Globale Normen und lokale Praktiken – die Umsetzung des „Comprehensive Refugee Response Framework“ in Äthiopien
Abteilung Migration
Projektleitung: Dr. Ramona Rischke, Dr. Zeynep Yanaşmayan
Projektmitarbeitende: Dr. Marcus Engler, Dr. Samuel Zewdie Hagos
Leitende Forschungsfragen
Geflüchtete in Äthiopien haben die Fähigkeiten, selbst Unterkünfte wie Tukuls zu bauen und ihre Lebensräume zu gestalten. Dennoch liegt die Kontrolle über Unterkunftsprojekte meist weiterhin bei Geldgebern und internationalen Organisationen. Um den Lokalisierungsansatz umzusetzen, könnten solche Projekte gezielt genutzt werden, um Geflüchtete in stärkere Führungsrollen zu bringen.Dr. Samuel Zewdie Hagos, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Migration
Das Projekt untersucht am Fallbeispiel der Umsetzung des Comprehensive Refugee Response Framework (CRRF) in Äthiopien, wie globale Flüchtlingspolitik mit lokalen Politiken und Praktiken interagiert. Ausgangspunkt ist eine Einbettung des CRRF in breitere geopolitische Dynamiken, wobei analysiert wird, wie Äthiopiens Beziehungen zu Herkunfts- und Partnerstaaten – einschließlich Deutschlands - die faktische Flüchtlings- und Migrationspolitik prägen und damit die Lebensrealitäten von Geflüchteten aus Nachbarländern beeinflussen. Anschließend richtet das Projekt den Blick auf strukturelle Rahmenbedingungen und politische Aushandlungen rund um die Einbeziehung und die Ausgrenzung von Geflüchteten und Migrant*innen in lokale Wahl- und Governance-Prozesse, insbesondere im Spannungsfeld zu den Interessen aufnehmender Gemeinschaften. Ergänzend wird die Handlungsfähigkeit von Geflüchteten in Lagern und urbanen Räumen untersucht: Wie mobilisieren sie Ressourcen, knüpfen Allianzen und verhandeln mit staatlichen und humanitären Akteuren, um ihre Lebensbedingungen trotz hochprekärer Kontexte zu verbessern? Durch die Verknüpfung geopolitischer, institutioneller und mikrosozialer Perspektiven fördert das Projekt ein integriertes Verständnis von Schutz, Teilhabe und Selbstwirksamkeit unter dem CRRF.
Das Projekt schließt mehrere miteinander verknüpfte Forschungslücken. Erstens gibt es bislang nur wenige empirische Studien, die die Umsetzung des Comprehensive Refugee Response Framework (CRRF) in Äthiopien systematisch aus der Perspektive von Synergien und Spannungen zwischen globalen Rahmenwerken und lokalen Politiken und Praktiken analysieren. Zweitens wird der Zusammenhang zwischen geopolitischen Interessen Äthiopiens, der faktischen Flüchtlings- und Migrationspolitik und den daraus resultierenden Erfahrungswelten von Geflüchteten aus Nachbarstaaten bislang kaum gemeinsam in den Blick genommen. Drittens fehlt es an Forschung zu den strukturellen Bedingungen und politischen Aushandlungsprozessen rund um den Einbezug und Ausschluss von Geflüchteten und Migrant*innen in die lokale Wahl- und Kommunalpolitik – insbesondere im Zusammenspiel mit den Interessen von Aufnahmegemeinschaften. Viertens liegt nur begrenzte empirische Evidenz zur Handlungsfähigkeit von Geflüchteten in äthiopischen Lagern vor, also dazu, wie sie trotz prekärer Lebenslagen ihre Lebensbedingungen aktiv zu verändern versuchen. Durch die Verknüpfung von geopolitischen, institutionellen und Agency-orientierten Perspektiven leistet das Projekt hier einen innovativen Beitrag.
Grundsätzlich zielt das Projekt darauf ab, die Synergien und Brüche zwischen internationalen Initiativen und lokalen Praktiken empirisch zu untersuchen, in einem Aufnahmekontext, der sowohl für den internationalen Flüchtlingsschutz, sowie als „strategischer Partner“ Deutschlands Bemühungen im Bereich der internationalen Verantwortungsteilung von besonderem Interesse sind. Erstens werden die Zusammenhänge zwischen den geopolitischen Interessen Äthiopiens und den strukturellen Aufnahme- und Lebensbedingungen unterschiedlicher Gruppen von Geflüchteten und anderen Migrant*innen untersucht. Zweitens soll die Handlungsfähigkeit von Geflüchteten sichtbar gemacht werden: wie sie sich organisieren, mit Lagerverwaltungsstrukturen interagieren und versuchen, ihre Lebensbedingungen trotz hochprekärer Kontexte zu verbessern. Insgesamt strebt das Projekt eine nuancierte, mehrebenenbezogene Analyse von Schutz, Teilhabe und Agency unter dem CRRF an und möchte praxisrelevante Impulse für kontextsensiblere und partizipativere Flüchtlingspolitiken liefern.
Das Projekt stützte sich vor allem auf 47 halbstrukturierte Interviews (2021–2023) mit in den Lagern tätigen Expert*innen und Geflüchteten sowie auf fünf Gruppendiskussionen in fünf Lagern. NGO- und UN-Berichte sowie Feldnotizen ergänzten das Datenmaterial. Alle Interviews und Diskussionen wurden transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse in MAXQDA ausgewertet.
- Wir zeigen, dass sich der von der äthiopischen Regierung zugeschriebene „geopolitische Wert“ verschiedener Gruppen von Geflüchtetem im Zeitverlauf verändert und ihre Behandlung maßgeblich beeinflusst, obwohl sie denselben internationalen Regelungen unterliegen. Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass sich wandelnde geopolitische Konstellationen, insbesondere die Beziehungen Äthiopiens zu Nachbarstaaten, die wie Äthiopien selbst Flüchtlingsherkunftsländer sind, mit der faktischen Migrations- und Flüchtlingspolitik des Landes verschränken und die Lebensrealitäten von Geflüchteten prägen.
- Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass politische Grenzziehungen in Äthiopien nicht statisch sind, sondern sich im Zuge historischer Narrative, unterschiedlicher Migrationsphasen und institutioneller Rollen verändern. Diese Grenzen können verwischen, ausgeweitet oder verhärtet werden und führen häufig zur Marginalisierung bereits seit Langem ansässiger Migrant*innengruppen. Das Projekt verdeutlicht zudem, dass die politische Inklusion von Geflüchteten und Binnenmigrant*innen nicht vorrangig durch formale Staatsbürgerschaft bestimmt wird, sondern durch wandelbare und umkämpfte politische Grenzen, die von historischen Verflechtungen, Migration, ethnischen Allianzen und den Beziehungen zur Zentralregierung geprägt sind.
- Trotz eines ausgeprägten Kontroll- und Disziplinierungsregimes in den Lagern bleiben Geflüchtete nicht passiv. Sie organisieren sich, ergreifen Initiativen zur Verbesserung ihrer Unterkünfte und interagieren auf komplexe Weise mit den formellen Lagerstrukturen.
Der Comprehensive Refugee Response Framework (CRRF) ist Teil des Globalen Pakts für Flüchtlinge und wurde von der internationalen Gemeinschaft eingeführt, um langandauernde Flüchtlingssituationen in Camp-Kontexten anzugehen. Ziel ist es, Wege für die sozioökonomische Einbindung von Flüchtlingen zu eröffnen, die überwiegend in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aufgenommen werden, und zugleich eine gerechtere internationale Verantwortungsteilung zwischen Aufnahmestaaten und anderen Akteuren zu fördern.
- Hagos, Samuel (2025). Agency in action: Mobilisation efforts of South Sudanese refugees in Ethiopia. Refugee Survey Quarterly. Advance online publication. https://doi.org/10.1093/rsq/hdaf013.
- Hagos, Samuel; Rischke, Ramona; Nolte, Kerstin (2025). Geopolitical Dynamics and Forced Migration Policies in Ethiopia. DeZIM Working Papers 7, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
- Hagos, Samuel & Engler, Marcus (2023): Trapped in Overlapping Conflicts: Refugee Securitization and Regional Geopolitical Dynamics. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
- Hagos, Samuel (2021). Refugees and local power dynamics: The case of the Gambella Region of Ethiopia'. Discussion Paper No. 25/2021. Bonn: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (IDOS).
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)
Kooperationspartner:
Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und die Universität Gambella haben eine Absichtserklärung unterzeichnet und damit die Bedeutung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Forschungszentren anerkannt. Die Abteilung für Migration hat eine Arbeitsbeziehung mit der Universität Gambella in Äthiopien aufgebaut, um eine gemeinsame Feldforschung und Datenerhebung durchzuführen. Mit diesem Ansatz sollen sowohl die Ziele der Datenerhebung erreicht als auch die Bemühungen um die Einbeziehung von Institutionen aus dem globalen Süden in den Prozess der Wissensproduktion im Bereich der Migrationssteuerung unterstützt werden. Derzeit läuft die Datenerhebung in Zusammenarbeit mit der Universität Gambella. Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) die Möglichkeit geschaffen, auf vorhandene Daten zurückzugreifen, um an weiteren Entwürfen für Veröffentlichungen zu arbeiten.