Wie viel Zeit Eltern vor Bildschirmen und Screens verbringen, hängt nicht davon ab, ob sie eingewandert sind oder nicht. Geringe Unterschiede gibt es lediglich in der Nutzungsart: Eltern mit Einwanderungsgeschichte nutzen mobile Geräte tendenziell häufiger, Eltern ohne Einwanderungsgeschichte liegen bei stationären Geräten leicht vorn. Das geht aus dem Data.insight „Wie die Eltern, so die Kinder? Mediennutzung in Familien mit und ohne Einwanderungsgeschichte“ des DeZIM-Instituts hervor. Anhand der Angaben von 514 Eltern mit Schulkindern haben die Autor*innen untersucht, wie Eltern und Kinder digitale Medien nutzen und wie Eltern ihre Rolle bei der Begleitung der Kinder einschätzen.
Die Auswertung unterscheidet zwischen selbst eingewanderten Eltern, in Deutschland geborenen Nachkommen Eingewanderter und Eltern ohne Einwanderungsgeschichte. Neben Unterschieden in Bezug auf Sorgen um die Mediennutzung der Kinder und Unsicherheiten im Umgang damit sowie unterschiedlich ausgeprägte Unterstützungswünsche zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen den Bildschirmzeiten von Eltern und Kindern.
ZENTRALE ERGEBNISSE
Eingewanderte Eltern sind häufiger besorgt und unsicher in Bezug auf Medien: 50 % der eingewanderten Eltern sorgen sich wegen der Mediennutzung ihrer Kinder, gegenüber 26 % der Eltern ohne Einwanderungsgeschichte. Unsicherheit im Umgang äußern 37 % gegenüber 17 %, den Wunsch nach Unterstützungsangeboten haben 47 % gegenüber 31 %. Die Gründe für häufigere Sorgen und Unsicherheit lassen sich mit den Daten nicht klären, denkbar sind Sprachbarrieren beim Zugang zu Beratungsangeboten, aber auch weniger eigene Kenntnis der Medienlandschaft.
Beide Gruppen fühlen sich indes ähnlich gut darüber informiert, was ihr Kind im Internet tut (80 % vs. 82 %).Bei der Bildschirmzeit der Eltern zeigen sich keine statistisch gesicherten Unterschiede nach Einwanderungsgeschichte: Die erste und zweite Generation, also Eltern, die selbst eingewandert sind oder die mindestens ein eingewandertes Elternteil haben, verbringen nicht mehr Zeit mit digitalen Medien als Eltern ohne Einwanderungsgeschichte. Leichte Abweichungen gibt es in der Nutzungsart: Eltern der ersten und zweiten Generation nutzen mobile Geräte etwas häufiger über eine Stunde täglich als Eltern ohne Migrationshintergrund (30 % und 32 % vs. 24 %). Dagegen verbringen 43 % der letztgenannten Gruppe mehr als eine Stunde täglich vor stationären Bildschirmen – das trifft auch auf 38 % der selbst eingewanderten Eltern zu, aber nur auf 24 % der Eltern, die mindestens ein eingewandertes Elternteil haben. Die Unterschiede sind statistisch nicht gesichert und können auch durch die geringe Zahl Befragter der zweiten Generation entstanden sein. Die Werte deuten allerdings darauf hin, dass mobile Geräte von Eltern mit Migrationsgeschichte häufiger genutzt werden – etwa, weil sie den Kontakt ins Herkunftsland und den Zugang zu Inhalten in der Herkunftssprache ermöglichen.
Die Bildschirmzeiten von Eltern und ihren Kindern hängen eng zusammen: Unter allen untersuchten Kindern liegt der Anteil derer, die mobile Geräte mehr als zwei Stunden nutzen, bei 9 %. Nutzen Eltern mobile Geräte länger als zwei Stunden täglich, tun dies auch 37 % ihrer Kinder. Die Parallele besteht ebenso bei kürzeren Nutzungszeiten: Sind Eltern mit mobilen Geräten nur zwischen einer halben und einer ganzen Stunde täglich beschäftigt, ist das auch die häufigste Nutzungsdauer ihrer Kinder für diese Geräte (39 %).
Bei stationären Geräten folgt das kindliche Nutzungsverhalten ebenfalls dem der Eltern, jedoch auf etwas niedrigerem Niveau: So geben Eltern, die stationäre Medien 31 bis 60 Minuten am Tag nutzen, für ihre Kinder „bis 30 Minuten“ als häufigste Nutzungsdauer für diese Geräte an.
Warum die Nutzungsdauer von Eltern und Kindern zusammenhängt – sei es etwa aufgrund gemeinsamer Nutzung oder wegen Vorbildwirkung – geht aus den Daten nicht hervor.Eltern nutzen TV, PC und Konsole mehr als Handy und Tablet: Mehr als eine Stunde täglich an mobilen Geräten – das trifft auf 26 % der Eltern zu. In Bezug auf stationäre Bildschirme geben das 40 % der Eltern an. Bei den Kindern ist der Unterschied in der täglichen Nutzungsdauer von mobilen und stationären Geräten gering (25 % vs. 26 %).
Eltern älterer Kinder fühlen sich seltener informiert und handlungsfähig: Bei Schulkindern über zwölf Jahren geben 72 % aller befragten Eltern an, zu wissen, was ihr Kind im Internet tut; bei Kindern unter zwölf Jahren sind es 92 %. Eine gesunde Mediennutzung anzuleiten, trauen sich 70 % der Eltern älterer Kinder zu. Bei den Eltern jüngerer Kinder sind es noch 90 %. Dennoch wünschen sich letztere häufiger Unterstützung (39 %) als die Eltern von Jugendlichen (32 %).
Beratung soll die Lebensrealität der Familien berücksichtigen
Die Ergebnisse zeigen, dass eingewanderte Eltern erhöhten Unterstützungsbedarf haben, aber nicht, weil sie mehr Medien konsumieren. Bestehende Angebote sollten daher nicht nur spezifisch für diese Eltern, aber durchaus mehrsprachig zugänglich sein und etwa gezielt über Migrant*innenorganisationen, Integrationskurse und Familienzentren bekannt gemacht werden. Dabei sollte Beratung berücksichtigen, wofür Familien digitale Medien nutzen: Videoanrufe mit Angehörigen im Ausland ermöglichen etwa Kontakt und familiären Zusammenhalt über Ländergrenzen hinweg. Empfehlungen sollten deshalb nach Nutzungsformen unterscheiden, statt allein die Bildschirmzeit zu betrachten.
Mit Blick auf die Parallelen zwischen Nutzungsdauern von Eltern und Kindern sollten Angebote zur Medienkompetenz zudem die ganze Familie ansprechen und die Mediennutzung der Eltern einbeziehen.
Beim Übergang ins Jugendalter empfehlen die Autor*innen, vermehrt aktiv auf Eltern zuzugehen, etwa über Elternabende und Schulsozialarbeit, statt allein auf Bedarfsangebote zu setzen. Denn ein verringerter Überblick über die Mediennutzung der Kinder geht nicht automatisch mit einem stärkeren Wunsch nach Unterstützung einher.
Dr. Jannes Jacobsen, Leiter des Clusters Daten-Methoden-Monitoring und Co-Autor: „Die pauschale Annahme, dass Eltern mit Einwanderungsgeschichte besonders viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, wird durch unsere Daten nicht gestützt. Zugleich wünschen sich eingewanderte Eltern häufiger Unterstützung im Umgang mit der Mediennutzung ihrer Kinder. Bestehende Beratungsangebote sollten also konsequent mehrsprachig und leicht zugänglich angeboten werden. Dabei zählt auch, wofür digitale Medien genutzt werden. Ein Videoanruf bei den Großeltern im Ausland hat eine andere Funktion als das Scrollen durch Social-Media-Feeds. Gute Beratung berücksichtigt diese Unterschiede, statt allein Minuten vor dem Bildschirm zu zählen.“
Jonas Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Cluster Daten-Methoden-Monitoring und Co-Autor: „Die Bildschirmzeiten von Eltern und ihren Kindern hängen eng zusammen. Eine Debatte, die sich auf Verbote und Altersgrenzen für Kinder beschränkt, greift deshalb zu kurz. Beratung und Bildungsangebote sollten deshalb die ganze Familie stärker einbeziehen – etwa durch gemeinsame Vereinbarungen zu bildschirmfreien Zeiten und Anregungen, wie diese Zeit miteinander gestaltet werden kann. Gerade beim Übergang ins Jugendalter sollten Schulen und Beratungsstellen aktiv auf Eltern zugehen: Diese fühlen sich dann seltener informiert und handlungsfähig, fragen aber nicht häufiger nach Unterstützung.“
METHODIK
Das DeZIM.panel ist eine längsschnittliche Dauerbefragung der Bevölkerung in Deutschland. Befragt werden Personen ohne Migrationshintergrund und verschiedene Gruppen von Personen mit Migrationshintergrund. Um Vergleiche und Analysen zu ermöglichen, sind Personen mit Migrationshintergrund im DeZIM.panel überrepräsentiert – eine einzigartige Struktur in der deutschen Erhebungslandschaft.
Für die vorliegende Studie wurden Panel-Angaben von 514 Eltern von mindestens einem Schulkind zwischen sechs und 18 Jahren ausgewertet. Die Befragung fand von Dezember 2025 bis März 2026 statt. Die Nutzungszeiten der Kinder wurden durch ihre Eltern eingeschätzt.
Das vollständige Data.insight finden Sie hier: https://www.dezim-institut.de/publikationen/wie-die-eltern-so-die-kinder/
Pressekontakt
Angie Pohlers
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