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Noch wählbar? Welche Parteien von Wähler*innen mit und ohne Migrationshintergrund in Betracht gezogen werden

Zu welchen Parteien neigen Wähler*innen – und welche Rolle spielen dabei Migrationshintergrund und Herkunftsregion? Eine neue DeZIM-Studie zeigt, wie sich Wahlneigungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zuletzt entwickelt haben.

Das neue DeZIM Data.insight #21 „Stabilität und Wandel: Welche Parteien können sich Wähler*innen mit und ohne Migrationshintergrund vorstellen zu wählen?“ untersucht, welche Parteien für Wahlberechtigte grundsätzlich infrage kommen und wie sich diese Einschätzungen innerhalb eines Jahres entwickeln. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von 2.631 Wahlberechtigten im Winter 2023/2024 und im Winter 2024/2025, kurz vor der Bundestagswahl. Für die Auswertung wurde zwischen Wahlberechtigten ohne und mit Migrationshintergrund (MH)1 unterschieden, sowie zwischen den Herkunftsregionen MENA2/Türkei, EU und frühere Sowjetunion. 

Erfasst wurde nicht die Wahlabsicht im Sinne der Sonntagsfrage, sondern die Wahlneigung: Die Befragten gaben jeweils für SPD, CDU/CSU, Die Grünen, FDP, Die Linke und AfD3 an, ob sie sich vorstellen könnten, diese Partei jemals zu wählen. Damit wird sichtbar, welche Parteien zum Kreis der möglichen Wahlalternativen gehören (vgl. „Methodik“ weiter unten). Parteien kommt eine zentrale Funktion zu, da sie die Interessen und Anliegen der Wähler*innen politisch vertreten. Wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen die Parteienlandschaft wahrnehmen, ist ein wichtiger Indikator dafür, wie sie sich in der Gesellschaft repräsentiert fühlen. 

Das neue Data.insight knüpft an die Anfang 2025 veröffentlichte DeZIM-Studie „Vernachlässigtes Wähler*innenpotenzial?“ an. Während die damalige Veröffentlichung eine Momentaufnahme bot, ermöglicht die neue Studie anhand von Angaben derselben Personen einen Vergleich im Zeitverlauf.

ZENTRALE ERGEBNISSE

  • Kein Zuwachs bei der Wählbarkeit von Parteien – in einzelnen Konstellationen zeigen sich sogar Rückgänge: Keine der Parteien wird im Winter 2024/2025 im Schnitt als wählbarer bewertet als im Jahr zuvor. Bei Befragten mit Migrationshintergrund sinkt der Anteil derer, die eine bestimmte Partei für wählbar halten, in der Tendenz sogar. Während die Werte bei Befragten ohne Migrationshintergrund sowie mit Bezug zu EU-Ländern stabil bleiben, schätzen Befragte mit Bezug zur früheren Sowjetunion und zur MENA-/Türkei-Region Parteien eher als weniger wählbar ein. Signifikant ist dieser Rückgang in der Gruppe mit Bezug zur MENA-/Türkei-Region mit Blick auf SPD, CDU/CSU und Die Linke. 
  • In zwei Wähler*innengruppen ist eine höhere Skepsis gegenüber den hier abgefragten Parteien zu beobachten: Wahlberechtigte mit MENA-/Türkei-Bezug und mit Bezug zur ehemaligen Sowjetunion geben insgesamt häufiger an, dass sie die abgefragten Parteien nicht wählen würden, als Befragte ohne MH oder mit EU-Bezug. Dieser Befund kann auf eine stärkere Distanz zum bestehenden Parteienangebot hindeuten, die Ursachen lassen sich mit den Daten jedoch nicht abschließend bestimmen.
  • Deutliche Unterschiede bei der kategorischen Ablehnung von Parteien: Die AfD erfährt über alle Gruppen hinweg die stärkste Ablehnung: Etwa 65 % der Befragten geben an, diese Partei keinesfalls wählen zu wollen. Besonders ausgeprägt ist die Ablehnung in der Gruppe mit MENA-/Türkei-Bezug (etwa 80 %). Für CDU/CSU und SPD ist kategorische Ablehnung deutlich seltener (etwa 20 %) und liegt für Die Grünen, Die Linke und FDP zwischen etwa 40 und 50 %.  
  • Migrationshintergrund als ein Erklärungsfaktor unter mehreren: Grundsätzlich erweist sich die Herkunftsregion einer Person als relevanter Faktor dafür, welche Parteien als wählbar infrage kommen. Soziodemografische Unterschiede nach Geschlecht, Alter und Einkommen fallen jedoch ebenso deutlich oder gar deutlicher aus als Unterschiede zwischen den untersuchten Herkunftsgruppen. Darüber hinaus zeigen sich aber gruppenspezifische Verschränkungen.
    Einige Beispiele:
    Im Wähler*innenpotenzial etwa von CDU/CSU und AfD sind Unterschiede nach Einkommen bei Befragten ohne MH zu beobachten: Die Wahrscheinlichkeit, die Union zu wählen, nimmt mit steigendem Einkommen zu. Umgekehrt wird die AfD von Befragten mit niedrigem Einkommen als wählbarer erachtet. Bei Befragten mit MH sind diese Unterschiede deutlich geringer.
    In der Regel schätzen Frauen linke Parteien häufiger als wählbar ein, während Männer eher konservative, rechte und rechtsextreme Parteien in Betracht ziehen. Diesen Befund haben bereits viele Studien erbracht. Das Muster gilt nach den neuen DeZIM-Befunden auch für Befragte mit MH, allerdings nicht für potenzielle Die Linke-Wähler*innen mit Türkei-/MENA-Bezug: Hier gibt es keine nennenswerten geschlechterbedingten Unterschiede.
    Hinsichtlich des Faktors Alter fällt auf, dass über 65-jährige Wahlberechtigte mit MH weniger wahrscheinlich zur AfD neigen als jüngere Befragte mit MH. Bei Wahlberechtigten ohne MH zeigt sich dieser Alterseffekt nicht.

1 Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.

2  MENA: Middle East and North Africa

3Das BSW wird in diesem Insight nicht gesondert ausgewiesen, da Auswertungen der Sonntagsfrage nahelegen, dass aktuell die Fünf-Prozent-Hürde von dieser Partei nicht erreicht werden würde. Auch die FDP ist nah an der Fünf-Prozent-Hürde, war aber zum Zeitpunkt der ersten Befragung noch an der Regierung beteiligt und wird hier daher mit ausgewertet. 

Dr. Friederike Römer, Leiterin der Abteilung Konsens & Konflikt und Co-Autorin der Studie: „Der Zeitvergleich zeigt: Von Menschen mit Bezug zur MENA-/Türkei-Region und zur ehemaligen Sowjetunion wurden die Parteien im Winter 2024/2025 tendenziell seltener als wählbar bewertet als im Vorjahr. Das kann ein Warnsignal sein. Ob sich darin eine längerfristige Entfremdung vom Parteienangebot zeigt, müssen weitere Erhebungen klären.“

Mara Junge, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Konsens & Konflikt und Co-Autorin der Studie: „Die politische Debatte konzentriert sich häufig auf Migration als Problem. Die hier ausgewerteten Daten legen nahe, dass mit dieser Strategie Wähler*innen ohne Migrationshintergrund nicht nennenswert gewonnen wurden – und zugleich migrantische Wähler*innen verloren gehen. Gleichzeitig sprechen die Daten nicht für einen einheitlichen migrantischen Wähler*innenblock.“

METHODIK
Datengrundlage ist eine repräsentative Längsschnittbefragung von 2.631 Wahlberechtigten aus dem DeZIM.panel. Ausgewertet wurden die Angaben derselben Personen aus dem Winter 2023/2024 und dem Winter 2024/2025. Unterschieden wurden Wahlberechtigte ohne Migrationshintergrund sowie Personen mit Bezug zu EU-Staaten, zur MENA-/Türkei-Region und zu Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Befragten bewerteten auf einer siebenstufigen Skala, wie wahrscheinlich sie SPD, CDU/CSU, Die Grünen, FDP, Die Linke oder AfD jemals wählen würden. Bei Werten von 3 bis 7 wurden die Befragten als mögliche Wähler*innen gewertet, wobei 7 der höchsten Wahlneigung entspricht. Eine Person kann somit für mehrere Parteien eine hohe Wahlneigung zum Ausdruck bringen. Die Skalenwerte 1 und 2 wurden als Ablehnung der jeweiligen Partei gewertet. 

Die Gewichtung wurde gegenüber dem 2025 veröffentlichten Data.insight angepasst. Für beide Erhebungszeitpunkte der neuen Studie kommt derselbe überarbeitete Gewichtungsansatz zum Einsatz. Die nun berechneten Prozentwerte können deshalb nicht unmittelbar mit den in der früheren Veröffentlichung ausgewiesenen Einzelwerten verglichen werden.
 
Die vollständige Studie finden Sie hier: DeZIM Data.insight #21 „Stabilität und Wandel: Welche Parteien können sich Wähler*innen mit und ohne Migrationshintergrund vorstellen zu wählen?“

Pressekontakt
Angie Pohlers
Pressereferentin
Mail: presse[at]dezim-institut.de
Tel.: 030-200754-130