Am 1. Januar 2026 soll das Gesetz zum Neuen Wehrdienst in Kraft treten. Damit will die Bundesregierung die Wehrpflicht nach 14 Jahren Aussetzung schrittweise reaktivieren. Während die Musterung wieder zur Pflicht wird, soll der Dienst selbst zunächst freiwillig erfolgen – was sich aber ändern kann, wenn die Zielzahlen zum Aufwuchs der Truppe nicht erreicht werden. Vor diesem Hintergrund hat das DeZIM-Institut in einer repräsentativen Studie ausgewertet, wie die Bevölkerung auf die Reform blickt und wie groß die tatsächliche Bereitschaft zum Dienst an der Waffe ist. Die Analysen basieren auf einer Befragung des DeZIM.panels zwischen Juni und August 2025. Ausgewertet wurden die Angaben von 3691 Personen.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Generationenlinie: Während ältere Menschen die Wiedereinführung klar unterstützen, lehnen Jüngere sie weit überwiegend ab. Zudem besteht eine große Diskrepanz zwischen der Zustimmung zu den Plänen und der persönlichen Bereitschaft zum Dienst an der Waffe. Obwohl 58 Prozent aller Befragten für die Wiedereinführung votieren, würde nur knapp jede*r Vierte (23 %) tatsächlich dienen – unter 18- bis 28-Jährigen sogar nur jede*r Siebte (14 %). Zugleich äußern bestimmte Gruppen – insbesondere Frauen, Personen mit Migrationshintergrund und Muslim*innen – Sorgen vor Diskriminierung innerhalb der Bundeswehr.
ZENTRALE ERGEBNISSE
- Mehrheit für Wiedereinführung – Ablehnung bei den Betroffenen: 58 % sprechen sich für die Wiedereinführung der Wehrpflicht aus, aber nur 30 % der 18- bis 28-Jährigen. Nach Geschlecht unterschieden zeigen sich ebenfalls deutliche Abweichungen: 66 % der Männer, aber nur 49 % der Frauen plädieren für eine Wiedereinführung. Auch der Migrationshintergrund wirkt sich aus, wenngleich weniger stark: Rund 50 % der Befragten mit Migrationshintergrund stehen hinter der Wiedereinführung, 62 % derjenigen ohne Migrationshintergrund.
- Geringe eigene Bereitschaft: Nur 23 % aller Befragten würden selbst Wehrdienst leisten oder sich als Zeit- oder Berufssoldat*innen verpflichten – unter 18- bis 28-Jährigen lediglich 14 %. Die größte Differenz gibt es zwischen den Geschlechtern, da nur 9 % der Frauen, aber 36 % aller Männer dienen würden. Unterschiede gibt es auch nach Migrationshintergrund: 26 % derjenigen ohne Migrationshintergrund würden sich bereit erklären, 20 % derjenigen, deren Eltern eingewandert sind, und 14 % der selbst Eingewanderten.
- Gründe für Unterstützung der Pläne: Eine klare Mehrheit von 70 % glaubt, dass die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands langfristig gestärkt würde, doch nur etwas weniger als die Hälfte (48 %) würde sich persönlich sicherer fühlen. Bei jüngeren Befragten klaffen die Werte noch weiter auseinander: Unter den potenziellen Wehrpflichtigen gibt es nur 26 %, die ihre individuelle Sicherheit durch eine Wehrpflicht verbessert sähen. Abgefragt wurde auch, inwiefern der Wehrdienst eine wertvolle Erfahrung für junge Menschen sein kann. Hier zeigt sich abermals ein deutliches Altersgefälle. Während das 79 % der über 69-Jährigen so sehen, sind es unter den der 18- bis 28-Jährigen nur 44 %. Zu der Frage, inwiefern die Wehrpflicht die Verbundenheit mit Deutschland stärken kann, zeigen sich moderate Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund: 59 % der Befragten ohne Migrationshintergrund und 49 % der Befragten, deren Eltern eingewandert sind, nennen das als guten Grund für den Wehrdienst. Bemerkenswert: Personen, die selbst eingewandert sind, stimmen hier eher zu (53 %) als Angehörige der zweiten Zuwanderungsgeneration.
- Gründe für eigene Verweigerung: 58 % derjenigen, die gegen die Wiedereinführung sind, lehnen Gewalt grundsätzlich ab; 38 % möchten nicht ihr Leben für Deutschland riskieren. Eine fehlende Verbundenheit mit Deutschland spielt nahezu keine Rolle (6 %). Die Relevanz des Gewalt- und des Risiko-Motivs unterscheidet sich stark nach Altersgruppen: 72 % der 18- bis 28-Jährigen lehnen Gewalt grundsätzlich ab, doch nur 29 % der über 69-Jährigen. Unterschieden nach Migrationshintergrund zeigen sich nur geringe Abweichungen.
- Sorge um mögliche Diskriminierung und Wunsch nach Unterstützung: Jede vierte Frau (25 %) rechnet im Falle eines Dienstes mit Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts. Auch ein Viertel der selbst Eingewanderten befürchten, diskriminiert zu werden – aufgrund ihres Migrationshintergrunds. Unter ihnen sind besonders Muslim*innen besorgt (35 %). Etwas mehr als die Hälfte aller Befragten erachtet für den Wehrdienst interkulturell geschulte Ausbilder*innen und sprachliche Unterstützung als wichtig oder sehr wichtig. Befragte aus muslimischen Glaubensgemeinschaften nennen besonders oft religiös/kulturell passendes Essen (80 %) sowie interkulturell geschulte Ausbilder*innen (76 %).
- Viel Zustimmung zu einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr: Öffentlich diskutiert wurde auch ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr als Alternative zur Wehrpflicht. Vier von fünf Befragten (79 %) sprechen sich dafür aus. Nach den Bereichen gefragt, in denen sie sich am ehesten engagieren würden, zeigen sich klare Präferenzen: Besonders häufig genannt werden der Umwelt- und Naturschutz (41 %) sowie die Kinder- und Jugendarbeit (36 %). Auch an Mitarbeit im Bereich Bildung und in Bildungseinrichtungen (31 %) sowie in Feuerwehr/Katastrophenschutz (23 %) gibt es vermehrt Interesse. Seltener werden Kliniken, Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen genannt; am seltensten geben die Befragten die Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe an (13 %).
Dr. Jörg Dollmann, Co-Autor und Leiter des Forschungsdatenzentrums am DeZIM-Institut: „Unsere Daten zeigen eine deutliche Kluft: Viele Menschen befürworten die Wehrpflicht generell – aber nur wenige sind bereit, selbst zu dienen, gerade unter den Jüngeren. Das ist nachvollziehbar, denn für diese Gruppe steht im Verteidigungsfall nicht eine abstrakte Debatte im Raum, sondern die reale Gefahr der eigenen Versehrtheit. Wenn der Bundestag künftig für den Truppenaufwuchs über Losverfahren entscheiden sollte, muss klar sein, dass der Rückhalt gerade bei den Betroffenen fehlt – und dass das verfassungsrechtlich geschützte Recht auf Kriegsdienstverweigerung die Grenzen staatlicher Eingriffsmöglichkeiten markiert.“
Dr. Jannes Jacobsen, Co-Autor und Leiter des Clusters „Daten-Methoden-Monitoring“ am DeZIM-Institut: „Während sich nur wenige selbst an der Waffe sehen, ist der breite Zuspruch zu einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr deutlich. Der Wille, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, ist also da – nur nicht militärisch. Da freiwilliges Engagement ein zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft ist, sollte dieses Potenzial anerkannt und ausgeschöpft werden. Unsere Daten zeigen, dass besonders die Bereiche Umwelt- und Naturschutz, Kinder- und Jugendarbeit sowie Bildungseinrichtungen davon profitieren könnten.“
METHODIK
Das DeZIM.panel erlaubt eine längsschnittliche Dauerbefragung der Bevölkerung in Deutschland. Befragt werden Personen ohne Migrationshintergrund und verschiedene Gruppen von Personen mit Migrationshintergrund. Um Vergleiche und Analysen innerhalb dieser Gruppen zu ermöglichen, sind Personen mit Migrationshintergrund im DeZIM.panel überrepräsentiert – eine einzigartige Struktur in der deutschen Erhebungslandschaft.
Für die vorliegende Studie wurden Einstellungen zur Wiedereinführung der Wehrpflicht, die eigene Dienstbereitschaft, Gründe für Zustimmung oder Ablehnung, Erwartungen an den Dienst sowie die Akzeptanz eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres abgefragt. Die Antworten erfolgten auf einer 7-stufigen Skala von 1 „stimme voll und ganz zu“ bis 7 „stimme überhaupt nicht zu“. Die Skalenstufen 1, 2 und 3 wurden als „stimme (voll und ganz) zu“, Stufe 4 „neutral“ und die Stufen 5, 6 und 7 als „stimme (überhaupt) nicht zu“ gewertet.
Die vollständige Studie zum Download finden Sie hier.
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Angie Pohlers
Pressereferentin
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