Vergangenheit aufarbeiten, Zukunft gestalten
Eine generationenübergreifende Analyse von angestammter Staatsbürgerschaft
Abteilung Migration
Projektleitung: Dr. Jannes Jacobsen, Dr. Zeynep Yanaşmayan
Projektmitarbeitende: Simona Maue, Long Nguyen, Dr. Jonna Rock
Leitende Forschungsfragen
In Zeiten zunehmender Polarisierung und migrationfeindlicher Diskurse verfolgt dieser Forschung zur „Rückkehr“ von (Spät)Aussiedlern das Ziel, zu verstehen wie Deutschland durch rechtliche, emotionale und familiäre Ansprüche an Vergangenheit und Gegenwart kontinuierlich neu definiert wird.Dr. Jonna Rock, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Migration
Dieses Projekt untersucht, wie sich die Vorstellungen von Europa über Generationen hinweg durch die Perspektive abstammungsbasierter Staatsbürgerschaft in Deutschland, Bulgarien und Italien verändern. Während die europäische Staatsbürgerschaft oft als Schritt hin zu einer postnationalen Identität betrachtet wird, bleibt ihre Bedeutung eng mit der nationalen Geschichte und den rechtlichen Rahmenbedingungen verbunden.
Die Abstammungsbürgerschaft, eingeführt aus Gründen wie historischer Wiedergutmachung, territorialen Veränderungen oder vergangener Migration, bietet eine besondere Perspektive darauf, wie Individuen zu ihrer nationalen und europäischen Identität stehen. Ältere Generationen betonen häufig die Wiederverbindung mit ihren Herkunftsländern und die Verarbeitung intergenerationaler Traumata, während jüngere Generationen stärker die europäische Dimension der Staatsbürgerschaft in den Vordergrund stellen.
Mit einem mixed-method und vergleichenden Ansatz analysiert das Projekt nationale Debatten, individuelle Erfahrungen und die Rolle von Vermittlern, die diese Wege ebnen. Letztendlich untersucht es, wie die Abstammungsbürgerschaft das generationsübergreifende Verständnis von Europa prägt und zu einer fairen, zukunftsorientierten europäischen Identität beiträgt.
Das Projekt schließt eine wichtige Forschungslücke, indem es die bislang weitgehend übersehene Rolle abstammungsbasierter Staatsbürgerschaft für die Herausbildung europäischer Identität in den Blick nimmt – ein Bereich, in dem die Forschung bisher vor allem auf Wohnsitz- oder Geburtsortmodelle fokussiert hat. Zugleich adressiert es das Fehlen intergenerationaler Perspektiven, indem es zeigt, wie verschiedene Generationen von Bürgern mit Abstammungsbürgerschaft unterschiedliche Bedeutungen, Motivationen und Europabilder mit demselben staatsbürgerlichen Zugang verbinden. Durch die Verknüpfung beider Dimensionen macht das Projekt sichtbar, wie ererbte Staatsbürgerschaft Europa nicht nur über Grenzen, sondern auch über die Zeit hinweg prägt.
- Analyse generationeller Perspektiven auf Europa – Untersuchung, wie abstammungsbasierte Staatsbürgerschaft die Vorstellungen, Motivationen und Bindungen unterschiedlicher Generationen an Europa prägt.
- Untersuchung nationaler und EU-weiter Dynamiken – Analyse, wie Debatten, politische Rahmenbedingungen und Vermittler:innen in Deutschland, Bulgarien und Italien die Bedeutung und Praxis der Abstammungsbürgerschaft beeinflussen.
- Bewertung der Rolle der Abstammungsbürgerschaft für ein zukunftsorientiertes Europa – Erforschung, wie ererbte Staatsbürgerschaft zur Entwicklung einer gerechten, inklusiven und transnationalen europäischen Identität beiträgt.
Das Projekt verwendet einen gemischten Methodenansatz, um die Abstammungsbürgerschaft sowohl aus politischer als auch aus individueller Perspektive zu analysieren. Es nutzt NLP und topic modelling sowie Diskursanalyse, um Parlamentsdebatten in Bulgarien, Deutschland, Italien und auf EU-Ebene zu untersuchen und die Begründungen für die Gewährung oder Einschränkung des Zugangs zur Abstammungsbürgerschaft zu verstehen. Gleichzeitig stützt es sich auf halbstrukturierte und biografische Interviews mit Inhabern der Abstammungsbürgerschaft und ihren Familien, um persönliche Lebenswege und sich wandelnde Wahrnehmungen über Generationen hinweg nachzuzeichnen. Die Studie bezieht auch Akteure wie Vermittler und Mediatoren ein, die diese Wege erleichtern oder gestalten.
- Mit einem mixed-method, mehrstufigen Ansatz untersucht unsere Forschung die sich wandelnden Narrative, Erwartungen und Kontroversen rund um die Staatsbürgerschaft von (Spät-)Aussiedlern. Auf politischer Ebene zeigt die semantische Themenmodellierung parlamentarischer Debatten (1949–2023) eine Verschiebung der Begründungslogik – von historischer Verantwortung und demografischen Erfordernissen hin zu Bedenken hinsichtlich Integration, Sicherheit und nationaler Zugehörigkeit. Auf individueller Ebene beleuchten halbstrukturierte Interviews mit zwanzig Gesprächspartnern aus Kasachstan, Rumänien, Russland und der Ukraine, wie Antragsteller und ihre Familien die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft über zwei Generationen hinweg interpretieren, und heben dabei sich wandelnde Vorstellungen von Abstammung, Anspruch, Mobilität und ambivalenter Bindung an Deutschland hervor. Durch die Gegenüberstellung dieser politischen und persönlichen Perspektiven zeigt die Arbeit, wie die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft gleichzeitig als symbolische Wiedergutmachung und als staatlich gesteuerter Migrationskanal fungiert. Sie identifiziert Konvergenz- und Reibungspunkte zwischen offiziellen Narrativen und gelebter Erfahrung und bietet umfassendere Einblicke in sich wandelnde Vorstellungen von Migration, Staatsbürgerschaft und historischer Gerechtigkeit im heutigen Europa.
- Auf der Grundlage von 32 halbstrukturierten Tiefeninterviews, die zwischen September 2024 und Mai 2025 mit (Spät-)Aussiedlern in Deutschland durchgeführt wurden, die aus dem heutigen Kasachstan, Rumänien und Russland stammen, entwickeln wir eine historisch fundierte generationsübergreifende Perspektive auf Politisierung, die Aufschluss über die Bedeutung kollektiver Erinnerungen an Krieg und Konflikte gibt, die sich auf die heutigen politischen Einstellungen, Verhaltensweisen und Präferenzen auswirken. Wir stellen fest, dass eine anhaltende Erinnerung an die Opferrolle über Generationen hinweg weitergegeben wird und oft unhinterfragt bleibt. Andererseits lassen sich generationsübergreifende Unterschiede in den allgemeinen (Re-)Sozialisierungsprozessen feststellen. Während die politischen Standpunkte der älteren Generationen eher „in Stein gemeißelt” sind, sind die jüngeren Generationen offener für (Neu-)Lernen und distanzieren sich von den älteren Generationen. Unterschiedliche Interpretationen des russisch-ukrainischen Krieges zeigen besonders deutliche Generationsunterschiede und führen zu einem generationsübergreifenden (Vermeidungs-)Konflikt: Die Elterngeneration vermeidet oft Gespräche über Politik mit ihren erwachsenen Kindern, während erwachsene Kinder manchmal rebellieren und die Ansichten ihrer Eltern in Frage stellen.
- Die Analyse solcher familieninternen Dynamiken verdeutlicht, wie die Weitergabe von Familienerinnerungen, Sozialisation und Resozialisation zusammenwirken und die Politisierungsmuster unter (Spät-)Aussiedlern im heutigen Deutschland prägen.
- Drei länderspezifische Policy Briefs
- Ein open-access Special Issue, eingereicht beim Citizenship Studies Journal
- Eine Abschlusskonferenz in Brüssel zur Verbreitung der endgültigen Ergebnisse auf europäischer Ebene, die gemeinsam mit der Migration Policy Group organisiert wird
- Zusammenstellung der frei zugänglichen, gemeinsam verfassten Monografie, die einer entsprechenden Reihe vorgelegt werden soll, um den wissenschaftlichen Beitrag der vergleichenden Analyse der drei Länder darzulegen.
(Spät-)Aussiedler – allgemein als „Spätaussiedler“ bezeichnet und vor 1993 als Aussiedler – haben das Recht auf „Rückkehr“ und können die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Die Migration von (Spät-)Aussiedlern in Deutschland stützt sich rechtlich auf ein nach dem Zweiten Weltkrieg verkündetes Verfassungsrecht – Artikel 116 Absatz 1 –, das auf der Abstammung und der ethnischen Zugehörigkeit basiert. In Verbindung mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953, Absatz 4, ist dieses Recht auf Zugehörigkeit zur deutschen Nation und damit auf den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft jedoch auch an die Bedingung geknüpft, dass man unter den „Folgen des Krieges” gelitten hat.
Generation - Wir verstehen darunter eine Gruppe von Personen, die durch gleiche oder ähnliche wichtige soziale Erfahrungen geprägt wurden. Wir stützen uns dabei auf ein zweigeteiltes Verständnis: (1) Generation, definiert durch den Lebensverlauf und das soziale Alter, das nicht durch das biologische Alter, sondern sozial konstruiert und durch Betreuungsverpflichtungen in der Familie und/oder Gemeinschaft definiert ist (Bailey 2009; Deneva 2017); (2) Generation, definiert durch Erfahrungen mit Migration aus erster oder zweiter Hand, die sich damit befasst, wie Migranten und ihre Nachkommen mit dem Herkunftsstaat und der Herkunftsgesellschaft in Beziehung stehen (Keskiner 2019).
- Blanchard, M. (2025). Is citizenship restitution through time‑extended ius sanguinis a pathway to post‑national citizenship? In D. Owen & R. Bauböck (Eds.), Citizenship as reparations: Should the victims of historical injustice be offered membership? (RSC Working Paper 2025/55). European University Institute, Robert Schuman Centre for Advanced Studies.
- Blanchard, M. (2025). Bloodline gateways: Italian ancestral citizenship as a resource to bypass European migration policies. Journal of Ethnic and Migration Studies, 51(11), 2734–2750.
Förderung: VolkswagenStiftung (Drittmittel)
Kooperationspartner:
Dr. Melissa Blanchard (CNRS- Centre Norbert Elias), Dr. Zeynep Kaşlı (ISS- Erasmus Universität Rotterdam)