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Erwerbskräftepotenzial von Ehegatt*innen im Zuzug aus dem EU-Ausland und aus Drittstaaten

Abteilung Migration

Projektleitung: Dr. Franck Düvell

Projektkoordination: Dr. David Schiefer

Laufzeit August 2019 bis Dezember 2019
Status Abgeschlossenes Projekt

Viele Potenziale bleiben ungenutzt: Ein erheblicher Teil der nach Deutschland Zugewanderten kommt im Rahmen des Familiennachzugs – häufig gut qualifiziert, aber deutlich seltener erwerbstätig als möglich. Das Projekt zeigt, welche Hürden den Einstieg in den Arbeitsmarkt erschweren und wie dieses vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser genutzt werden kann.

Leitende Forschungsfragen

Wie groß ist der Umfang nach- oder mitgezogener Partner*innen aus EU- und Drittstaaten in Deutschland?
Welche beruflichen Qualifikationen und Erwerbsaspirationen bringen nach- oder mitgezogene Partner*innen mit?
Wie hoch ist die Erwerbsbeteiligung dieser Personengruppe und welches Aktivierungspotenzial besteht für jene von ihnen, die nicht erwerbstätig sind?
Welche Rolle spielt bei den genannten Fragen die Herkunft (EU- vs. Drittstaat), das Geschlecht und die Familienform (v.a. die Existenz von Kindern in der Familie)?
Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen insgesamt: Personen im partnerschaftlichen Familiennachzug stellen ein großes Erwerbskräftepotenzial dar. Ihnen muss aber auch frühzeitig der Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert werden. Sonst bleibt ihr Potenzial ungenutzt und ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit ist gefährdet.
Dr. David Schiefer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Integration

Der Mangel an Fach- und Arbeitskräften und die Bedeutung von Zuwanderung für den Arbeitsmarkt in Deutschland wird immer wieder diskutiert. Wenig berücksichtigt wird dabei allerdings das Erwerbskräftepotenzial derer, die nicht als Arbeitsmigrant*innen, sondern im Rahmen des Familienzuzugs als Partner*innen nach Deutschland gekommen und somit bereits im Lande sind. Im Rahmen des Projekts wird deren Erwerbskräftepotenzial anhand von Daten des Mikrozensus und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersucht. Es werden die beruflichen Qualifikationen, die Erwerbsbeteiligung und die ökonomische Eigenständigkeit der nachgezogenen Partner*innen beschrieben. Dabei werden Zugangshürden zum Erwerbsleben in Deutschland identifiziert. Die Analysen unterscheiden zwischen nachgezogenen Partner*innen aus der EU und aus Drittstaaten.

Die Studie zeigt: Etwa ein Viertel aller Menschen im erwerbsfähigen Alter, die zwischen 2005 und 2017 nach Deutschland gezogen sind, kamen zum Zwecke der Familiengründung oder im Rahmen des partnerschaftlichen Familiennachzugs, mehrheitlich aus Drittstaaten. Rund drei Viertel der Befragten waren Frauen, etwa drei Viertel waren jünger als 40 Jahre. Die meisten von ihnen sind gut gebildet, ein Drittel hat sogar einen Hochschulabschluss. Aber nur etwas mehr als die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig. Dieses Potenzial könnte deutlich besser genutzt werden. Eine stärkere Erwerbsbeteiligung würde auch die nachhaltige ökonomische Eigenständigkeit der nachgezogenen Partner*innen fördern. 

Zum Zeitpunkt der Studie existierten zwar Studien zur Lebenssituation von Personen im Familiennachzug in Deutschland, diese hatten sich der Zielgruppe aber meist entweder nur über die aufenthaltsrechtliche Kategorie „Familiennachzug“ angenähert (Daten auf Basis des Ausländerzentralregisters) und damit EU-Staatsangehörige nicht in Analysen einbezogen, oder sie haben sich dem Themenkomplex partnerschaftlicher Familiennachzug methodisch über die Untersuchung von Paaren mit Migrationshintergrund angenähert. Bisher nicht in den Blick genommen wurde hingegen das individuelle subjektive Migrationsmotiv „Familie“. Da diesbezüglich entsprechende Befragungsdaten vorliegen, können auch EU-Staatsangehörige in den Blick genommen werden.

Die Studie untersucht zum einen die Größenordnung des partnerschaftlichen Familiennachzugs unter Einbezug innereuropäischer Migration und zum anderen das Qualifikationsniveau, die Erwerbsbeteiligung und die wirtschaftliche Eigenständigkeit nachziehender Partner*innen. Dabei sollen auch Gründe für eine bisherige Nicht-Teilhabe am Arbeitsmarkt identifiziert werden. Damit soll eine empirische Grundlage für politische Maßnahmen geschaffen werden, mit denen der Zugang dieser Zielgruppe zum Arbeitsmarkt gefördert werden kann. 

Grundlage sind Analysen des Mikrozensus 2017 sowie des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Beide Datensätze ermöglichen es, nach Deutschland zugewanderte Personen aus EU- und Drittstaaten anhand ihrer individuellen Zuzugsmotive zu beschreiben. Betrachtet wird demnach die Gruppe derer, die zwischen 2005 und 2017 aus familiären Motiven nach Deutschland gekommen sind und zum Zeitpunkt der Befragung im erwerbsrelevanten Alter zwischen 18 und 54 Jahre waren.

Personen, die aus familiären Gründen nach Deutschland gekommen sind, machen eine bedeutende Gruppe in der Gesamtheit zugewanderter Menschen in Deutschland aus. Etwa ein Viertel der zwischen 2005 und 2017 zugezogenen Personen im erwerbsrelevanten Alter sind zum Zwecke der Familiengründung oder des partnerschaftlichen Familiennachzugs nach Deutschland gekommen.In den Daten des Mikrozensus sind rund drei Viertel dieser Personen Frauen, etwa drei Viertel sind jünger als 40 Jahre. Die Mehrheit kommt aus Drittstaaten und ist erst vergleichsweise kurze Zeit in Deutschland. Personen im partnerschaftlichen Familiennachzug, Männer wie Frauen, sind dabei überwiegend gut gebildet, 60 Prozent haben mindestens einen dem Gymnasialabschluss äquivalenten Schulabschluss und ein Drittel sogar einen Hochschulabschluss. Aber nur etwas mehr als die Hälfte ist erwerbstätig, mit deutlich weniger Frauen, Drittstaatler*innen sowie Personen mit Kindern. Entsprechend haben diese Personen häufig gar keine oder nur geringe eigene Einkünfte und sind von Einkünften ihrer Partner*innen oder anderer Angehöriger abhängig. Viele der nicht erwerbstätigen Befragten suchen aktiv nach Arbeiten oder würden gern arbeiten. Als die wichtigste Hürde bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit sehen Befragte die Kinderbetreuung, insbesondere Frauen.

Die Studie macht deutlich, dass das Fach- und Erwerbskräftepotenzial von Personen im partnerschaftlichen Familiennachzug beträchtlich ist, aber auch, dass es noch deutlich besser genutzt werden kann. Sie unterstreicht daher, dass es wichtig ist, frühzeitig proaktiv auf diese Personengruppe zuzugehen, sie in die vorhandenen Unterstützungsstrukturen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt einzubinden und sie durch Arbeitsmarktakteur*innen aktiv zu begleiten. Sonst bleibt nicht nur Potenzial (ggf. auch langfristig) ungenutzt, die geringe Erwerbstätigkeit und hohe Abhängigkeit von Partner*innen birgt auch Risiken für die nachhaltige wirtschaftliche Eigenständigkeit der Personen selbst. Gleichzeitig ist es für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, aber auch für vorbereitende Maßnahmen (z.B. Sprachkurse oder Nachqualifikationen) unter anderem wichtig, die Möglichkeiten der Kinderbetreuung für diese Zielgruppe besser zu erschließen.

  • Schiefer, David; Borowsky, Christine; Neuhauser, Bastian; Düvell, Franck (2020): Partner*innen im Familiennachzug: verdecktes Erwerbskräftepotenzial? DeZIM Briefing Notes 3, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
  • Borowsky, Christine; Schiefer, David; Neuhauser, Bastian; Düvell, Franck (2020): Erwerbskräftepotenzial von Personen im partnerschaftlichen Familiennachzug aus dem EU-Ausland und aus Drittstaaten. DeZIM Project Report 2 - PR-2020_04, Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Drittmittel)

Publikationen