Gesellschaftliche Räume der Migration (GeRäuMig)

DeZIM-Forschungsgemeinschaft

Laufzeit Januar 2025 bis Dezember 2027
Status Laufendes Projekt

Konflikte und deren konstruktive Aushandlung sind konstitutiver Bestandteil demokratischer Gesellschaften, insbesondere im Kontext von Migration, da hier oft gegensätzliche Interessen aufeinandertreffen. Das Projekt GeRäuMig untersucht, wie sich migrationsbezogene Konflikte räumlich äußern und wie Menschen damit umgehen. Dabei wird analysiert, wie Wahrnehmungen von Migration soziale Räume sowie Ein- und Ausgrenzungsprozesse prägen. Darüber hinaus erarbeitet das Projekt in einem partizipativen Format mit lokalen Akteur*innen Strategien, um gesellschaftliche Räume so zu gestalten, dass ein konstruktiver Umgang mit diesen Konflikten möglich wird.

Leitende Forschungsfragen

Wie gehen Menschen mit lokal artikulierten Konflikten und Polarisierungen um, wenn diese Konflikte konkret auf Migration bezogen sind oder medial-öffentlich auf Migration bezogen werden?
Welche Rolle spielen Räume für die Aushandlung von Konflikten und Teilhabe in der Migrationsgesellschaft?
Wie müssen Räume in der Migrationsgesellschaft gestaltet sein, um Inklusion und einen konstruktiven Umgang mit Konflikten zu ermöglichen?

Projektleitung:
PD Dr. Anna-Lisa Müller (IKG), Dr. Mert Pekşen (IMIS)

Ko-Leitung an den beteiligten Instituten:
Prof. Dr. Andreas Blätte (InZentIM), Prof. Dr. Andreas Pott (IMIS), Prof. Dr. Gökçe Yurdakul (BIM), Prof. Dr. Andreas Zick (IKG)

Projektmitarbeiter*innen:
Emma Luna Brahm (IMIS), Kübra Gencal (IKG), Dr. Daniel Kubiak (BIM), Dr. Katharina Leimbach (IKG), Christoph Leonhardt (InZentIM), Dennis Schüle (InZentIM), Dr. Laura Stielike (IMIS)

Studentische Projektmitarbeiter*innen:
Zana Alma (InZentIM), Arne Bode (IMIS), Jamila Brüggemann (IMIS), Luisa Keuer (IKG), Mohamad Rajab (InZentIM), Ijeoma Wuttke (BIM)

 

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Das Projekt wendet sich mit den oben genannten Forschungsfragen drei Themenfeldern zu, die die konkrete Projektbearbeitung rahmen: 

  1. Konflikt und Räume
  2. Migration, Raumerfahrung und Konflikte
  3. Zukunftsgestaltung

Die empirische Forschung zu diesen Feldern , die mit Blick auf konkrete Räume durchgeführt wird, versprechen Erkenntnisse, die zum einen für das wissenschaftliche Verständnis des Projektthemas wichtig sind, zum anderen eine hohe praktische Relevanz für zivilgesellschaftliche Akteure und Stakeholder aufweisen. Hier eine kurze Beschreibung der drei Felder:

Themenfeld Konflikt und Räume: 
Für die Untersuchung des Zusammenhangs von gesellschaftlichen Räumen und Konflikten in der Migrationsgesellschaft werden die Arenen der Aushandlung von Konflikten und Teilhabe analysiert. Der öffentliche Diskurs und die mediale Repräsentation spielen hier ebenso eine Rolle wie zwischenmenschliche Interaktionen und zivilgesellschaftliche und institutionalisierte Konfliktbearbeitungen. 
Konkrete Untersuchungsfragen mit Bezug auf diesen Themenbereich sind: Wie werden (städtische) Räume zu Arenen für soziale Konflikte? Welche Strategien werden eingesetzt, um diese Konflikte konstruktiv zu behandeln? Wie kann ein Umgang mit diesen Konflikten geschaffen werden, der gesellschaftliche Resilienz und Inklusion stärkt? 

Themenfeld Migration, Raumerfahrung und Konflikte: 
Die Wechselbeziehung von Migration, Raumerfahrung und Konflikten ist ein weiterer Baustein, um die gesellschaftlichen Räume der Migration zu verstehen. In heutigen Gesellschaften werden Konflikte in besonderer Weise (auch) auf Migration bezogen, und die Räume, die eine Gesellschaft (re-)produziert, sind von diesen Konflikten ebenso gekennzeichnet wie von den Menschen, die die Konflikte austragen und aushandeln. Eigene und familiäre Migrationserfahrungen beeinflussen den Umgang mit und das Interagieren in Räumen dabei ebenso wie die Gesellschaft als Ganze. 
Konkrete Untersuchungsfragen sind hier: 
Welche migrationsbezogenen Bedeutungen werden Räumen zugewiesen? Welche Rolle spielen hierbei Konflikte? Auf welche Weise strukturieren konfliktbezogene Raumerfahrungen und Raumwahrnehmungen das Leben von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte? 

Themenfeld Zukunftsgestaltung: 
Die Analyse der räumlichen Merkmale und Kontexte des Lebens in einer Migrationsgesellschaft wirft dann auch Fragen zur Gestaltung dieser Räume auf. Daher erarbeiten wir auch, welche Vorschläge ausgewählte Akteursgruppen für ein zukünftiges Zusammenleben in einer Gesellschaft haben, die Vielfalt, Teilhabe und Zusammenhalt ermöglichen kann. Untersuchungsfragen sind hier: Wie können städtische Räume so gestaltet werden, dass sie die Teilhabe von Menschen mit und ohne Migrationsbiographien unterstützen? Wie können räumliche Umfelder geschaffen werden, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern? Welche Akteure gilt es dabei einzubeziehen und welche innovativen Ansätze und Praktiken können dazu beitragen? 

 

Beteiligte Verbundpartner:

Das Projekt verbindet die Aspekte von Raum, Migration, Konflikt und Gesellschaft und schließt hier konzeptionelle Forschungslücken. Gerade in Bezug auf Migration sind gesellschaftliche Aushandlungen immer auch veräumlicht, und Konflikte werden in Räumen und unter Bezugnahme auf Räume verhandelt. Bisherige Forschung zeigt, dass dieser Nexus äußerst relevant ist für die wissenschaftliche Perspektivierung dieser Themen. Das Projekt GeRäuMig vertieft ausgewählte Aspektes dieses Nexus und schließt damit konzeptionelle und empirische Lücken. 

Das Ziel des Projektes ist herauszuarbeiten, wie Individuen und soziale Gruppen in Deutschland migrationsbezogene Konflikte wahrnehmen und bewältigen und auf welche Weise die räumliche Dimension einer Gesellschaft für diese Prozesse relevant (gemacht) wird. 

Das Projekt beruht auf einem Mixed-Method-Ansatz. An den vier Standorten wird mit quantitativer Textanalyse von Regionalzeitungsdaten, qualitativer Forschung in vier ausgewählten Untersuchungsstädten und diskursanalytisch arbeitenden Fokusprojekten gearbeitet. In den ersten beiden Dritteln des Projektzeitraums liegt der Fokus auf der Datenerhebung und -analyse. Im letzten Drittel des Projektes rückt die Ergebnisproduktion und -präsentation in den Vordergrund. Dazu arbeitet das Projektteam neben den klassischen wissenschaftlichen Veröffentlichungswegen in Form von Fachaufsätzen auch an weiteren Formaten der science-to-public-Kommunikation.

Erste Ergebnisse der quantitativen und der qualitativen Forschungsarbeit zeigen, dass es räumliche Muster der Verortung von migrationsbezogenen Konflikten gibt. Als Konsequenz werden u.a. einzelne Stadtviertel und öffentliche Plätze stigmatisiert, und Erklärungen für Konflikte beinhalten deutliche Bezugnahmen auf Migration und weisen Kulturalisierungen auf. In den Untersuchungsstädten Halle (Saale) und Hanau spielt die Peripherisierung von Migrationsräumen am Stadtrand und in prekären Neubaugebieten eine entscheidende Rolle für das alltägliche Erleben von migrantisierten Personen und Bewohner:innen dieser Orte, aber auch für die Aushandlungen von Stadtplanung und Wohnverhältnissen. Gleichzeitig unterscheiden sich die beiden Fallstädte deutlich: Während Diskurse und Konflikte in Hanau bis heute stark von den rassistischen Anschlägen des 19. Februar 2020 geprägt ist, haben sich die Ereignisse des Anschlags am 9. Oktober 2019 in Halle deutlich selektiver in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner*innen eingeschrieben. Lokale Begegnungsräume erweisen sich als zentrale Orte gesellschaftlicher und nachbarschaftlicher Aushandlungen von Zusammenleben. Sie dienen nicht nur als soziale Infrastrukturen, über die Menschen Sprachen lernen, Erwerbsarbeitsberatung bekommen oder interkulturellen Austausch und Freizeitbeschäftigung zu organisieren. Sondern sie stellen zusätzlich Orte dar, an denen diverse Konfliktlagen ausgehandelt werden oder an denen Menschen Schutz vor Konfliktlagen im öffentlichen Raum finden können. Darüber hinaus wird die mediale Problematisierung von Migration von vielen Befragten als alltägliche Belastung wahrgenommen, ebenso wie erlebter Alltagsrassismus im öffentlichen Raum. Die ersten Ergebnisse der quantitativen Analysen zeigen, dass der Zusammenhang von (negativen) Einstellungen gegenüber Migration auf der einen Seite und sozialräumlichen Realitäten auf der anderen Seite – etwa der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund oder die regionale ökonomische Situation – deutlicher komplexer ist als vielfach angenommen und sich Einstellungen gegenüber (Im-)Migrant*innen nur bedingt über Erklärungsmodelle wie die Kontakthypothesen erklären lässt.

Die bisherigen Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer langfristigen Förderung lokaler Begegnungsräume – insbesondere von bottom-up initiierten Angeboten, die aus der Nachbarschaft selbst entstehen. Derartige Orte können, so zeigen die qualitativen Forschungen, gesellschaftliche Teilhabe stärken, die Aushandlung von Konflikten ermöglichen und durch Mitgestaltung der Gesellschaft vor Ort ermächtigend wirken und Selbstwirksamkeit fördern. Gleichzeitig zeigen sowohl die qualitativen als auch die quantitativen Ergebnisse, dass stigmatisierende mediale und politische Narrative über einzelne Stadtteile nicht reproduziert werden sollten, sondern eine differenzierte Perspektive auf gesellschaftliche und lokale Prozesse und Konflikte eingenommen werden sollte. Stigmatisierende Narrative und diskriminierende Diskurse verstärken die sozialräumliche Ausgrenzung von Bewohner*innen vor Ort und wirken sich nachteilig auf Wohlbefinden und Zugehörigkeit aus. Schließlich zeigen die qualitativen Fallstudien, dass einschneidende Ereignisse wie die Anschläge in Halle und Hanau zwar Investitionen in lokale (Infra-)Strukturen anstoßen können, dies aber nicht nachhaltig ist, wenn es sich ausschließlich um punktuelle, reaktive Förderungen handelt. Daraus ergibt sich die Empfehlung, potenzielle Begegnungsorte frühzeitig zu identifizieren und sie proaktiv sowie dauerhaft strukturell zu unterstützen. Am Beispiel der Kriege und Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten und der konflikthaften Aushandlungen darüber in den Untersuchungsstädten zeigt sich, dass es u.a. die (migrantisierten) Institutionen sind, die schon über Jahre langfristige interne Kommunikationsstrukturen aufgebaut und Präventionsstrategien entwickelt haben, die am besten auf diese Konfliktlagen vorbereitet sind. Wissen und Kompetenzen dieser institutionellen Akteure sollte in zukünftiges politisches und administratives Handeln integriert werden.

Gencal, Kübra; Brahm, Emma Luna; Kubiak, Daniel (2025). Beyond Remembrance: Spatial Dynamics in Commemorating Racist Violence in Solingen and Rostock. In: Knoblauch, Hubert; Sommer, Vivien; Pfetsch, Barbara (Hrsg.): Spatial Conflicts and Conflictual Spaces The Dynamics of Refiguration. New York: Routledge, S. 286-305.

Kubiak, Daniel (2023). Postmigrantische Gesellschaften im urbanen Ostdeutschland. in: Jahrbuch Deutsche Einheit 2023. Hrsg.: Marcus Böick, Constantin Goschler & Ralph Jessen. Berlin: Ch. Links Verlag, 251-265.

Kubiak, Daniel (2022). Rechts sind die anderen - Diskursives Verdrängen von rechtsextremer Vergangenheit und Gegenwart in einer ostdeutschen Großstadt. BGL Berichte Geographie und Landeskunde. Band 96, Mai 2023, Heft 2, 112-131. https://biblioscout.net/article/99.140005/bgl202302011201

Brahm, Emma; Ferstl, Johanna, & Pekşen, Mert (2023). Rassistische Gewalt in Deutschland: Warum sich die Angaben zum Ausmaß stark unterscheiden. DeZIMinutes #14

Müller, Anna-Lisa (2022a). Nutzungsvielfalt von öffentlichen Räumen in Migrationsgesellschaften. Eine Annäherung an geeignete Methoden ihrer empirischen Untersuchung. in: Kulturelle Vielfalt in Freiraum und Landschaft: Wahrnehmung, Partizipation, Aneignung und Gestaltung. Hrsg.: Susanne Kost & Constanze A. Petrow. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 139–61. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37518-8_7

Müller, Anna-Lisa (2022b). Place Attachment Through Negotiation. How Citizens and Materiality Co-Create Urban Spaces in Darmstadt, Germany. in: Preserving and Constructing Place Attachment in Europe. Hrsg: Oana-Ramona Ilovan & Iwona Markuszewska. Cham: Springer International Publishing, 123–36. https://doi.org/10.1007/978-3-031-09775-1_7

Müller, Anna-Lisa (2022c). Räume, Zeiten, Orte: Migrationsbiographien und Raumkonstitutionen. in: Biographie und Raum. Hrsg.: Johannes Becker, Gunter Weidenhaus & Nicole Witte. Göttingen: Universitätsverlag Göttingen, 175-194.  https://doi.org/10.17875/gup2022-1874

Müller, Anna-Lisa (2024). Migration? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. Konstanz: UTB, im Druck. doi:10.36198/9783838556949

Müller, Anna-Lisa; Pekşen, Mert; Kubiak, Daniel; Brahm, Emma; Gencal, Kübra & Pabst, Rani (2023). Rassistisch motivierte Anschläge und ihre sozialräumliche Wirkmächtigkeit: Zur Konstitution von Räumen der Migrationsgesellschaft. Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld 2022. Band 41, September. https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2022/article/view/1658

Müller, Anna-Lisa & Tuitjer; Leonie (2023). Editorial: Infrastructures and Migration. Geographica Helvetica 78 (4), 559–65. https://doi.org/10.5194/gh-78-559-2023

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Drittmittel)