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DeZIM_talk | Ausgegrenzt und umworben.
Wann: Donnerstag, 18. Juni 2026, 18:00–20:00
Ort: DeZIM-Institut, Mauerstraße 76, 10117 Berlin
Digitale Plattformen wie TikTok sind längst mehr als Orte der Unterhaltung. Sie sind soziale Räume, in denen Zugehörigkeit, Orientierung und politische Artikulation ausgehandelt werden. Digitale Plattformen sind auch Orte, an denen politische und religiöse Deutungsangebote konkurrieren und um Aufmerksamkeit ringen. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, welche Rolle digitale Öffentlichkeiten für Polarisierung, gesellschaftliche Konflikte und mögliche Radikalisierungsdynamiken spielen.
Für junge Muslim*innen sind diese Plattformen Orte der Sichtbarkeit, des Gemeinschaftsaufbaus und der Identitätsaushandlung. Gleichzeitig sind es Räume, in denen sie mit Diskriminierung, konkurrierenden Deutungsangeboten und politischen oder religiösen Anspracheformen konfrontiert werden, die Zugehörigkeit, Anerkennung und Orientierung versprechen.
Aktuelle empirische Studien zeigen, dass Radikalisierungsprozesse selten mit offen extremistischen Inhalten beginnen. Häufig knüpfen problematische Anspracheformen an alltägliche Erfahrungen, Zugehörigkeitssuche und gesellschaftliche Konflikte an. Gerade darin liegen Herausforderungen für Prävention und politische Bildung.
Der DeZIM_talk nimmt diese Ambivalenzen zum Ausgangspunkt.
Nach einem einführenden Impuls von Dr. Nader Hotait zu zentralen Befunden der aktuellen Forschung diskutieren wir mit Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Präventionspraxis über die Grenzen gängiger Erklärungsmodelle, über Plattformlogiken und gesellschaftliche Konfliktlagen sowie über die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Politik und Zivilgesellschaft unter diesen Bedingungen tatsächlich haben.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Prävention gestaltet werden kann, ohne gesellschaftliche Zuschreibungen und Erfahrungen von Ausgrenzung weiter zu verstärken. Ebenso stellt sich die Frage, welche Verantwortung Plattformen tragen und wie Regulierung aussehen kann, die algorithmische Dynamiken adressiert. Ziel ist es, gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und die Komplexität dieser Dynamiken sichtbar zu machen, statt sie auf verkürzte Radikalisierungserzählungen zu reduzieren.
Rückblick
Eröffnet wurde der DeZIM_talk durch Dr. Noa Ha, wissenschaftlichen Geschäftsführerin des DeZIM-Instituts. Sie ordnete Online-Radikalisierung im Spannungsfeld von Diskriminierungserfahrungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Präventionsansätzen ein und skizzierte die zentralen Fragestellungen des Abends.
Im anschließenden Input stellte Dr. Nader Hotait stellte aktuelle Forschungsergebnisse zu muslimischen Nutzer*innen auf TikTok vor und ordnete verbreitete Annahmen über digitale Radikalisierung empirisch ein. Dabei wurde deutlich: Die bloße Konfrontation mit extremistischen Inhalten oder algorithmische Sichtbarkeit führe nicht automatisch zu Radikalisierung. Vielmehr müssten Diskriminierungserfahrungen, bestehende Einstellungen, Vertrauen in Institutionen sowie analoge und digitale Lebenswelten zusammengedacht werden.
Die anschließende Podiumsdiskussion mit Honey Deihimi, Abteilungsleiterin von Demokratie und Engagement im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Götz Nordbruch, Dr. Friedhelm Hartwig und Dr. Nader Hotait vertiefte diese Perspektiven. Digitale Räume wurden dabei als ambivalente Orte charakterisiert: Einerseits dienten sie als Räume der Sichtbarkeit, Community-Bildung und jugendkulturellen Normalität, zugleich stellten sie Orte von zugleich der Polarisierung und Auseinandersetzungen dar. Betont wurde, dass junge Muslim*innen grundsätzlich dieselben Themen beschäftigen wie andere junge Menschen, wie Ausbildung, Zukunftsperspektiven oder soziale Fragen und dem Wunsch nach Anerkennung. Gleichzeitig prägten Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus sowie ein sinkendes Vertrauen in Institutionen die Lebensrealitäten vieler Muslim*innen. Auch globale Konflikte beeinflussen, wie digitale Inhalte wahrgenommen und eingeordnet werden.
Einigkeit bestand darin, dass Radikalisierung nicht monokausal erklärt werden kann. Diskutiert wurden insbesondere Plattformlogiken, algorithmische Dynamiken, KI-gestützte Entwicklungen sowie die Bedeutung von digitalen Echo-Kammern. Gleichzeitig wurde betont, dass Radikalisierung nicht ausschließlich digital entsteht, sondern in Wechselwirkung mit sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Strukturen im Analogen steht.
Für die Präventionsarbeit wurde entsprechend ein integrierter Ansatz betont, der Demokratiebildung mit Extremismusprävention verbindet. Gefordert wurden medienpädagogische Ansätze, die Förderung von Quellenkritik sowie die Einbindung von Communities. Analoge soziale Räume wie Schulen, Vereine und lokale Netzwerke sollten gestärkt werden, damit junge Menschen dort kontroverse gesellschaftliche Themen multiperspektivisch diskutieren, Informationen kritisch einordnen und im Austausch mit anderen Orientierung finden können.
Insgesamt machte die Veranstaltung deutlich, dass vereinfachende Deutungen von „Online-Radikalisierung“ analytisch nicht tragfähig sind. Erforderlich ist ein ganzheitlicher Blick, der digitale Plattformen, gesellschaftliche Zugehörigkeit, Diskriminierungserfahrungen, globale Konfliktlagen und institutionelles Vertrauen zusammendenkt. Und dabei und junge Muslim*innen nicht als Risikogruppe, sondern als vielfältige Akteur*innen in einer pluralen Gesellschaft versteht.
LEITFRAGEN DER DISKUSSION
- Wie entstehen Radikalisierungsdynamiken im digitalen Raum und wo stoßen gängige Erklärungsmodelle an ihre Grenzen?
- Welche Rolle spielen Plattformlogiken und algorithmische Verstärkung und wo werden ihre Wirkungen im öffentlichen Diskurs überschätzt?
- Wie hängen Diskriminierungserfahrungen und radikalisierungsrelevante Deutungen zusammen und warum sprechen bestimmte Inhalte manche junge Menschen an, während andere kaum darauf reagieren?
- Welche Handlungsmöglichkeiten haben Politik und Praxis, wenn viele Zusammenhänge unklar bleiben und wo entstehen dabei Zielkonflikte zwischen Prävention, Regulierung und gesellschaftlicher Teilhabe?
MITWIRKENDE
- Honey Deihimi, Abteilungsleiterin Demokratie und Engagement Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Dr. Nader Hotait, Wissenschaftlicher Mitarbeiter DeZIM-Institut / Humboldt-Universität zu Berlin
- Dr. Götz Nordbruch, Co-Geschäftsführer ufuq.de
- Dr. Friedhelm Hartwig, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Modus | zad, Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung
MODERATION
- Maida Ganević, Referentin für interreligiöse Zusammenarbeit, BAG RelEx