Wie viele Zwangsehen gibt es in Deutschland?
Abteilung Integration
Projektleitung: PD Dr. Jörg Dollmann, Dr. Niklas Harder, Dr. Jannes Jacobsen
Projektmitarbeitende: Alexandra Orlova
Leitende Forschungsfragen
Das Projekt untersucht Zwangsehe als ein soziales Phänomen, das aufgrund seiner verborgenen, sensiblen und häufig stigmatisierten Natur empirisch schwer zu erfassen ist. Über seine rechtliche Dimension hinaus stellt Zwangsehe eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung sowie eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt dar, die in soziale Beziehungen, institutionelle Kontexte und Machtstrukturen eingebettet ist.
In Deutschland fehlt bislang ein einheitlicher und systematischer Ansatz zur Erfassung und zum Umgang mit Zwangsehen, wodurch das tatsächliche Ausmaß des Phänomens nur schwer zu bestimmen ist. Die verfügbaren Erkenntnisse stützen sich bislang vor allem auf polizeiliche und gerichtliche Statistiken, eine einzige bundesweite Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ, seit 2024 – BMBFSFJ) aus dem Jahr 2011 sowie auf fragmentierte Daten einzelner Beratungsstellen und regionaler Initiativen. In der Folge bleibt Zwangsehe auf nationaler Ebene erheblich untererfasst.
Gleichzeitig sind staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure auf belastbare und umfassende Daten angewiesen, um politische Maßnahmen zu entwickeln, wirksame Präventionsstrategien zu gestalten und angemessene Unterstützungsangebote für betroffene Personen sicherzustellen.
Dieses Projekt schließt diese Forschungslücke, indem es erstmals eine bevölkerungsbasierte Schätzung zur Verbreitung von Zwangsehen in Deutschland vorlegt. Über die Bereitstellung eines empirischen Referenzwertes hinaus schafft es eine methodische Grundlage für zukünftige Forschung, etwa für gezieltere Stichprobenstrategien, und macht zugleich den dringenden Bedarf an einer Stärkung bestehender Unterstützungsstrukturen sichtbar.
Das Hauptziel des Projekts besteht darin, eine belastbare empirische Schätzung der Anzahl von Personen vorzulegen, die in Deutschland in einer Zwangsehe leben, basierend auf bevölkerungsrepräsentativen Umfragedaten. Durch die Bereitstellung verlässlicher empirischer Evidenz zum Ausmaß von Zwangsehen leistet das Projekt einen Beitrag zu evidenzbasierten Debatten über Prävention, Unterstützungsangebote und politische Handlungsansätze sowie zur Weiterentwicklung zukünftiger Forschungs- und Monitoringstrategien.
Diese Studie ist die erste, die die Network Scale-Up Method (NSUM) zur Schätzung der Anzahl von Menschen anwendet, die in Deutschland in einer Zwangsehe leben. NSUM ist eine etablierte indirekte Schätzmethode zur Untersuchung verborgener oder schwer erreichbarer Populationen, also von Gruppen, die aufgrund von Stigmatisierung, Angst sowie rechtlichen oder sozialen Risiken durch direkte Befragungen nur schwer zu identifizieren sind. Anstatt Personen direkt zu fragen, ob sie selbst betroffen sind, leitet NSUM die Größe einer verborgenen Population aus Informationen über die sozialen Netzwerke der Befragten ab, die anhand einer repräsentativen Stichprobe der Allgemeinbevölkerung erhoben werden. Die grundlegende Idee von NSUM ist einfach: Menschen können Informationen über ihr soziales Umfeld preisgeben, die sie über sich selbst nur ungern offenlegen.
Unsere Analyse basiert auf Welle 12 des DeZIM.panels. Die Datenerhebung fand zwischen dem 16. September 2024 und dem 25. November 2024 statt. Von den 7,236 eingeladenen Personen schlossen 3,792 Befragte die Umfrage ab. Das DeZIM.panel ist repräsentativ für die in Deutschland lebende Bevölkerung im Alter von 18 bis 67 Jahren; Personen mit Migrationshintergrund wurden gezielt überrepräsentiert. Zur Wiederherstellung der Bevölkerungsrepräsentativität wurden entsprechende Gewichtungen angewendet.
Das Schätzverfahren lässt sich in vier zentrale Schritte gliedern:
Erhebung aggregierter relationaler Daten. Die Befragten werden gefragt, wie viele Personen sie aus bestimmten sozialen Gruppen kennen, anhand von Fragen wie „Wie viele X kennen Sie?“, wobei sich X bezieht auf:
- Mehrere bekannte Populationen (z. B. Gruppen mit verlässlichen amtlichen Statistiken) sowie die unbekannte Zielpopulation (Personen, die in einer Zwangsehe leben).
- Anhand der Angaben zu den bekannten Populationen und deren tatsächlichen Populationsgrößen wird die Größe des sozialen Netzwerks jeder befragten Person modellbasiert geschätzt.
- Die Angaben zu Bekannten, die in Zwangsehen leben, werden mit den geschätzten Netzwerkgrößen kombiniert, um den Anteil von Personen in Zwangsehen innerhalb der jeweiligen sozialen Netzwerke zu bestimmen.
- Unter der zentralen NSUM-Annahme, dass soziale Netzwerke im Durchschnitt die Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung widerspiegeln, wird dieser Anteil auf die Bevölkerung hochgerechnet. Wir verwenden ein einfaches frequentistisches NSUM-Modell sowie drei bayesianische Modelle: (1) ein Overdispersed-Modell (Zheng et al., 2006), (2) ein korreliertes NSUM-Modell ohne demografische Kontrollvariablen und (3) ein korreliertes NSUM-Modell mit demografischen Kontrollvariablen, in Anlehnung an Laga et al. (2023). Der bayesianische Rahmen ermöglicht es, Unsicherheiten, Überdispersion in Zähldaten sowie systematische Verzerrungen in sozialen Netzwerken explizit zu berücksichtigen. Das Ergebnis ist eine Posteriorverteilung für die Anzahl der in Deutschland in Zwangsehen lebenden Personen.
Als Zwangsheirat gilt eine Ehe, bei der eine oder beide Personen durch Zwang, Gewalt oder die Drohung mit einem empfindlichen Übel dazu gezwungen werden, eine formelle oder informelle Ehe einzugehen, sei es durch ein rechtliches Verfahren oder eine religiöse oder soziale Zeremonie. Die Betroffenen können das Gefühl haben, keine echte Wahl zu haben, wann und wen sie heiraten. Oder sie können aufgrund potenzieller negativer Konsequenzen Angst haben, ihre wahren Wünsche zu äußern.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)