Freundschaft, Partnerschaft und Familie

Normative Vorstellungen junger Männer und Frauen mit Migrationserfahrung

Abteilung Integration

Projektleitung: Prof. Dr. Magdalena Nowicka

Projektmitarbeitende: Laura Juds,  Dr. Katarzyna Wojnicka

Laufzeit Oktober 2018 bis Dezember 2020
Status Abgeschlossenes Projekt

Das Projekt untersuchte, wie junge Männer und Frauen mit Migrationserfahrung Freundschaft, Partnerschaft und Familie verstanden und welche Lebensentwürfe sie entwickelten. Im Mittelpunkt standen normative Vorstellungen zu Beziehungen, Geschlechterrollen, Religiosität sowie Bildungs-, Karriere- und Zukunftspläne. Die Studie setzte damit einen empirischen Kontrapunkt zu stereotypen Vorstellungen über junge Menschen mit Migrationserfahrung und untersuchte zugleich, wie sich ihre Vorstellungen im Zuge der Sozialisation in Deutschland veränderten.

Leitende Forschungsfragen

Welche Vorstellungen haben junge Menschen mit Migrationserfahrung von guter Freundschaft, Partnerschaft und Familie?
Welche Bedeutung haben Geschlechterrollen und Religiosität für ihre Alltagspraktiken und Lebensentwürfe?
Inwiefern unterscheiden sich ihre Vorstellungen von den Erwartungen ihrer Eltern und Familien und wie verändern sie sich im Verlauf der Sozialisation in Deutschland?
Welche Rolle spielen Freundschaft, Partnerschaft und Familie für Bildungs- und Karriereentscheidungen sowie für Vorstellungen von Rück- oder Weiterwanderung?
Die Studie zeigte die Vielfältigkeit von Lebensentwürfen junger Männer und Frauen mit Migrationserfahrung jenseits von deren religiösen und ethnischen Identitäten und die Prevalenz der Erfahrungen mit Rassismus.
Prof. Dr. Magdalena Nowicka, Leitung Abteilung Integration

Zu normativen Vorstellungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bezüglich Freundschaft, Partnerschaft und Familie gibt es in Deutschland nur wenige gruppenbezogene Studien. Das Projekt erforschte, wie sich junge Männer und Frauen mit Migrationserfahrung eigene Freundschaften, Partnerschaft und Familie vorstellen, ob diese Vorstellungen von den Wünschen ihrer Eltern und Familien abweichen und wie sie von den gesellschaftlichen Bildern der Weiblichkeit und Männlichkeit abhängig sind. Auf der Grundlage der Erkenntnisse können zielgruppenorientierte Maßnahmen und Instrumente entwickelt werden. Darüber hinaus liefert die Studie eine Datengrundlage für die bessere Messung der Integration der Jugendlichen in symbolisch-kultureller Dimension.

Ergebnisse: Die Studie hat einen explorativen Charakter und basiert auf Fokusgruppen- Interviews und individuellen Interviews mit insgesamt 43 jungen Frauen und Männern mit Migrationshintergrund. Zusätzliche Daten wurden im Rahmen eines interaktiven künstlerischen Workshops erhoben. Die Analysen gaben unter anderem Aufschluss über traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, unabhängig von den ethnischen und religiösen Selbstzuschreibungen der jungen Menschen. Dennoch zeigen sich die jungen Menschen gegenüber alternativen Lebensentwürfen von Frauen und Männern sehr offen und akzeptieren die normative Vielfalt der Gesellschaft.

Obwohl erste Studien Einblicke in die Lebenslagen und Einstellungen Jugendlicher mit Migrationserfahrung gaben, fehlte es an systematischer Forschung zu ihren Vorstellungen von Freundschaft, Partnerschaft und Familie. Der öffentliche Diskurs war zudem häufig von stereotypen Bildern geprägt, insbesondere von jungen Männern mit Migrationserfahrung als gewaltbereit, deviant, religiös-fundamentalistisch oder patriarchal.

Das Projekt setzte diesen Vereinfachungen empirisch fundierte und differenzierte Perspektiven auf die tatsächlichen Lebensentwürfe junger Menschen entgegen. Zugleich schuf es eine Datengrundlage, die an die Männlichkeitsforschung anschloss und verbreitete Annahmen über Geschlechterverhältnisse kritisch überprüfte.

Ziel des Projekts war, die Vielfalt normativer Vorstellungen und Lebensentwürfe junger Männer und Frauen mit Migrationserfahrung sichtbar zu machen und besser zu verstehen. Die Ergebnisse sollten dazu beitragen, stereotype Vorstellungen zu hinterfragen und eine empirische Grundlage für zielgruppengerechte Maßnahmen zu schaffen. Darüber hinaus sollte die Studie Anknüpfungspunkte für die Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung der symbolisch-kulturellen Dimension von Integration liefern.

Die explorative Studie basierte auf Fokusgruppendiskussionen und leitfadengestützten Einzelinterviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationserfahrung. Die Teilnehmer*innen wurden in Einrichtungen der Jugendarbeit und Jugendfreizeitclubs in Berlin gewonnen. Die Fokusgruppen wurden durch Filmausschnitte angeregt, die als Impulse für die Narrationen und Diskussionen dienten. Kunstbasierter Workshop ermöglichte eine vertiefte Reflexion über die eigene Identität und Zugehörigkeit in Deutschland.
Die erhobenen Daten wurden mittels thematischer Kodierung ausgewertet. Die Kombination von Einzelinterviews und Gruppendiskussionen ermöglichte sowohl Einblicke in individuelle Lebensentwürfe als auch in gemeinsam geteilte oder kontrovers diskutierte normative Vorstellungen.

Die im Projekt entstandenen Publikationen zeigen, dass die Lebens- und Wertvorstellungen junger Menschen mit Migrationsgeschichte deutlich vielfältiger sind, als es öffentliche Stereotype über patriarchale Geschlechterrollen oder Homophobie nahelegen. Die Forschung machte zugleich sichtbar, dass Geschlecht, Migration und räumlicher Kontext eng miteinander verbunden sind und dass junge Menschen ihre Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit aktiv aushandeln. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus: Die qualitativen Analysen zeigten, dass rassistische Erfahrungen im Alltag häufig nicht unmittelbar benannt werden, sich jedoch in emotionalen Erzählungen und Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausschluss artikulieren (Nowicka & Wojnicka 2023a). Damit leistete das Projekt auch einen methodischen Beitrag zur Frage, wie qualitative Forschung Rassismus sichtbar machen und interpretieren kann (Wojnicka & Nowicka 2023). Insgesamt trug das Projekt damit dazu bei, junge Menschen mit Migrationsgeschichte nicht über vermeintliche Defizite oder stereotype Merkmale zu betrachten, sondern ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe, Aushandlungsprozesse und Erfahrungen mit Zugehörigkeit und Ausgrenzung empirisch sichtbar zu machen.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)

Publikationen