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Postmigrantisches Gestaltungspotential in transformativen Lebensereignissen

Abteilung Konsens und Konflikt

Projektleitung: Dr. Ruta Yemane

Laufzeit April 2024 bis März 2025
Status Abgeschlossenes Projekt

Die Studie untersuchte mit Hilfe von Interviews, wie Schwarze, muslimische sowie mittel- und osteuropäische Familien in Deutschland auf alltäglichen und strukturellen Rassismus reagieren. Wir verwendeten bewusst einen breiten Begriff von antirassistischer Handlungsfähigkeit, der vielfältige Formen des Widerstands im privaten und öffentlichen Alltag umfasst.

Leitende Forschungsfragen

Wie erleben Schwarze, muslimische sowie mittel- und osteuropäische Familien in Deutschland alltägliche und strukturelle Formen von Rassismus – und wie prägen diese Erfahrungen ihren Familienalltag?
Welche Formen antirassistischer Agency entwickeln diese Familien, um mit Rassismus umzugehen, sich zu schützen und zu widersetzen – und welche sozialen, emotionalen und strukturellen Bedingungen beeinflussen diese Strategien?
Familien werden häufig als passive Opfer von Rassismus dargestellt; die Studie zeigt, dass sie aktive Akteure antirassistischer Praxis sind.
Dr. Ruta Yemane, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Konsens und Konflikt

Diese Studie untersuchte, wie von Rassismus betroffene Familien in Deutschland auf alltäglichen und strukturellen Rassismus reagieren – und wie sie dabei ihre eigenen Handlungsspielräume gestalten. Im Zentrum stand der Begriff der Antirassistischen Agency, der die vielfältigen Weisen beschreibt, in denen sich Familien gegen Rassismus zur Wehr setzen, ihre Kinder stärken und Räume der Zugehörigkeit schaffen. Dabei wurde antirassistisches Handeln nicht auf Aktivismus im engen Sinne reduziert. Vielmehr umfasst es alltägliche Entscheidungen, Schutz- und Unterstützungsstrategien, kommunikative Praktiken, und öffentliches Engagement – auch dann, wenn Familien sich selbst nicht explizit als „aktivistisch“ bezeichnen.

Die Studie schloss mehrere zentrale Forschungslücken:

  1. Antirassismus in Familien – Während viel Forschung sich darauf konzentriert, wie Eltern ihre Kinder auf Rassismuserfahrungen vorbereiten, gibt es wenig Wissen darüber, wie Familien sich aktiv gegen Rassismus wehren und Gegenstrategien entwickeln.
  2. Familie als Ort der Widerstandspraktiken – Familien werden häufig als passive Opfer von Rassismus dargestellt; die Studie zeigt, dass sie aktive Akteure antirassistischer Praxis sind.
  3. Differenzierte Perspektiven auf Rassifizierung – Durch die Einbeziehung von Schwarzen, muslimischen sowie mittel- und osteuropäischen Familien werden sowohl sichtbare als auch weniger sichtbare Formen von Rassismus untersucht, die in bisherigen Studien oft übersehen werden.
  4. Strukturelle und relationale Bedingungen – Die Forschung berücksichtigt zudem, wie Ressourcen, partnerschaftliche Abstimmung, Wohnumfeld und Zugehörigkeitsgefühle die antirassistische Handlungsfähigkeit prägen.

Das Ziel der Studie war es zu untersuchen, wie Schwarze, muslimische sowie mittel- und osteuropäische Familien in Deutschland alltäglichen und strukturellen Rassismus erleben und welche Strategien antirassistischer Handlungsfähigkeit („Antirassistische Agency“) sie entwickeln, um sich zu schützen, Widerstand zu leisten und ihre Kinder zu stärken.

Der empirische Teil der Studie wurde zwischen Juni 2024 und Januar 2025 durchgeführt und basierte auf 25 leitfadengestützten Interviews mit Familien in Deutschland, die sich als Schwarz, muslimisch oder mittel- bzw. osteuropäisch identifizieren. 

Die Studie zeigt, dass Familien nicht nur Orte der Fürsorge, sondern auch Orte des Widerstands, der Resilienz und der alltäglichen politischen Praxis sind. Eltern reagieren auf Rassismus, indem sie ihre Kinder emotional stärken, positive Repräsentationen vermitteln, sie auf mögliche Diskriminierung vorbereiten oder aktiv in Schule, Kita und Behörden eingreifen. Viele Familien bauen darüber hinaus Netzwerke auf, suchen Verbündete oder schaffen alternative Räume, in denen ihre Kinder Sicherheit und Wertschätzung erfahren. Andere Strategien richten sich stärker nach innen: Grenzen setzen, Erlebnisse verarbeiten, Routinen anpassen oder die bewusste Auswahl von Institutionen und Räumen, um Rassismus zu vermeiden. All dies sind Ausdrucksformen Antirassistischer Agency im Alltag.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass Antirassistische Agency nicht überall gleich möglich ist. Handlungsspielräume hängen von Ressourcen, Sprache, sozialer Unterstützung, der eigenen Positionierung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft sowie lokalen Kontexten ab. Manche Eltern verfügen über großes Selbstvertrauen und institutionelle Erfahrung und können Konflikte offensiv adressieren. Andere müssen stärker abwägen, wie sichtbar oder konfrontativ sie auftreten können, ohne neue Risiken für sich oder ihre Kinder zu erzeugen. Auch Dynamiken innerhalb der Partnerschaft – etwa unterschiedliche Rassismuserfahrungen oder Herkunftshintergründe – beeinflussen, wie Familien Strategien entwickeln und welche Prioritäten sie setzen.
Aus den Interviews ließen sich vier Typen erkennen, die das Spektrum Antirassistischer Agency sichtbar machen: Familien, die sehr proaktiv und gesellschaftsorientiert handeln; solche, die situativ und strategisch vorgehen; Familien, die den Schutz und das emotionale Wohl ihrer Kinder in den Vordergrund stellen; sowie Eltern, die Rassismuserfahrungen wahrnehmen, aber noch dabei sind, ihre eigene Position und Sprache dafür zu finden. Diese Typologie zeigt, dass Antirassistische Agency nicht eindimensional ist, sondern sich aus vielschichtigen Erfahrungen, Belastungen und Ressourcen zusammensetzt.
Insgesamt machte das Projekt sichtbar, dass von Rassismus betroffene Familien in Deutschland alltäglich antirassistische Arbeit leisten – oft unsichtbar und unbenannt, aber mit großer Wirkung. Sie navigieren komplexe Situationen, entwickeln Handlungsmöglichkeiten innerhalb begrenzter Strukturen und schaffen trotz gesellschaftlicher Ausschlüsse Räume von Sicherheit, Selbstbestimmung und Zukunftsorientierung für sich und ihre Kinder.
Damit rückt Antirassistische Agency Familien als aktive Gestalter*innen ihres Alltags in den Mittelpunkt und zeigt, wie vielfältig antirassistisches Handeln in familiären Kontexten aussieht.

Mit "Antirassistische Agency" meinen wir bestehende (rassistische) Normen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Regeln werden in Frage gestellt und  neue, alternative Handlungs -und Verhaltensmuster, Positionen und Identitäts- bzw. Zugehörigkeitskonstruktionen entwickelt.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)