Integrationspolitik und gesellschaftlicher Wandel

Valorisierung von theoretischem und empirischen Wissen

Abteilung Integration

Projektleitung: Dr. David Schiefer

Projektmitarbeitende: Dr. Niklas HarderProf. Dr. Magdalena NowickaDr. Nora Ratzmann

Laufzeit Januar 2025 bis Dezember 2027
Status Laufendes Projekt

Die Zuwanderung von Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung bringt für Deutschland viele Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich. Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftliche Organisationen entwickeln Maßnahmen zur Integration und greifen dabei unterschiedlich stark auf Erkenntnisse aus der Migrations- und Integrationsforschung zurück. Das Projekt setzt hier an und richtet den Blick besonders auf das vorhandene Wissen in der Abteilung Integration. In einem reflektierenden Prozess und im Austausch mit Expert*innen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft wird untersucht, unter welchen Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich Integration besser nutzbar gemacht werden können. Ziel ist es, den Dialog zwischen der Abteilung und den verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen zu stärken, deren Interessen an bestehenden und neuen Forschungsprojekten sichtbar zu machen und herauszufinden, was einen erfolgreichen Wissenstransfer fördert.

Leitende Forschungsfragen

Wie entwickelt sich das politische und gesellschaftliche Diskurs- und Handlungsfeld bzgl. Migration und Integration innerhalb des Spannungsfeldes von restriktiv-exklusionistischer und liberal-ermöglichender Politik?
Inwiefern fließen in diesem Diskurs- und Handlungsfeld wissenschaftliche Erkenntnisse in das Handeln von Akteur*innen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ein? Welche Erkenntnisbedarfe haben sie und wie rezipieren, bewerten und nutzen sie Forschungsergebnisse?
Welche Strategien und Formate eignen sich, um einen Wissenstransfer an relevante Akteur*innen erfolgreich zu gestalten? Welche Faktoren begünstigen oder erschweren einen Wissenstransfer?

Das Projekt bezieht sich auf die Debatten und Forschung zu Bedingungen und Gestaltung von Wissenstransfer. Seit vielen Jahren hat der Transfer und Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft eine große Bedeutung für politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland. Nicht zuletzt hat die Covid-19-Pandemie gezeigt, wie relevant wissenschaftliche Erkenntnisse für den Umgang mit gesellschaftlichen Problemlagen sein können. Gesellschaftliche Prozesse aufzugreifen und wissenschaftliche Evidenz für politische und andere Akteur*innen bereitzustellen wird als „Third Mission“ neben Forschung und Lehre mehr und mehr zu einem Eckpfeiler der Wissenschaft. Der Ansatz der „knowledge valorization“ beschreibt in diesem Zusammenhang den „Prozess der Schaffung von sozialem und wirtschaftlichem Wert aus Wissen durch die Verknüpfung verschiedener Bereiche und Sektoren und die Umwandlung von Daten, Know-how und Forschungsergebnissen in nachhaltige […] Lösungen und wissensbasierte Strategien zum Nutzen der Gesellschaft“ (European Commission, n.d.). Wissenschaftliche Arbeiten diskutieren bereits seit Längerem Gelingensbedingungen eines Transfers von Erkenntnissen aus der Forschung in die Politik und Gesellschaft. Aspekte wie eine klare und verständliche Kommunikation, Relevanz und Anwendbarkeit, Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit, Timing und Kontext sowie die Einbindung relevanter Stakeholder spielen dabei eine wesentliche Rolle (u.a. Bucchi & Trench, 2014; Cairney, 2016).
Die Notwendigkeit einer Verzahnung von Wissenschaft und Gesellschaft wird im Bereich der Integration besonders sichtbar, denn Ankommen und Teilhabe von zugewanderten Menschen und deren Nachkommen findet in einem komplexen und hochdynamischen gesellschaftlichen Feld statt. Wissenschaftliche Expertise und empirische Evidenz sind dabei für eine sachorientierte und nachhaltige Gestaltung von Integrationspolitik unabdingbar. Allerdings lässt sich beobachten, dass sich politische Entscheidungen und Maßnahmen in diesem Feld mitunter von wissenschaftlicher Evidenz entkoppeln. 

Während die Migrations- und Integrationsforschung sehr viel wissenschaftliche Evidenz generiert, wird zu wenig beleuchtet, unter welchen Bedingungen dieses Wissen in das Handeln von Akteur*innen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen einfließt und was dem möglicherweise im Weg steht. Das Handeln der Akteur*innen kann zum Beispiel evidenzbasiert, aber auch institutionell oder politisch-ideologisch geprägt sein. Wissenschaftliche Evidenz kann wiederum zu (oder zu wenig) bereichsspezifisch sein und die Erkenntnisinteressen der Akteur*innen möglicherweise nicht hinreichend bedienen. Valorisierung entsteht demnach nicht nur durch die eigentliche Produktion von Wissen, sondern auch durch die Gestaltung des Transfers.

Ziel des Projekts ist es, den Dialog zwischen der Abteilung Integration mit Akteur*innen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu fördern, Erkenntnisinteressen der Akteur*innen für die laufenden und für neue Forschungsprojekte zu erschließen und Gelingensbedingungen von Wissenstransfer zu identifizieren. Dies soll langfristig dazu beitragen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissensbestände der Abteilung besser für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft nutzbar zu machen.

Im Sinne einer Sicherung des Wissensbestands werden zum einen – im Rahmen interner Austauschformate – Projekte der Abteilung Integration reflektiert und deren Erfahrungen mit der Vermittlung von Wissen an Akteur*innen der Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft gebündelt. Auf dieser Basis werden die Strategien und Konzepte der Abteilung für eine zielgruppenspezifische Vermittlung von Erkenntnissen aus Forschungsprojekten in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft weiterentwickelt. Zum anderen schauen wir „über den Tellerrand“ und nehmen in den Blick, unter welchen Bedingungen es Integrationsforschenden in Deutschland in den vergangenen Jahren gelungen ist, theoretisches und empirisches Wissen aus der Forschung in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu tragen.

Die Nutzbarmachung der Wissensbestände der Abteilung für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft setzt eine detaillierte Kenntnis der gegenwärtigen Gesetzgebungen und Akteur*innen an der Schnittstelle von Integration und anderen Bereichen wie Familie, Pflege oder Arbeit sowie damit verbundene Entwicklungen voraus. Im Rahmen eines fortlaufenden Monitorings werden daher aktuelle gesetzlicher Regelungen aufgearbeitet, die direkt (z.B. Aufenthaltsgesetz) oder indirekt (z.B. pflege- oder familienpolitische Gesetze) das Handlungsfeld Integration regulieren, sowie damit verbundene Akteur*innen, Diskurse und Prozesse (z.B. Gesetzgebungsverfahren) dokumentiert.

Im ersten Projektjahr stand das Spannungsverhältnis von nationalstaatlicher Gesetzgebung und transnationalen familiären Lebensrealitäten im Vordergrund. In enger Verzahnung mit anderen Projekten der Abteilung wurden dabei gesetzliche Regelungen im Bereich der Pflege, des Krankenversicherungsschutzes und der grenzüberschreitenden Mobilität aufgearbeitet. Daraus ergeben sich Erkenntnisse zu Handlungsmöglichkeiten, um die Bedingungen für transnationales Familienleben zu verbessern. 
Ebenso wurden anhand der Workshopreihe “Resiliente Kommunen 2.0” Gelingensbedingungen von dialogischen Formaten als Form des Wissenstransfers intern reflektiert. Die Abteilung Integration bietet mit dieser Workshopreihe als wissenschaftlicher Akteur eine Plattform, auf der sich Akteur*innen aus der Praxis austauschen und vernetzen. In diesen Dialog können wissenschaftliche Erkenntnisse und Debatten einfließen. Ein solches Format erfordert unter anderem ein vertrauensvolles Verhältnis auf Augenhöhe, was einer guten vorherigen Vernetzungsarbeit bedarf, sowie eine inhaltliche Flexibilität, die den aktuellen Erkenntnisinteressen und relevanten Themen der Teilnehmenden Rechnung trägt.

Welche Bedeutung haben die Forschungsergebnisse für die Praxis?
Ein stärker evidenzbasiertes Handeln der Akteur*innen im Themenfeld Migration, Integration und Flucht erhöht die Wirksamkeit politischer Maßnahmen für alle Beteiligten. Es senkt soziale und finanzielle Kosten, weil weniger ineffektive oder schädliche Instrumente eingesetzt werden. Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte bedeutet dies eine bessere Teilhabe an gesellschaftlich relevanten Bereichen wie Arbeit, Bildung und Unterstützung. Für Institutionen, Organisationen und Verwaltungen fördern evidenzbasierte Politiken Kostenwirksamkeit, transparente Entscheidungen und Lernprozesse, was Vertrauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Zugleich erleichtert eine belastbare Datenlage die politische Kommunikation und kann polarisierende Debatten versachlichen. Ein besserer Transfer trägt somit dazu bei, humanitäre Standards zu erfüllen, soziale Ungleichheiten abzubauen und der wirtschaftlichen Notwendigkeit gerecht zu werden, mehr internationale Fach- und Arbeitskräfte für Deutschland zu gewinnen.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)