag von Sulin Sardoschau im Tagesspiegel am 13.05.2019