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Unterstützung und Integration von Geflüchteten aus der Ukraine: Perspektiven der Betroffenen

Abteilung Integration

Projektleitung: Dr. Niklas HarderProf. Dr. Magdalena Nowicka

Projektkoordination: Dr. Nora Ratzmann

Projektmitarbeitende: Mathis HerpellDr. Katarina Mozetič Alexandra Orlova

Laufzeit Juli 2022 bis Dezember 2022
Status Abgeschlossenes Projekt

Dieses Projekt untersuchte, ob bestehende Regelungen in den Bereichen Aufenthaltsrecht (und hier die erstmalige Anwendung der EU-Richtlinie zum Vorübergehenden Schutz), Gesundheitssystem, Arbeitsmarkt, Kinderbetreuung, Schule und Grundsicherung die tatsächlichen Bedarfe von Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, ausreichend erfüllen.

Leitende Forschungsfragen

Welche Bedürfnisse und Erwartungen bezüglich Pflege- und Sorgearbeit bzw. Kinderbetreuung, Kitabesuch, Beschulung, Weiterbildung, Anerkennung von Qualifikationen und der Wohnsituation haben Personen, die aus der Ukraine geflüchtet sind; welche Bedürfnisse bleiben unbefriedigt; welche Folgen hat das für die Entscheidungen der Geflüchteten bezüglich des Verbleibs in einer Stadt oder sogar in Deutschland?
Welche Art von Unterstützung erhalten bzw. beantragen Geflüchtete aus der Ukraine; wie verläuft die Beantragung; wie verständlich sind die Regelungen; über welche Informationskanäle erfahren die Geflüchteten über ihre Rechte; wo suchen sie nach Unterstützung; wer unterstützt sie bei Interaktionen mit Behörden und wie?
Welche Handlungsmöglichkeiten haben die Geflüchteten aus der Ukraine bzw. wie selbständig agieren sie, beispielsweise bei der Wohnungssuche, Arbeitssuche oder Entscheidungen über die Beschulung von Kindern; wie problematisch oder einfach gestaltet sich für sie die die Wohnungssuche in Deutschland?
Es hat mir etwas Positives gegeben, sobald ich mehr Stabilität hatte, zumindest einen Ort zum Leben. […] Ich betrachte es als Erfolg, nachdem ich sechs Monate lang jeden Tag, die ganze Zeit, nach dieser Wohnung gesucht habe. Das war also ein besonderer Moment für mich.
Ukrainischer Geflüchteter mit Schutzstatus, Berlin

Die russische Invasion in der Ukraine hat zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur und zu Opfern unter der Zivilbevölkerung geführt. Dies hat mehr als 6 Millionen Menschen gezwungen, auf der Suche nach Sicherheit, Schutz und Hilfe ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Mehr als 900.000 von ihnen sind in Deutschland angekommen, vor allem Frauen und Kinder. Die erste Versorgung nach der Ankunft bewältigte Deutschland mit großer Unterstützung aus der Gesellschaft, insbesondere durch die Bereitstellung von Unterkünften durch Privatpersonen. Rechtlich wurde die Situation durch die erstmals in Kraft gesetzte „Massenzustrom-Richtline“ der Europäischen Union gesteuert, wodurch schnell aufenthaltsrechtliche Klarheit erreicht werden konnte. Die Implikationen für andere Rechts- und Versorgungsbereiche in Deutschland blieben jedoch weniger klar. In den Bereichen des Zugangs zu Grundsicherungsleistungen, medizinischer Versorgung, Unterbringung, Betreuung und Beschulung von Geflüchteten aus der Ukraine ergeben sich seit Februar 2022 neue Fragen und Herausforderungen. 

Vor dem Hintergrund erforschten wir Möglichkeiten und Hindernisse, die Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland seit dem 24. Februar 2022 gekommen sind, haben, um ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. 

Wiederholte qualitative Interviews mit ukrainischen Geflüchteten dienten dazu, die subjektive Perspektive der Befragten auf den Prozess des Ankommens in Deutschland unter ihrem temporären Schutzstatus zu dokumentieren und mehr über deren Bedarfe sowie Prozesse der Informationsvermittlung zwischen Geflüchteten und Staat zu erfahren.

Im Rahmen der quantitativen Umfrage eruierten wir, ob
die Integration von privat untergebrachten Geflüchteten besser/schlechter bzw. schneller/langsamer abgelaufen ist als die von Geflüchteten, die nicht privat untergebracht werden konnten. 

Das Projekt ermöglichte Einblicke in die Interaktion der Geflüchteten mit staatlichen Institutionen in Deutschland und gab Auskunft darüber, welche Bedarfe und Erwartungen bestehen, inwiefern diese befriedigt werden oder noch unbefriedigt bleiben, sowie die Auswirkungen dessen auf die Lebensrealitäten der Befragten. Besonderes Augenmerk legten wir auf die Erfahrungen von Familien mit Kleinst- und Kleinkindern (0 bis 6 Jahre), sowie Mitgliedern der LGBTQ-Community.

Im Rahmen der quantitativen Umfrage haben wir die kurz- bis mittelfristigen Auswirkungen privater Unterbringung auf die Integration ukrainischer Geflüchteter in Deutschland untersucht. Es wurden die Integrationswege von privat und öffentlich untergebrachten Personen aus der Ukraine zu verglichen, um Ansätze zur Verbesserung der Vermittlung in private Unterkünfte zu entwickeln. 

Im qualitativen Modul arbeiteten wir multimethodisch, mit wiederholten, qualitativen Interviews in Berlin und München in zwei Wellen, sowie mit Stimmungs-Tabellen und digitalen Tagebüchern (38 leitfadengestützte Interviews auf Ukrainisch und Russisch in zwei Erhebungswellen, sowie 12 Hintergrundgespräche mit staatlichen Akteur_innen und Non-Profit Organisationen, die in der Ukraine-Hilfe tätig sind). 

Zusammen mit der Vermittlungsplattform #UnterkunftUkraine entwickelten wir im quantitativen Modul eine Online-Befragung (n=1,700) von Ankommenden aus der Ukraine, die nach einer privaten Unterkunft gesucht haben. Anhand von Daten einer der größten gemeinnützigen Plattformen, die private Gastgeber mit Geflüchteten zusammenbringt, verglichen wir die multidimensionalen Integrationsergebnisse von Flüchtlingen, die mit privaten Gastgebern zusammengebracht wurden, mit denen Geflüchteten, die sich um eine private Unterbringung beworben haben, aber nicht vermittelt wurden.

Der Ankommensprozess von Geflüchteten aus der Ukraine sollte als eingebettet in 
lokale und transnationale familiäre Beziehungen verstanden werden, die ein konstitutives Element der sozialen Verwurzelung der Geflüchteten vor Ort darstellen. Es handelt sich hierbei nicht um einen linearen Prozess, der sich leicht
nach bestimmten Lebensbereichen oder Orten unterteilen lässt. 

Konkret berichteten Teilnehmende währen der ersten Monate des Ankommens über Herausforderungen im Bereich Kinderbetreuung, da es an ausreichend Plätzen fehlte, die sie teils an der Teilnahme an Integrationskursen hinderten. Auch führte intensive Sorgearbeit zu Doppelbelastungen und schränkte weiter Integrationsbemühungen ein. Interaktionen mit dem Jobcenter wurden teils als verunsichernd empfunden. Teilnehmende bedienten sich unterschiedlichster Unterstützung, um bürokratische Prozesse zu bewältigen. Die unsichere Wohnraumsituation beeinflusste gerade anfangs Entscheidungen zu bleiben oder gehen. Dennoch konnten viele in Deutschland ankommende Personen aus der Ukraine zu Beginn schnell in private Unterkünfte vermittelt werden. Damit wurden die staatlichen Aufnahmestrukturen merklich entlastet.  Nicht zuletzt zeigen unsere Ergebnisse deutliche Verbesserungen bei der sozialen, psychologischen und räumlichen Integration von privat untergebrachten Geflüchteten. 

Auch Geflüchtete mit temporärem Schutzstatus und unmittelbarem Zugang zum Arbeitsmarkt benötigen Unterstützung, um sich in Deutschland zurechtzufinden und schlussendlich eine Erwerbstätigkeit aufnehmen zu können. Unsere Daten zeigen Herausforderungen der Betroffenen, u.a. im Übergang aus der privaten Unterbringung in die selbständige Wohnsituation, sowie um sich im Jobcenter-Kontext zurechtzufinden. 
Darüber hinaus zeigt unsere Studie, dass private Unterbringung eine kostengünstige Ergänzung zu öffentlichen Asyl- und Unterbringungssystemen darstellen kann, insbesondere bei Massenfluchtbewegungen, die die öffentliche Infrastruktur fordern. Durch die Einbindung der Zivilgesellschaft bietet private Unterbringung von Geflüchteten sofortige Unterstützung und erleichtert die frühzeitige Integration in wichtigen psycho-sozialen Bereichen. Private Unterbringung allein reicht jedoch nicht aus, um eine langfristige Integration in allen Bereichen zu gewährleisten

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Drittmittel)

Publikationen