Ungleichheitsforschung jenseits des Migrationshintergrundes?
Analyse der Folgen für die empirische Ungleichheitsforschung, wenn der Migrationshintergrund als Kategorie ersetzt wird
Cluster Daten-Methoden-Monitoring
Projektleitung: Dr. Jannes Jacobsen
Projektmitarbeitende: Rahaf Gharz Addien
Leitende Forschungsfragen
Seit Jahren wird in Wissenschaft, Politik und Verwaltung darüber diskutiert, ob die Kategorie „Migrationshintergrund“ noch zeitgemäß ist. Sie wurde ursprünglich eingeführt, um migrationsbezogene Ungleichheiten in amtlichen Statistiken und sozialwissenschaftlicher Forschung sichtbar zu machen. Inzwischen gilt sie jedoch als zu grob, wenig trennscharf und teilweise stigmatisierend. Immer häufiger wird daher gefordert, sie durch differenziertere Merkmale zu ersetzen – etwa durch Staatsangehörigkeit, Geburtsort oder Zuwanderungsgeneration.
Das Projekt „Ungleichheitsforschung jenseits des Migrationshintergrundes?“ untersucht, welche Folgen ein solcher Kategorienwechsel für die empirische Ungleichheitsforschung hätte. Es fragt, wie sich Forschungsergebnisse, Befundlagen und politische Narrative verändern, wenn die Kategorie „Migrationshintergrund“ verschwindet oder neu gefasst wird. Ziel ist es, die Konsequenzen für die Messung und Darstellung sozialer Ungleichheiten empirisch zu analysieren und theoretisch einzuordnen.
Dazu werden bestehende Datensätze sozialwissenschaftlicher Umfragen ausgewertet. Verglichen wird, wie sich zentrale Indikatoren – etwa Bildungsabschlüsse, Einkommen oder politische Einstellungen – verändern, wenn unterschiedliche Definitionsansätze für migrationsbezogene Gruppen verwendet werden. Ergänzend werden konzeptionelle Überlegungen zur sozialen Bedeutung und zur politischen Wirkung von Kategorisierungen erarbeitet.
Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung der empirischen Ungleichheitsforschung und zur wissenschaftlich fundierten Diskussion über neue, differenzierte Erhebungs- und Analysekonzepte für eine postmigrantische Gesellschaft.
Das Projekt untersucht die wissenschaftlichen und praktischen Folgen einer möglichen Ablösung der Kategorie „Migrationshintergrund“ in der empirischen Ungleichheitsforschung. Im Zentrum steht die Frage, wie sich soziale Ungleichheiten darstellen und interpretieren lassen, wenn statt des Migrationshintergrundes andere Merkmale – etwa Staatsangehörigkeit, Geburtsort oder familiäre Zuwanderungsgeschichte – verwendet werden. Der Forschungsgegenstand umfasst somit sowohl die konzeptionellen Grundlagen von Kategorisierungen in der Sozialforschung als auch deren empirische Auswirkungen auf statistische Befunde und gesellschaftliche Deutungsmuster.
Ziel des Projekts ist es, die Konsequenzen eines möglichen Ersatzes der Kategorie „Migrationshintergrund“ für Forschung, Statistik und öffentliche Debatten sichtbar zu machen. Die Studie möchte aufzeigen, wie sich die Messung und Interpretation sozialer Ungleichheiten verändert, wenn unterschiedliche Definitionen migrationsbezogener Gruppen angewendet werden. Darüber hinaus soll das Projekt zur Entwicklung differenzierterer, theoretisch fundierter und diskriminierungssensibler Klassifikationen beitragen, die migrationsbezogene Vielfalt präziser erfassen, ohne stigmatisierende Grenzziehungen zu reproduzieren.
Das Projekt kombiniert konzeptionelle und empirische Analysen. Zunächst werden die theoretischen Grundlagen und politischen Funktionen der Kategorie „Migrationshintergrund“ in Forschung und amtlicher Statistik aufgearbeitet. Darauf aufbauend werden verschiedene Alternativen – etwa Staatsangehörigkeit, Geburtsland, Zuwanderungsgeneration, familiäre Migrationsgeschichte, Selbstidentifikation – systematisch verglichen. Mithilfe von Sekundäranalysen großer sozialwissenschaftlicher Datensätze wird geprüft, wie sich zentrale Indikatoren sozialer Ungleichheit (z. B. Bildung, Einkommen, politische Teilhabe) verändern, wenn unterschiedliche Klassifikationen verwendet werden.
Die Ersetzung der Kategorie Migrationshintergrund, ob durch Staatsbürgerschaft oder Selbstidentifikation, hätte keinen substantiellen Einfluss auf durchschnittliche Differenzen im Hinblick auf zentrale Ungleichheitskategorien wie Einkommen oder Bildung.
Jedoch lassen sich durch die Selbstidentifikation besser Prozesse der Zugehörigkeit und Stigmatisierung besser in quantitativen Erhebungen abbilden.
- Nesterko, Yuriy; Jacobsen, Jannes; Köhler, Jonas; Glaesmer, Heide (2024): Der Zusammenhang zwischen objektiven und subjektiven Zuschreibungen eines Migrationshintergrundes mit wahrgenommener Diskriminierung und Rassismus. Psychotherapy Psychosom Med Psychol 74 (6), 214-223. DOI: 10.1055/a-2305-7890.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)