Stellungnahme zu den „Auswirkungen von Migration und Flucht auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen“

Im Rahmen der öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission „Jung sein in Mecklenburg-Vorpommern“ am 26. September 2025 in Schwerin hat Dr. Noa K. Ha, wissenschaftliche Geschäftsführerin des DeZIM-Instituts, eine schriftliche Stellungnahme zu den Auswirkungen von Migration und Flucht auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen vorgelegt.

Die Stellungnahme fasst zentrale Forschungsergebnisse des DeZIM-Instituts zusammen und formuliert Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis.

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer von Migration und Diversität geprägten Gesellschaft auf. Rund 30 Prozent der jungen Menschen in Deutschland haben einen sogenannten Migrationshintergrund – in vielen Städten und Ballungsräumen liegt der Anteil noch deutlich höher. Bildungseinrichtungen wie Kitas und Schulen sind dabei zentrale Orte der postmigrantischen Gesellschaft, an denen Zugehörigkeit, Vielfalt und Demokratie täglich erlebt und ausgehandelt werden.

Dr. Noa K. Ha betont, dass die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel, der Fachkräfteentwicklung und der sozialen Teilhabe stehen.

In Mecklenburg-Vorpommern sind bereits 44 Prozent der Bevölkerung 55 Jahre oder älter, während nur 22 Prozent jünger als 25 Jahre sind (Bundesagentur für Arbeit, 2025). Die Abwanderung junger Menschen in andere Bundesländer verschärft den Fachkräftemangel – auch in Kitas, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe. Besonders Kinder, die auf verlässliche Betreuung und individuelle Förderung angewiesen sind, spüren die Folgen dieser Engpässe. Hinzu kommt, dass migrantische Fachkräfte in Kitas aufgrund struktureller Hürden wie der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse weiterhin stark unterrepräsentiert sind.

Ein Schwerpunkt der Stellungnahme liegt auf den ungleichen Bildungschancen. Kinder und Jugendliche mit Flucht- oder Migrationserfahrung sehen sich nach wie vor mit strukturellen Barrieren konfrontiert: vom eingeschränkten Zugang zu Kitas über segregierende Schulformen wie „Willkommensklassen“ bis hin zu Nachteilen beim Übergang in Ausbildung und Beruf, beispielsweise durch die Entwertung schulischer Zertifikate.

Eng verbunden mit Bildung sind Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe und Demokratieförderung. Kinder und Jugendliche sollten frühzeitig die Möglichkeit zur Mitsprache und Beteiligung erhalten – etwa bei der Gestaltung von Unterricht, in Stadtteilprojekten oder in kommunalen Jugendparlamenten.

Abschließend werden in der Stellungnahme weitere Handlungsempfehlungen in drei Bereichen formuliert. Erstens soll ein klarer Rahmen für das gesellschaftliche Zusammenleben geschaffen und strukturelle Veränderungen angegangen werden. Zweitens soll der Bereich der frühen Bildung und Schule gestärkt werden, etwa durch den Ausbau sprachlicher Unterstützungsangebote und die Bereitstellung niedrigschwelliger Informationen. Drittens steht die Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe im Mittelpunkt, insbesondere durch die Unterstützung von Beratungsstellen und Selbstorganisationen.

 

Dr. Noa K. Ha

Wissenschaftliche Geschäftsführerin

Institutsleitung

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