Gastherausgabe eines Themenheftes des Forschungsjournals Soziale Bewegungen


 

Gasthausgeber*in: Prof. Dr. Sabrina Zajak und Dr. Elias Steinhilper 

 


Titel: soziale Bewegungen und gesellschaftliche Teilhabe

Soziale Teilhabe und Zusammenhalt müssen in einer sich pluralisierenden Gesellschaft immer wieder neu verhandelt werden. Diese Aushandlungen können konsensuale und konfliktive Formen annehmen. Derzeit wird deutlich, dass wir uns in einer Phase befinden, in der besonders vehemente Konflikte darüber ausgetragen werden, wer dazu gehören soll und wer nicht und viel grundlegender, wie wir das Zusammenleben gestalten wollen. Es geht hierbei also um Fragen der sozialen, kulturellen und politischen Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft.

Obwohl momentan insbesondere kulturelle und ethnische Differenzen mobilisiert werden, sind Teilhabekonflikte in sich diversifizierenden Gesellschaften üblicherweise mehrdimensional. Die Basis solcher multidimensionaler Konfliktkonstellationen bilden häufig multiple soziale Ungleichheiten und damit verbundene Entfremdungserfahrungen, die insbesondere in lokalen Kontexten von Protest sichtbar werden. Gruppen können sich z.B. in Bezug auf die Integration von Frauen am Arbeitsplatz oder Maßnahmen für eine nachhaltige Stadtentwicklung einigen, jedoch nicht in Bezug auf Integration von Geflüchteten.

Multidimensionale Konfliktkonstellationen manifestieren sich in Städten und Gemeinden in verschiedenen sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken mit teils stark divergierenden, teils aber auch überlappenden normativen und politischen Vorstellungen und Zielsetzungen. In einigen Netzwerken wird die Intersektionalität sozialer Ungleichheiten reflektiert und bearbeitet. Dies zeigte sich erst kürzlich während des sogenannten „Herbst der Solidarität“, als allein auf der „Unteilbar“-Demonstration am 13. Oktober 2018 nach Angaben der Veranstalter*innen über 200.000 Menschen für eine solidarische Gesellschaft auf die Straßen gingen. Aufgerufen hat ein bisher außerordentlich breites Bündnis von Organisationen aus dem sozialen Bewegungsspektrum, z.B. Gewerkschaften, migrantische Organisationen, aber auch auf Protesten sonst nicht vertretenen Organisationen wie Wohlfahrtsverbänden und viele Kulturbetriebe. In der Mobilisierung ging es explizit nicht nur um Fragen von Migration, sondern um die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe aller marginalisierter gesellschaftlichen Gruppen. Im Aufruf war zu lesen: „Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden“.

Das vorgeschlagene Themenheft zu Teilhabe greift aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf und schließt zudem an zentrale sozialwissenschaftliche Debatten an. Denn die vielschichte Realität von Teilhabekonflikten und deren kontinuierliche Aushandlung unterstreicht, dass Integration nicht als Einbahnstraße, sondern als gesamtgesellschaftlicher Prozess zu verstehen ist, in welchem Diversität unter Mitwirkung aller kontinuierlich ausgehandelt wird. Auch die derzeit viel zitierte theoretische Perspektive der „postmigrantischen“ Gesellschaft, basiert auf der Analyse intersektionaler Marginalisierung und dem normativen Ideal sozialer Teilhabe für alle.


Das Forschungsjournal Soziale Bewegungen ist eine der führenden wissenschaftlichen Zeitschriften im deutschen Kontext zu den Themenfeldern Zivilgesellschaft und Soziale Bewegungen. Gegründet 1988, erscheinen jährlich vier thematische Hefte im Verlag De Gruyter. Näheres unter: https://www.degruyter.com/view/j/fjsb.