• Startseite
  • Projekte
  • Vom Rand in die Mitte: Rechtspopulistische Deutungen des Islams als gesellschaftliche Herausforderung in Deutschland, Europa und beyond (RaMi)

Vom Rand in die Mitte: Rechtspopulistische Deutungen des Islams als gesellschaftliche Herausforderung in Deutschland, Europa und beyond (RaMi)

Abteilung Konsens und Konflikt

Projektleitung: Dr. Mirjam WeibergProf. Dr. Sabrina Zajak

Projektkoordination: PD Dr. Liriam Sponholz

Projektmitarbeitende: Prof. Dr. Emanuele Toscano

Assoziierte: Anna-Maria MeuthProf. Dr. Emanuele Toscano

Laufzeit Januar 2021 bis März 2024
Status Abgeschlossenes Projekt

Im Zentrum des Forschungsinteresses des Projektes steht der Zusammenhang zwischen rechtspopulistischen Bewegungen und der Verbreitung von Deutungen des Islams als „radikal“ sowie die sich daraus ergebende Folgen für die westliche liberale Demokratie.

Leitende Forschungsfragen

Inwieweit prägen die Deutungen des Islams als radikale und gewaltsame Religion den gesamten öffentlichen Diskurs über den Islam?
Welche Rolle spielt der Rechtspopulismus bei der Deutung des Islams als radikal im öffentlichen Diskurs?
Wird das Deutungsmuster des Islams als radikale und gewaltsame Religion durch andere politische Kräfte und etablierte religiöse Akteure übernommen und damit normalisiert?
Inwiefern wird eine solche Normalisierung durch die Medialisierung der Politik bzw. die Funktionslogik der Massenmedien und digitalen Netzwerkplattformen vorangetrieben?

Im Zentrum des Forschungsinteresses steht der Zusammenhang zwischen dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen und (radikal-) islamischen Strömungen sowie in der Folge die Auswirkungen auf die westlich-liberale Demokratie. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass in der Auseinandersetzung mit dem Islam Bedrohungsängste und Verunsicherung - zunehmend auch bei den etablierten Akteuren - vorherrschend sind. Dabei kommt dem Rechtspopulismus in Deutung und Prägung des Diskurses über „den Islam“ in Deutschland, Europa und im transatlantischen Raum eine zentrale Rolle zu. Bestehende Untersuchungen berücksichtigen bisher nicht systematisch die Frage, ob, wie, unter welchen Bedingungen und in welche Richtung sich der öffentliche Gesamtdiskurs durch die populistische Deutung und Verknüpfung von nationaler Identität, (muslimischer) Migration und Islam verändert hat und inwiefern dies auf die liberale Demokratie selbst zurückwirkt. Einerseits wehren sich die etablierten Institutionen gegen eine Instrumentalisierung der Religion, andererseits kooperieren bestimmte Teilgruppen mit populistischen Akteuren. Inwiefern zudem der beschleunigte Prozess der Medialisierung der Politik, die strategische Nutzung der modernen Massenmedien durch die Populisten und die Funktionslogik der Medien selbst das gegenwärtige Bild des Islams prägt, soll hier erstmalig anhand eines innovativen Methodendesigns im europäischen Länder- und Zeitvergleich untersucht werden.

Die Verbindung von Identität, rechten Ideologien, Immigration und Umdeutungen des Islams stellt ein noch weitgehend unerforschtes Phänomen dar, das erst im Ansatz analysiert wurde (Fitzi et al. 2018, Schellhöh et al. 2018).

Historische Anknüpfungspunkte finden sich in Darstellungen des Nahen Ostens und der arabischen Welt als rückschrittliche und bedrohliche Kulturen (Adam 2013, Said 1979). Zu den Auswirkungen auf die liberale Demokratie – insbesondere zur demokratietheoretisch umstrittenen Zulässigkeit bestimmter Akteure, Argumente und Verfahren – liegen bisher zu wenige länderübergreifende Untersuchungen vor. Auch die Beziehung der Populisten zu etablierten religiösen Akteuren, deren Reaktionen und die Auswirkungen auf den öffentlichen Gesamtdiskurs sind nicht systematisch erfasst. Zwar sind die Positionen grundsätzlich bekannt, aber zu den verwendeten Argumenten existiert zu wenig Forschung.

Aktuelle Studien zeigen, dass anti-muslimische Stereotype und Islamophobie auf starke Resonanz in der Bevölkerung treffen (Foroutan 2019, Uenal et al. 2020). Die Rolle der Religion bei der Herausbildung von Identitäten und Zugehörigkeit ist dabei zentral (Baumann 2016). Die Rückkopplung an Prozesse der Pluralisierung und Hybridisierung islamischer Identitäten bedarf näherer Beleuchtung (Foroutan 2013).

Zur ambivalenten Haltung etablierter religiöser Akteure gegenüber Populisten existieren erste Erkenntnisse (Orth/Resing 2017, Marzouki et al. 2016, Weiberg-Salzmann/Hennig 2020). Populistische Bewegungen scheinen zunehmend religiöse Funktionsleistungen zu übernehmen, indem sie Heil und Exkulpation versprechen (da Silva/Vieira 2018), Komplexität reduzieren, moralische Wertungen setzen und Orientierung in identitären Fragen geben (Daniel 2016, Gentile 2006). Dies kann eine Institutionalisierung der Debatte und Etablierung tendenziell undemokratischer Argumentationsformen vorantreiben (Pytlas 2015, Saramo 2017).

Die zentrale Rolle der modernen Massenmedien für die Existenz populistischer Parteien ist dokumentiert (Burack/Snyder-Hall 2012, Decker et al. 2015, Holtz-Bacha 2016, Gäbler 2018, Couttenier Mathieu et al. 2019). Die kommerzielle Dimension populistischer Kommunikation wird ebenfalls thematisiert.

Das Projekt leistet einen Beitrag zum besseren Verständnis der Zusammenhänge von Rechtspopulismus und (radikalem) Islam und damit verbundenen gesellschaftlichen Konflikten, Polarisierungs- und Spaltungsprozessen. Der Fokus liegt auf dem Wandel öffentlicher Diskurse und demokratischer Normen und Werte. Aus den Ergebnissen sollen im Dialog mit dem wissenschaftlichen Beirat und relevanten weiteren Akteuren im Feld  diskursive und mediale Strategien abgeleitet werden, um radikalisierenden und populistischen Deutungsmustern entgegenzuwirken. Die enge Zusammenarbeit und der regelmäßige Austausch zwischen DeZIM, Centrum, für Religion und Moderne (Münster) und dem Historischen Institut der Universität Bochum ermöglicht einen breiten, interdisziplinären Austausch mit anderen Forschenden im Themenfeld Populismus und Religion.

Die Untersuchung erfolgt anhand eines Mixed-Method-Designs. Dafür kombiniert das Projekt inhaltsanalytische Verfahren der Diskursnetzwerkanalyse und der Event-Analyse politischer Ereignisse (einschließlich islamistisch begründeter Terroranschläge) mit länderspezifischen, historischen Kontextanalysen und Expert*innen-Interviews. Basis der Erhebung ist die Medienberichterstattung über den Islam in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien von 2000 bis 2020.

Das Projekt gliedert sich in fünf Arbeitspakete:

  • Projektauftakt und Grundlagen
  • Akteursnetzwerke und Verbreitung rechtspopulistischer Deutungen
  • Effekte und Wirkmechanismen
  • Kontextanalyse und historische Entwicklungspfade
  • Synthese und Transfer

Die Zusammenarbeit in den einzelnen APs wird über Verbundtreffens, internationalen und nationalen Workshops, sowie durch regelmäßige, mindestens einmal im Monat stattfindende digitale jour fixe gewährleistet. Darüber hinaus findet eine enge Kooperation in der Durchführung der Erhebung auf Länder statt. 

Die differenzierten Ergebnisse können u.a. nachvollzogen werden in:

  • Shaimaa Abdellah, Sina Tultschinetski et al. (2025): Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung. Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen. Kurzfassung.
  • Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, unter: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48202-2
  • Brunner, Max M. (2022) The European Far Right. A Review of the Recent Literature. Moving the Social. Journal of Social History and the History of Social Movements, 67, 125–136. https://doi.org/10.46586/mts.67.2022.125-136 
  • Sponholz, L. (2021) Hass mit Likes: Hate Speech als Kommunikationsform in den Social Media, in Sebastian Wachs, Barbara Koch-Priewe & Andreas Zick (Hg.). Hate Speech - Multidisziplinäre Analysen und Handlungsoptionen. Theoretische und empirische Annäherungen an ein interdisziplinäres Phänomen (15-38). Springer Verlag. https://doi.org/10.1007/978-3-658-31793-5_2 
  • Sponholz, Liriam; Meuth, Anna-Maria (2025): How do events shape the media agenda on Islam and Muslims in Western Europe? An analysis of news events in Germany, the UK and France (2000–2020). Social Sciences & Humanities Open 11. DOI: 10.1016/j.ssaho.2025.101291.
  • Sponholz, Liriam; Meuth, Anna-Maria; Weiberg, Mirjam; Zajak, Sabrina; Berger, Stefan (Hg.) (2025): Radicalising the Mainstream in Western Europe: The Far Right and Narratives of Islam in Contemporary and Historical Perspective. Cham: Palgrave Macmillan. DOI: 10.1007/978-3-031-85963-2.

  • Shaimaa Abdellah, Sina Tultschinetski et al. (2025): Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung. Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen. Kurzfassung.
  • Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, unter: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48202-2
  • Brunner, Max M. (2022) The European Far Right. A Review of the Recent Literature. Moving the Social. Journal of Social History and the History of Social Movements, 67, 125–136. https://doi.org/10.46586/mts.67.2022.125-136 
  • Sponholz, L. (2021) Hass mit Likes: Hate Speech als Kommunikationsform in den Social Media, in Sebastian Wachs, Barbara Koch-Priewe & Andreas Zick (Hg.). Hate Speech - Multidisziplinäre Analysen und Handlungsoptionen. Theoretische und empirische Annäherungen an ein interdisziplinäres Phänomen (15-38). Springer Verlag. https://doi.org/10.1007/978-3-658-31793-5_2 
  • Sponholz, Liriam; Meuth, Anna-Maria (2025): How do events shape the media agenda on Islam and Muslims in Western Europe? An analysis of news events in Germany, the UK and France (2000–2020). Social Sciences & Humanities Open 11. DOI: 10.1016/j.ssaho.2025.101291.
  • Sponholz, Liriam; Meuth, Anna-Maria; Weiberg, Mirjam; Zajak, Sabrina; Berger, Stefan (Hg.) (2025): Radicalising the Mainstream in Western Europe: The Far Right and Narratives of Islam in Contemporary and Historical Perspective. Cham: Palgrave Macmillan. DOI: 10.1007/978-3-031-85963-2.

Förderung: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (Drittmittel)

Kooperationspartner:

Projektteam Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Prof. Dr. Arnulf von Scheliha, Anna-Maria Meuth, Projektteam Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Stefan Berger, Max Manuel Brunner)

Wissenschaftlicher Beirat (Prof. Dr. Dietmar Loch, Université de Lille, Dr. Ebtisam Ramadan, DeZIM-Institut, Prof. Dr. Kristian Berg Harpviken, Peace Research Institute Oslo (PRIO), Prof. Dr. Luca Ozzano, Universitá di Torino, Prof. Dr. Mathias Quent, Institut für Zivilgesellschaft und Demokratie, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Prof. Dr. Ruth Wodak, Universität Wien, Dr. Yasemin Shooman, Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und zugleich Beauftragten der Bundesregierung für Antirassismus im Bundeskanzleramt)

RADIS-Kooperationspartner

Leibniz Institut Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (Frankfurt)