Intergenerationale transnationale Unterstützungsleistungen: Das Beispiel Eltern und erwachsene Kinder (TransCare)
Abteilung Integration
Projektleitung: Dr. David Schiefer
Leitende Forschungsfragen
Internationale Migration stellt Grundprinzipien intergenerationaler Solidarität auf die Probe. Denn familiäre Solidaritätsbeziehungen erstrecken sich zunehmend über nationalstaatlich institutionalisierte Solidargemeinschaften hinaus.Dr. David Schiefer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Integration
Ein zentrales Merkmal familiärer sozialer Beziehungen ist die gegenseitige Unterstützung und Fürsorge. Innerhalb des familiären Gesamtgefüges ist dabei die Eltern-Kind-Beziehung besonders hervorzuheben. Eltern begleiten und unterstützen den Werdegang ihrer Kinder ein Leben lang, erwachsene Kinder unterstützen aber auch selbst ihre Eltern. Zahlreiche internationale Studien zeigen, dass diese intergenerationale Fürsorge in ihren vielfältigen Formen auch dann praktiziert wird, wenn Eltern und ihre erwachsenen Kinder über Ländergrenzen hinweg getrennt leben. Internationale Studie deuten darauf hin, dass transnationale Care-Arbeit, analog zu jener in lokalen Familien, dabei ungleich über die Geschlechter verteilt ist: Frauen sind häufig stärker in die Fürsorge für ihre Eltern involviert als Männer.
Transnationale Fürsorge kann zu einer besonderen Herausforderung werden. Zum einen liegen in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen größere Distanzen zwischen Eltern und ihren Kindern, zum anderen leben beide in verschiedenen Ländern mit jeweils eigenen Regelungen, wirtschaftlichen Lagen und staatlichen Hilfesystemen, aber auch unterschiedlichen Normen und Erwartungen bezüglich familiärer Unterstützung. Studien belegen, dass familiäre Fürsorge im transnationalen Kontext mit höheren Kosten verbunden ist, sowohl direkt (z.B. Geldsendungen, Reisekosten) als auch indirekt (z.B. Verwendung von Urlaubstagen zur Erfüllung von Pflegeaufgaben). Hinzu kommen emotionale Kosten, z.B. Hilflosigkeit und Schuldgefühle aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten, für Angehörige da zu sein. Transnationale Familienbeziehungen sind dabei stets eingebettet in institutionelle Rahmenbedingungen der jeweiligen Länder, die grenzüberschreitende Unterstützungsleistungen erschweren können.
In Deutschland ist dieses Phänomen nur vereinzelt untersucht. In welchem Ausmaß und welcher Form Menschen in Deutschland ihre im Ausland lebenden Eltern unterstützen, welche Auswirkungen dies auf ihr Leben hat und inwiefern staatliche Hilfestrukturen hier greifen, ist weitgehend unbekannt. Dabei sind transnationale intergenerationale Familienkonstellationen in Deutschland keine Seltenheit mehr. Daten des DeZIM.panel von 2021 zeigen, dass etwa 40 % der Bevölkerung in Deutschland mindestens ein Familienmitglied im Ausland hat, bei etwa 14 % sind es die Eltern.
Das Projekt untersucht Ausmaß, Formen und Konsequenzen von intergenerationaler transnationaler Unterstützung bei in Deutschland lebenden volljährigen Personen mit mindestens einem Elternteil im Ausland.
Teilnehmende des DeZIM.panels, die Eltern im Ausland haben, werden in der 7. Befragungswelle 2023 zum Wohnsitzland ihrer Eltern, ihren Unterstützungsleistungen für Eltern und zu anderen relevanten Inhalten (z.B. Belastungserleben) befragt. Damit sollen sowohl wissenschaftlich relevante Erkenntnisse gesammelt als auch ein gesellschaftliches Bewusstsein für transnationale familiäre Fürsorge gestärkt werden.
Die Befragung des DeZIM.panels von 2023 zeigt am Beispiel der Eltern: Menschen unterstützen ihre Angehörigen im Ausland ähnlich häufig wie jene mit Angehörigen in Deutschland. Diese Unterstützung ist, das heißt, sie variiert in Abhängigkeit vom tatsächlichen Unterstützungsbedarf der Eltern. Dies bestätigt qualitative Studien, die zeigen, dass Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen im Ausland, wie bei inländischen Konstellationen, teilweise intensiv in die Organisation von deren Pflege und Unterstützung involviert sind, wenn auch gegebenenfalls in anderer Form (z.B. eher logistisch oder finanziell). Befragte mit Eltern im Ausland berichten in diesem Zusammenhang signifikant von stärkeren Belastungen als jene mit Eltern in Deutschland. Dies betrifft insbesondere Menschen, die selbst nach Deutschland zugewandert sind. Gründe für das höhere Belastungserleben sind höhere Mobilitätsbarrieren und weniger Fürsorgeressourcen: Zum einen erleben Betroffene trotz höherem Bedarf an Mobilität häufiger migrationsrechtliche Barrieren. Zum anderen können sie weniger auf staatliche und familiäre Unterstützung zurückgreifen als Menschen mit Angehörigen in Deutschland. Dadurch empfinden die Befragten es zum Beispiel als schwieriger, berufliche und familiäre Aufgaben zu vereinbaren.
Welche Bedeutung haben die Forschungsergebnisse für die Praxis?
Die Ergebnisse bieten eine Grundlage für weitere Untersuchungen, etwa inwiefern staatliche Unterstützungssysteme die Bedarfe von Menschen mit transnationalen familiären Fürsorgeverpflichtungen abdecken. Werden diese Bedarfe stärker berücksichtigt, stärkt dies nicht nur Integration im Sinne einer gleichberechtigten Teilhabe an Fürsorgesystemen, es macht Deutschland auch attraktiv für dringend benötigte Fachkräfte aus dem Ausland. Denn, ob sich Fach- und Arbeitskräfte entscheiden, nach Deutschland zu kommen und hier dauerhaft zu bleiben, hängt auch maßgeblich davon ab, inwiefern sie hier ihr Berufsleben mit Fürsorgeverantwortungen ins im Ausland vereinbaren können.
Familiäre Fürsorge wird im Rahmen dieses Projekts als die gegenseitige Unterstützung oder materielle und immaterielle Versorgung von Familienmitgliedern verstanden. Sie ist ein zentrales Merkmal familiärer Beziehungen. Der Begriff transnational wird in der Forschung verwendet, um zu beschreiben, dass Familienbeziehungen auch über staatliche Grenzen hinweg aufrechterhalten werden.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)