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Transnationale Familienbeziehungen, Gesundheit und Wohlbefinden (TransWell)

Abteilung Integration

Projektleitung: Dr. David Schiefer

Laufzeit Januar 2024 bis Dezember 2025
Status Abgeschlossenes Projekt

Wenn Mitglieder einer Familie in verschiedenen Ländern leben, kann das ihr Familienleben auf ganz besondere Weise prägen. Internationale Studien deuten auf ein komplexes Verhältnis von geographischer Distanz, Familienleben, und Wohlbefinden hin, das von vielen Faktoren abhängt. In Deutschland sind die Zusammenhänge noch kaum untersucht. Dabei sind solche Erkenntnisse nicht nur für die Forschung wichtig, sondern auch für politische Entscheidungen – etwa in der Familien-, Pflege- oder Fachkräftepolitik. Das Projekt untersucht deshalb mithilfe von Daten des DeZIM.panels und des Familiendemografischen Panels (FReDA), wie transnationale Familienbeziehungen mit dem psychischen und wirtschaftlichen Wohlbefinden von in Deutschland lebenden Familienmitgliedern zusammenhängen.

Leitende Forschungsfragen

Welchen Einfluss haben transnationale Familienbeziehungen auf das psychische und wirtschaftliche Wohlbefinden von Menschen in Deutschland?
Welche Bedeutung kommt im Ausland lebenden Partner*innen, Kindern und Eltern für das Wohlbefinden ihrer Angehörigen in Deutschland zu?
Welche individuellen und kontextuellen Faktoren erklären Unterschiede in den Auswirkungen transnationaler Familienbeziehungen?
Solange Politik und Öffentlichkeit transnationale Familienbeziehungen nicht als gelebte familiäre Realität in Deutschland anerkennen, schwächt das sowohl Integration als auch die Attraktivität Deutschlands für dringend benötigte Fachkräfte aus dem Ausland.
Dr. David Schiefer, Wissenschaftler am DeZIM-Institut und Leiter des Projekts „Transwell“.

Familie kann für das psychische und wirtschaftliche Wohlbefinden eines Menschen in allen Lebensphasen sowohl eine Ressource als auch eine Belastung sein. Denn sie bedeutet materielle Versorgung und soziale Unterstützung, aber auch Verantwortung, Verpflichtung, Erwartungen bis hin zu Konflikten. Wenn Familienmitglieder über Ländergrenzen hinweg getrennt leben, kann dies das Familienleben und damit auch das Wohlbefinden der Familienmitglieder auf ganz besondere Weise prägen. Internationale Studien deuten auf ein komplexes Verhältnis von Distanz, Familienleben, individuellen und kontextuellen Rahmenbedingungen und Wohlbefinden hin, das von vielen Aspekten abhängt. Dazu gehört u.a., wer von wem getrennt lebt (z.B. Partner*innen, Eltern und ihre minderjährigen Kinder, Erwachsene mit pflegebedürftigen Eltern), ob und wie sie miteinander interagieren können (z.B. Entfernung, Visaregelungen), wie Unterstützung und Fürsorge über Grenzen hinweg realisiert werden kann und in welcher sozioökonomischen, gesundheitlichen und Sicherheitslage sich die Familien im In- und Ausland befinden. Auch staatliche Unterstützungssysteme für Familien in den jeweiligen Ländern prägen das Wohlbefinden der Familienmitglieder. 

Unsere früheren Untersuchungen zeigen, dass transnationale Familienkonstellationen in Deutschland mittlerweile sehr verbreitet sind. Trotzdem sind die Wechselwirkungen mit psychischem und wirtschaftlichem Wohlbefinden in Deutschland noch kaum untersucht.  Dabei ist dies nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch für politisches Handeln, etwa im Bereich der Familien- Pflege-, oder Fachkräftepolitik, in der grenzübergreifende Familienkonstellationen noch vergleichsweise wenig berücksichtigt werden. Unter methodischen Gesichtspunkten fehlen v.a. quantitativ ausgerichtete Untersuchungen, die verschiedene Zuwanderungsgruppen sowie Personen ohne Einwanderungsgeschichte einbeziehen und gleichzeitig eine ausreichende Bandbreite an Themen abdecken, die für Forschungsfragen zum Wohlbefinden relevant sind. Studien zu transnationalen Familienbeziehungen in Deutschland waren bisher vorwiegend qualitativ ausgerichtet und fokussierten auf einzelne Gruppen. Familienspezifische quantitative Erhebungen haben sich wiederum bisher auf Familienbeziehungen innerhalb Deutschlands konzentriert.

Das Projekt soll ein besseres Verständnis dafür schaffen, welche Relevanz transnationale Familienbeziehungen für psychisches und wirtschaftliches Wohlbefinden von in Deutschland lebenden Menschen haben. Vor dem Hintergrund der zunehmenden migrationsbedingten Diversität der Bevölkerung Deutschlands soll dadurch auch ein Bewusstsein dafür geweckt werden, dass grenzübergreifende Familienkonstellationen mittlerweile fester Bestandteil des Familienlebens in Deutschland sind, sich aus diesen Konstellationen aber auch spezifische Bedarfe (z.B. bzgl. der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf) ergeben, die Staat und Gesellschaft möglicherweise noch zu wenig im Blick haben. 

Anhand der o.g. Leitfragen werden spezifische Forschungshypothesen mittels quantitativer Datenanalysen untersucht. Grundlage dafür bietet zum einen das DeZIM.panel, das in den Jahren 2021 und 2023 Befragungen zu transnationalen Familienbeziehungen durchgeführt hat. Zum anderen wurde im Rahmen eines kompetitiven Ausschreibungsverfahren ein Befragungsmodul zu transnationalen Familienbeziehungen in das neu etablierte Familiendemografische Panel (Family Research and Demographic Analysis; FReDA-Panel) eingebracht. Das FReDA-Panel ist ein Kooperationsprojekt des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, des GESIS – Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften und der Universität zu Köln, das seit 2021 regelmäßig eine umfangreiche repräsentative Stichprobe aus Personen zwischen 18 und 49 Jahren zu familienspezifischen Themen befragt (ausführliche Informationen unter www.freda-panel.de). Die Befragungsmodule aus beiden Panelstudien erfassen unter anderem Informationen zum Wohnsitzland von Angehörigen, Unterstützungsleistungen, psychischem und wirtschaftlichem Wohlbefinden sowie zu weiteren damit verbundenen Themen. 

Die Untersuchungen konzentrieren sich auf Menschen in Deutschland, die Angehörige im Ausland unterstützen. Die Daten des FReDA-Panels 2022/23 zeigen, dass transnationale Fürsorge für viele zum Familienalltag gehört. Besonders häufig leisten Befragte emotionale Unterstützung – etwa durch Zuhören oder Trost –, insbesondere für ihre im Ausland lebenden Eltern. Darüber hinaus helfen sie organisatorisch, beispielsweise durch die Beschaffung von Informationen. Im Ausland lebende Kinder werden vergleichsweise häufig finanziell oder materiell unterstützt. Gleichzeitig ist transnationale Fürsorge keine Einbahnstraße: Viele Befragte erhalten selbst emotionale oder finanzielle Unterstützung von ihren Angehörigen im Ausland, insbesondere im Verhältnis zwischen Eltern und erwachsenen Kindern.

Frühere Studien zeigen, dass familiäre Fürsorge belastend sein kann, wenn Menschen das Gefühl haben, ihren Verantwortungen nicht gerecht zu werden. Analysen des DeZIM.panels bestätigen, dass transnationale Familienkonstellationen nicht grundsätzlich mit stärkeren Schuldgefühlen verbunden sind. Erhöhte Schuldgefühle treten vor allem dann auf, wenn Eltern in Ländern leben, in denen familiäre Fürsorge eine größere Rolle spielt und öffentliche Pflegeangebote weniger ausgebaut sind. Frauen berichten dabei insgesamt häufiger von Schuldgefühlen als Männer, unabhängig davon, ob Fürsorge innerhalb eines Landes oder über Ländergrenzen hinweg geleistet wird.

Welche Bedeutung haben die Forschungsergebnisse für die Praxis?

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Angehörige im Ausland für viele Menschen in Deutschland eine zentrale emotionale und soziale Bedeutung haben. Familienpolitische Debatten und Unterstützungsangebote konzentrieren sich bislang jedoch überwiegend auf Familien innerhalb Deutschlands und berücksichtigen transnationale Familienbeziehungen nur unzureichend. Eine stärkere Anerkennung grenzüberschreitender Fürsorge könnte die gleichberechtigte Teilhabe an Unterstützungs- und Pflegesystemen verbessern. Gleichzeitig kann sie dazu beitragen, Deutschland für internationale Fachkräfte attraktiver zu machen, da die Vereinbarkeit von Beruf und transnationalen Familienverpflichtungen für viele eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielt, dauerhaft in Deutschland zu leben.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)

Publikationen