Politische (Un-)Gleichheit in der postmigrantischen Demokratie

DeZIM-Forschungsgemeinschaft

Laufzeit Januar 2025 bis Dezember 2027
Status Laufendes Projekt

Unter den Bedingungen der postmigrantischen Gesellschaft verschärft sich das in der Demokratie angelegte Spannungsverhältnis zwischen sozialen Ungleichheiten und dem Versprechen der politischen Gleichheit. Dabei entstehen neue Dynamiken politischer Konflikte, von Zugehörigkeiten, politischer Teilhabe und politischer Repräsentationsmuster. Um diese besser zu verstehen, gilt es, die Mechanismen zu identifizieren und empirisch zu untersuchen, welche die möglichen Widersprüche zwischen sozialer Ungleichheit und politischer Gleichheit in der pluralen, postmigrantischen Demokratie vermitteln oder auch vertiefen.

Leitende Forschungsfragen

Über welche Mechanismen wirken gesellschaftliche (Un)Gleichheiten in den politischen Raum?
Wie entsteht und wirkt Zugehörigkeit in der demokratischen Gesellschaft?
Unter welchen Bedingungen gelingen Teilhabe und Partizipation?
Was bedeutet Repräsentation in der postmigrantischen Gesellschaft?

Verbundleitung: Prof. Dr. Andreas Blätte (InZentIM), Prof. Dr. Nihad El-Kayed (IfS, Universität Münster)

Wissenschaftliche und administrative Koordination: Dr. Marcel Berlinghoff (InZentIM), Dorothee Helsper (InZentIM), Leoni Meyer (IfS, Universität Münster)  

Wissenschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Projektbeirat: Prof. Dr. Tarik Abouchadi (Universität Oxford), Prof. Dr. Svenja Ahlhaus (Universität Münster), Prof. Dr. Claudia Diehl (Universität Konstanz), Prof. Dr. Serhat Karakayalı (Leuphana Universität Lüneburg), Peggy Piesche (Bundeszentrale für politische Bildung, BPB), Dr. Elizabeth Beloe (BV Netzwerk Migrant*innenorganisationen, NeMO)

 

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Das Kooperationsprojekt untersucht, wie gesellschaftliche (Un-)Gleichheiten in den politischen Raum postmigrantischer Demokratien hineinwirken – das heißt, in einen Raum, der normativ auf dem Versprechen politischer Gleichheit beruht. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Spannungen zwischen sozialer Ungleichheit und politischer Zugehörigkeit, Partizipation und Repräsentation in der pluralen postmigrantischen Gesellschaft zeigen, verändern und bearbeiten lassen.

Unsere Forschung verbindet sieben disziplinär und methodisch aufeinander bezogene Projektmodule, die sich den drei Dimensionen (A) Zugehörigkeit, (B) Partizipation und (C) Repräsentation widmen. Dabei arbeiten bildungswissenschaftliche, geographische, philosophische, politikwissenschaftliche und soziologische Perspektiven mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden zusammen: Auf der Ebene der Zugehörigkeit untersucht die Modulgruppe Aushandlungen zwischen Selbst- und Fremdzuschreibungen und welche Bedeutung Erfahrungen von Demokratie, Anerkennung, Teilhabe, Hierarchie und Inklusion für Personen mit Migrationsgeschichte haben – sowohl im Zusammenhang mit Migrationserfahrungen als auch im Arbeitskontext.

Auf der Ebene der Partizipation widmet sich die Modulgruppe den institutionellen und lokalen Bedingungen politischer Beteiligung – von Erfahrungen migrantischer Eltern in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Kontexten bis hin zur Frage, welche Rolle lokale soziale Infrastrukturen für politische Partizipation von Personen mit Migrationshintergrund und migrationsbezogene Einstellungen spielen. 

Auf der Ebene der Repräsentation untersucht die Modulgruppe, wie soziale und migrationsbezogene Ungleichheiten politische Repräsentationsmuster prägen, welche Auswirkungen Bedrohungslagen auf politische Beteiligung und Mandatsausübung haben und welches Potenzial demokratische Innovationen für den Umgang mit intersektionalen Ungleichheiten sowie für Repräsentation und Responsivität in der postmigrantischen Demokratie entfalten können.

 

Beteiligte Verbundpartner: Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Interdisziplinäres Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (InZentIM), Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Institut für Soziologie (Universität Münster)

 

Übersicht Module:

 

A Zugehörigkeit

A.1 Demokratische Werte unter Migrant*innen aus autoritären Regimen. Modulleitung: Prof. Dr. Marc Helbling (MZES), Dr. Korinna Lindemann (MZES), Dr. Sandra Morgenstern (MZES), Modulbearbeitung: Dr. Antonia May (MZES)

A.2 Einander in die Augen schauen können. Von der Gesellschaft der Gleichen zur partizipativen Demokratie. Modulleitung: Prof. Dr. Andreas Niederberger (InZentIM), Modulbearbeitung: Ibrahim Orha (InZentIM)

 

B Partizipation

B.1 Partizipation in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen stärken: Perspektiven migrantischer Eltern. Modulleitung: Dr. Alison Benbow (BIM), Prof. Dr. Aileen Edele (BIM), Prof. Dr. Philipp Jugert (InZentIM), Modulkoordination: Sophie Harms (BIM), Modulbearbeitung: Begüm Güngör (BIM).

B.2 Schützende Infrastrukturen? Die Rolle lokaler Infrastrukturen für Partizipation und migrationsbezogene Einstellungen in der postmigrantischen Demokratie. Modulleitung: Prof. Dr. Nihad El-Kayed (IfS, Universität Münster), Modulbearbeitung: Martin Refisch (IfS, Universität Münster)

 

C Repräsentation

C.1 Ethnischer und sozio-ökonomischer Hintergrund von Bewerber*innen um politische Ämter: Implikationen für die Repräsentationsmuster in der postmigrantischen Gesellschaft. Modulleitung: Prof. Dr. Marc Debus (MZES), Modulbearbeitung: Julius Diener (MZES)

C.2 Repräsentation in Bedrohungslagen. Lokale Amts- und Mandatsträger*innen zwischen exit und voice. Modulleitung: Prof. Dr. Andreas Blätte (InZentIM), Prof. Dr. Nihad El-Kayed (IfS, Universität Münster), Dr. Merve Schmitz-Vardar (InZentIM), Modulbearbeitung: Laura Dinnebier (InZentIM), Leoni Meyer (IfS, Universität Münster)

C.3 Nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht gehört. Politische Responsivität und intersektionale Ungleichheit (NIG). Modulleitung: Prof. Dr. Susanne Pickel (InZentIM), Modulbearbeitung: Katharina Kowalski (InZentIM)

In der bestehenden Forschung zur politischen Ungleichheit fehlt es bislang an systematischem Wissen darüber, über welche konkreten Mechanismen soziale Ungleichheiten in politische Prozesse übersetzt werden und sich dort in unterschiedlicher Weise auf Zugehörigkeit, Partizipation und Repräsentation auswirken. Die Verbindung zwischen sozialer Ungleichheitsstruktur und politischer (Un-)Gleichheit bleibt damit häufig unscharf. Darüber hinaus ist weitgehend unklar, unter welchen Bedingungen politische Ungleichheit nicht nur beschrieben, sondern auch praktisch bearbeitet oder reduziert werden kann. Es fehlt insbesondere an integrierten Analysen, die empirische Mechanismen mit praxisorientierten Ansätzen verbinden. Das Projekt setzt genau hier an, indem es diese Forschungslücken adressiert und ein integriertes Verständnis der Mechanismen entwickelt, durch die soziale Ungleichheit in politische Ungleichheit übersetzt, verstärkt oder auch abgeschwächt wird.

Ziel des Projekts ist es, systematisch zu untersuchen, wie sich gesellschaftliche (Un-)Gleichheiten in den politischen Raum postmigrantischer Demokratien einschreiben und dort in den Dimensionen Zugehörigkeit, Partizipation und Repräsentation wirksam werden. Dabei sollen sowohl die empirischen Ausprägungen dieser Ungleichheitsverhältnisse als auch die dahinterliegenden Mechanismen identifiziert werden, die Spannungen zwischen sozialer Ungleichheit und politischer Gleichheit vermitteln, verstärken oder abschwächen.

Ein weiteres Ziel ist es, die Bedingungen zu verstehen, unter denen politische Inklusion, Teilhabe und Repräsentation in der postmigrantischen Demokratie gestärkt werden können. Auf dieser Grundlage sollen auch praxisbezogene Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen entwickelt werden, die dazu beitragen, politische Ungleichheiten abzubauen und politische Gleichheit in der pluralen, postmigrantischen Gesellschaft zu fördern.

Die Forschung erfolgt im Rahmen von sieben Projektmodulen, die sich in drei Modulgruppen aufteilen entlang der Dimensionen Zugehörigkeit, Partizipation und Repräsentation: Die erste Modulgruppe thematisiert Fragen der politischen Zugehörigkeit im Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung: in Bezug auf demokratische Werte unter Migrant*innen aus autoritären Regimen; sowie in Bezug auf Hierarchieerfahrungen von Personen mit Migrationsgeschichte am Arbeitsplatz und ihre Bedeutung für politische Inklusion.

  • Demokratische Werte unter Migrant*innen aus autoritären Regimen. Modulleitung: Prof. Dr. Marc Helbling (MZES), Dr. Korinna Lindemann (MZES), Dr. Sandra Morgenstern (MZES), Modulbearbeitung: Dr. Antonia May (MZES)
  • Einander in die Augen schauen können. Von der Gesellschaft der Gleichen zur partizipativen Demokratie. Modulleitung: Prof. Dr. Andreas Niederberger (InZentIM), Modulbearbeitung: Ibrahim Orha (InZentIM)

Modulgruppe (B) befasst sich mit kontextuellen und institutionellen Rahmenbedingungen politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation. Die Module untersuchen die Partizipation migrantischer Eltern in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen; und die Frage, wie sich die lokale Variation von Infrastrukturen wie z.B. (migrantische) Vereine oder soziale Einrichtungen auf die politische Partizipation von Personen mit Migrationshintergrund und auf migrationsbezogene Einstellungen auswirkt.

  • Partizipation in staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen stärken: Perspektiven migrantischer Eltern. Modulleitung: Dr. Alison Benbow (BIM), Prof. Dr. Aileen Edele (BIM),Prof. Dr. Philipp Jugert (InZentIM), Modulkoordination: Sophie Harms (BIM), Modulbearbeitung: Begüm Güngör (BIM).
  • Schützende Infrastrukturen? Die Rolle lokaler Infrastrukturen für Partizipation und migrationsbezogene Einstellungen in der postmigrantischen Demokratie. Modulleitung: Prof. Dr. Nihad El-Kayed (IfS, Universität Münster), Modulbearbeitung: Martin Refisch (IfS, Universität Münster)

Modulgruppe (C) untersucht Fragen der Repräsentation in postmigrantischen Demokratien. Die Module analysieren, inwiefern sich der ethnische und sozio-ökonomische Hintergrund von Bewerber*innen um politische Ämter auf deren Erfolgsaussichten auswirkt; über welche Mechanismen sich Bedrohungslagen gegen Politiker*innen gruppenspezifisch auswirken und so bereits existierende, migrationsbezogene Schieflagen in der Repräsentation verstärken; sowie das Potential demokratischer Innovationen zur Überwindung intersektionaler Ungleichheiten von Menschen mit Migrationsbiographie und ihre Bedeutung für Repräsentation und Responsivität.

  • Ethnischer und sozio-ökonomischer Hintergrund von Bewerber*innen um politische Ämter: Implikationen für die Repräsentationsmuster in der postmigrantischen Gesellschaft. Modulleitung: Prof. Dr. Marc Debus (MZES), Modulbearbeitung: Julius Diener (MZES)
  • Repräsentation in Bedrohungslagen. Lokale Amts- und Mandatsträger*innen zwischen exit und voice. Modulleitung: Prof. Dr. Andreas Blätte (InZentIM), Prof. Dr. Nihad El-Kayed (IfS, Universität Münster), Dr. Merve Schmitz-Vardar (InZentIM), Modulbearbeitung: Laura Dinnebier (InZentIM), Leoni Meyer (IfS, Universität Münster)
  • Nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht gehört. Politische Responsivität und intersektionale Ungleichheit (NIG). Modulleitung: Prof. Dr. Susanne Pickel (InZentIM), Modulbearbeitung: Katharina Kowalski (InZentIM)

Durch die verschränkte Untersuchung der Prozesse und Wirkmechanismen zwischen sozialen Ungleichheiten, migrationsbezogener Diversität sowie kontextuellen und institutionellen Rahmenbedingungen politischer (Un)Gleichheit verstehen wir nicht nur besser, wie diese in den unterschiedlichen Dimensionen zusammenhängen. Wir können so auch Felder strategischer Intervention identifizieren und damit wichtige Erkenntnisse für Politik und Zivilgesellschaft bereitstellen.

Unter postmigrantischer Demokratie verstehen wir – empirisch – die demokratische Verfasstheit einer von Migration geprägten Gesellschaft. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff normativ eine demokratisch verfasste Gesellschaft, in der die – auch familiäre – Migrationserfahrung unhinterfragter Teil des gemeinsamen „Wir“ ist, in der migrationsbedingter Diskriminierung entgegengewirkt wird und deren gemeinschaftsstiftende Erzählungen von der empirischen Normalität der Vielfalt anstelle vermeintlich monokultureller Identitäten tritt.

Das Ideal politischer Gleichheit – also der prinzipiell gleichen Rechte, Chancen, und Einflussmöglichkeiten Aller, am politischen Prozess teilzunehmen – wird in komplexen Gesellschaften nie voll erreicht, so dass politische Ungleichheit der Normalfall ist. Wir betrachten diese Ungleichheiten in relevanten Dimensionen des politischen Prozesses: der Frage der politische Zugehörigkeiten, der Möglichkeiten der Teilhabe, der Rolle der Repräsentation sowie der Responsivität, also der Wahrnehmung der Bürger*innen, inwieweit Politiker*innen auf ihre Wünsche und Forderungen eingehen.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Drittmittel)