Kinderdolmetscher – Kultur- und Sprachmittlung in schulischen Kontexten
Abteilung Integration
Projektleitung: Prof. Dr. Magdalena Nowicka
Projektmitarbeitende: Benedikt Wirth
Leitende Forschungsfragen
Kinderdolmetschen wirft grundlegende Fragen nach institutioneller Verantwortung und Professionalisierung auf: Unter welchen Bedingungen übernehmen Kinder und Jugendliche Sprachmittlungsaufgaben, wie werden diese in Schulen und anderen Institutionen gerahmt – und wie verschränken sich dabei Sprache, Generation, lokale Teilhabestrukturen und -praktiken?“Benedikt Wirth, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Integration
Das Projekt widmet sich Alltagssituationen an Schulen, in denen Kinder zwischen eigenen Eltern und dem Schulpersonal dolmetschen. Zu solchen Situationen kommt es, wenn die zugewanderten Kinder schneller als ihre Eltern Deutsch gelernt haben und das deutsch Sprachniveau der Eltern einen effizienten Austausch mit Erziehungs- und Lehrpersonal auf Deutsch nicht zulässt. Kinder, die mehrere Sprachen beherrschen, werden dann in die Kommunikation einbezogen. Dabei müssen sie nicht nur sprachliche Kompetenzen haben, sondern auch Wissen über formelle Abläufe, Fachterminologie und die Fähigkeit, dieses interkulturell zu vermitteln. Die bisherigen, vor allem internationale Studien weisen darauf hin, dass Dolmetschen zu Ermächtigung aber auch Überforderung der Kinder führen kann. Bisher fokussierte sich die Forschung jedoch primär auf die Situation der Kinder und deren psychische Entwicklung. Das Projekt untersucht stattdessen die Interaktionstriade Schulpersonal-Kind-Eltern und deren strukturelle Grundlagen, darunter die Möglichkeiten und Nutzung von externen Dolmetscherdiensten; Kommunikationskanäle und -wege; Bewusstsein für das Problem und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene; Zusammenarbeit verschiedener Dienste und Beratungsstellen; Rolle und Sichtweise des Lehr- und Erziehungspersonals. Neben der Identifizierung von Herausforderungen und der Umgangsstrategien, erlaubt der explorative, qualitative Charakter des Projekts Formulierung von Handlungsempfehlungen. Im Lauf des Projekts soll in Hinblick auf auf die Integrationsverläufe der Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland ein qualitatives Panel aufgebaut werden.
Kinderdolmetschen bezeichnet Situationen, in denen Kinder oder Jugendliche für Eltern, Angehörige oder andere Personen (z. B. Mitschüler*innen) zwischen Deutsch und einer weiteren Sprache übersetzen oder sprachlich vermitteln – mündlich oder schriftlich. Dabei geht es nicht nur um Übersetzung im engeren Sinne, sondern auch um die Vermittlung schulischer Abläufe, Fachbegriffe und institutioneller Erwartungen.
Internationale Studien zeigen, dass diese Form der (Sprach-)Mittlung (Brokering) sowohl als Ressource erlebt wird als auch mit Überforderung, Rollenkonflikten und emotionalen Belastungen für Kinder verbunden sein kann. Das Projekt betrachtet Kinderdolmetschen daher nicht als individuelles Verhalten, sondern als Praxis, die in schulischen Strukturen und Routinen mit hervorgebracht wird.
Ansprechpartner für Projektanfragen: Benedikt Wirth. Tel.: +49 (0)30 2007 54 260 | E-Mail: wirth(at)dezim-institut.de
Während Kinderdolmetschen international gut erforscht ist, fehlen in Deutschland bislang systematische Studien, die das Phänomen aus einer institutionellen und strukturellen Perspektive untersuchen. Insbesondere schulische Kontexte, die Beziehungstriade Schule–Kind–Familie sowie die Rolle von Kommunikationswegen und Unterstützungsstrukturen im Zusammenspiel mit Institutionen (inklusive Gesundheit oder Behören wie Jobcentern) wurden bisher kaum empirisch erfasst.
Das Projekt schließt diese Lücke, indem es Kinderdolmetschen als Bestandteil schulischer Alltagspraktiken analysiert und unterschiedliche Perspektiven (u.a. Schüler*innen, Lehrkräfte, Eltern und Verwaltung) situationsanalytisch zusammenführt. Es greift mehrsprachige Realitäten der postmigrantischen Gesellschaft auf und analysiert damit einhergehende Praktiken und Aushandlungsprozesse im institutionellen Setting Schule.
Primäres Ziel des Projekts ist es, sichtbar zu machen, unter welchen Bedingungen Kinderdolmetschen stattfindet und welche Folgen dies für Kinder und Familien hat. Gleichzeitig sollen Ansatzpunkte identifiziert werden, wie Schulen mit sprachlichen Barrieren proaktiv umgehen können, ohne Kinder in Vermittlungsrollen zu drängen. Die Ergebnisse sollen eine Grundlage für evidenzbasierte, professionelle Handlungsempfehlungen bilden. Auf einer übergeordneten Ebene fragt das Projekt danach, welche Transformationspotenziale der mehrsprachigen Gesellschaft zur Stärkung resilienter Ankommens- und Teilhabestrukturen beitragen können.
Das Projekt verfolgt einen mehrperspektivischen, qualitativen Forschungsansatz. Untersucht werden schulische Alltagspraktiken an weiterführenden Schulen in Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Zentrale Erhebungsmethoden sind leitfaden- und vignettengestützte Interviews mit Schulpersonal, Schulleitungen und Eltern sowie partizipative Formate mit Schüler*innen im Rahmen von Youth Participatory Action Research (YPAR).
Ergänzt wird das Vorgehen durch Expert*inneninterviews mit Akteur*innen aus Verwaltung, Sprachmittlungsdiensten und Zivilgesellschaft, die der explorativen Erschließung des Forschungsgegenstands und seiner institutionellen Rahmenbedingungen dienen.
Das Projekt ist laufend. Erste Auswertungen deuten darauf hin, dass Kinderdolmetschen in Schulen weit verbreitet ist und stark von institutionellen Routinen, verfügbaren Ressourcen und individuellen Handlungsspielräumen der lokalen Kontexte (kommunale Infrastruktur, Ressourcen der Schule) abhängt. Vertiefte Ergebnisse werden im weiteren Projektverlauf veröffentlicht.
Quantitative Erhebung im DeZIM-Panel
Im Rahmen des DeZIM-Panels wird eine quantitative Befragung zum Kinderdolmetschen konzipiert und durchgeführt. Ziel ist es, erstmals belastbare Informationen auf Basis einer bundesweiten Stichprobe zur Prävalenz, Häufigkeit und zu zentralen Kontexten kindlicher Sprach- und Kulturmittlung in Deutschland zu erheben. Ein besonderer Fokus liegt auf schulischen Kontexten sowie auf dort gemachten Erfahrungen. mit dem institutionellen Umgang von Schulen mit Sprachmittlungsbedarfen. Die quantitative Erhebung ergänzt die qualitative Analyse und ermöglicht eine breitere Einordnung der Befunde.
Welche Bedeutung haben die Forschungsergebnisse für die Praxis?
Die Ergebnisse tragen dazu bei, Kinderdolmetschen als institutionell mitgeprägte Praxis sichtbar zu machen. Sie sollen Schulen, Verwaltungen und politische Akteur*innen dabei unterstützen, schulische Kommunikation inklusiver zu gestalten und den Umgang Sprachmittlungsbedarfen an der Triade Institution-Kind-Familie und Mehrsprachigkeit im weiteren Sinn zu professionalisieren.
Unter Kinderdolmetschen verstehen wir sprachliche und kulturelle Vermittlungsleistungen von Kindern und Jugendlichen. Diese Praxis umfasst sowohl Übersetzungen und Dolmetschen als auch die Erklärung von Regeln, Erwartungen und sozialen Zusammenhängen und ist nicht auf (neu) zugewanderte Familien beschränkt.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)