Klimabedingte Migration
Chancen und Herausforderungen von Kooperationen zwischen Deutschland und Ostafrika
Abteilung Migration
Projektleitung: Dr. Ramona Rischke, Dr. Zeynep Yanaşmayan
Projektkoordination: Dr. Pau Palop-García
Projektmitarbeitende: Dr. Samuel Zewdie Hagos
Leitende Forschungsfragen
Der Prozess der Konstruktion klimawandelbedingt migrierender Menschen als „die Anderen“ stellt sie als grundsätzlich anders oder fremd gegenüber Aufnahmegemeinschaften dar und setzt sie dadurch vielfältigen Formen von Schaden und Leid aus.Dr. Samuel Zewdie Hagos, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Migration
Der Migrations-Entwicklungs-Nexus bietet eine prägnante Perspektive darauf, wie Akteure Mobilität mit Klimaschutz und -anpassung verknüpfen. Das Projekt untersucht, wie IGAD-Akteure (Horn von Afrika, Niltal, Große Afrikanische Seen) und deutsche/EU-Akteure ihre Interessen konstruieren, aushandeln und rahmen, wenn sie Migrationsagenden mit Anpassungs-/Mitigationsprioritäten verbinden. Zudem problematisiert es die Naturalisierung klimabezogener Gefahren (z. B. Dürren, Desertifikation), also deren Deutung als rein „natürliche“ Ereignisse, wodurch anthropogene Treiber (industrielle Emissionen, historische Ungleichheiten) und die sozio-politischen Ursachen klimabezogener Mobilität verdeckt werden.
Darüber hinaus analysiert die Studie, wie die Figur der klimawandelbedingt migrierenden Person aus der IGAD-Region an den Außengrenzen Europas in Nordafrika (insbesondere Tunesien und Libyen) konstruiert wird und wie EU-exterritoriale Grenz- und Asylkontrollmaßnahmen, die an afrikanische Staaten delegiert werden, diese Konstruktionen prägen, häufig ausschließende Rahmungen verfestigen und Spielräume für Mobilität als legitime Anpassungsstrategie verengen.
Das Projekt rückt bewusst von dominanten Blickwinkeln aus Industrieländern ab und stellt afrikanische Regionalagenden und Handlungsmacht, insbesondere jene von IGAD, ins Zentrum der Analyse. Zugleich problematisiert die Studie die verbreitete Naturalisierung klimabedingter Ereignisse als „Naturkatastrophen“ und arbeitet deren anthropogene sowie politökonomische Treiber heraus. Schließlich untersucht das Projekt explizit, wie die „Figur“ der klimabedingt migrierenden Person diskursiv hervorgebracht wird – eine bislang vernachlässigte Frage, die für Politikgestaltung und Schutzinstrumente zentral ist.
- Darstellen, wie IGAD-Akteure und Akteure aus Deutschland/EU den Zusammenhang zwischen Migration und Klima beschreiben, welche Probleme und Ziele sie betonen und inwiefern sie klimabedingte Risiken als natürlich statt menschengemacht darstellen.
- Aufzeigen, wo sich Ziele beider Seiten überschneiden (z. B. „sichere und geordnete“ Mobilität) und wo sie auseinandergehen (z. B. offene regionale Mobilität vs. Begrenzung irregulärer Einreisen), sowie welche politischen Kompromisse daraus entstehen.
- Untersuchen, wie EU-Maßnahmen zur Grenz- und Asylkontrolle außerhalb Europas (z. B. Vorabkontrollen, Rückübernahmen) das Bild des „klimabedingten Migranten prägen und politische Handlungsspielräume einschränken.
Wir führten halbstrukturierte Interviews mit Practitioners und Behördenvertreter*innen aus dem Horn von Afrika/Ostafrika sowie aus Deutschland und der EU durch. Ergänzt wurden die Interviews durch eine systematische Dokumentenanalyse von politischen Strategien, Berichten, grauer Literatur und Medien.
- In der Gesamtanalyse zeigt sich ein gemeinsames Bekenntnis zu „sicherer, geordneter und regulärer“ Mobilität, zu einer Stärkung der Klimafinanzierung sowie zu verbesserten Wissens- und Datengrundlagen.
- Gleichzeitig versteht IGAD Freizügigkeit als zentrale Strategie der Klimaanpassung und verfolgt den Ausbau regulärer intraregionaler Mobilitätswege, während Deutschland/EU sicherheitsorientierte Ansätze gegenüber Schutz- und Risikomanagementperspektiven klar priorisieren.
- Deutsche Durchführungsprogramme schwanken zwischen der Eindämmung irregulärer Migration und der Unterstützung regionaler Mobilität, doch insgesamt bleiben die Instrumente und Haushalte der EU und Deutschlands stark auf Begrenzung ausgerichtet.
- Hagos, Samuel, Aurelia Streit, and Pau Palop-García. Climate Mobility Between Adaptation and Control? Contested Agendas in IGAD–Germany Cooperation in Africa. Territory, Politics, Governance, forthcoming.
- Hagos, Samuel; Palop-García, Pau (2024). Framing climate change-induced displacement: Attributing disasters to natural causes. Public Anthropologist.
- Hagos, Samuel (2023). Understanding the horn of Africa through a geographic lens. San Francisco: Culturico. Available: culturico.com/2023/08/25/understanding-the-horn-of-africa-through-a-geographic-lens/
- Streit, Aurelia, and Pau Palop-García. 2024. “Wie Kann Ein Positives Narrativ von Migration in Krisenzeiten Schützen? – Lehren Im Umgang Mit Dem Klimawandel Aus Dem Horn von Afrika.” Migration & Integration.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)