Paraprofessionelle Vermittler*innen in der Pflege älterer Migrant*innen in Deutschland
Abteilung Integration
Projektleitung: Dr. Edward Omeni
Leitende Forschungsfragen
Cultural Brokers leisten einen wichtigen Beitrag dazu, kulturelle und sprachliche Barrieren in der Altenpflege zu überwinden und eine bedarfsgerechte Versorgung von Menschen mit Migrationsgeschichte zu ermöglichen.Prof. Dr. Magdalena Nowicka, Leitung Abteilung Integration
Das Projekt richtet einen Blick auf die Praxis der Kulturvermittlung und die Rolle von Cultural Brokers in der Altenpflege und konzentriert sich dabei auf Dienstleistungen und Projekte in Berlin, Dortmund/Leverkusen und Frankfurt/Main, also Orten mit einem historisch hohen Migrant*innenanteil. Cultural Brokers in der Gesundheits- und Sozialfürsorge fungieren als paraprofessionelle Vermittler*innen, die Fachkräfte in der Gesundheits- und Sozialfürsorge für die Kultur, die sprachlichen Bedürfnisse und die religiösen Einstellungen der Patient*innen sensibilisieren und den Dienstleistungsnutzer*innen helfen, sich in dem System zurechtzufinden. Über deren Bedeutung sowie deren Praktiken ist in Deutschland bisher wenig bekannt. Genauso unklar ist, wie die Beziehung zwischen den Einrichtungen und den professionellen Kräften (Case Managern, Pflegepersonal usw.), den informellen Kulturvermittler*innen und den Dienstleistungsempfänger*innen ist, welche Herausforderungen bestehen, wie diese angegangen werden, ob es Konflikte gibt, wie diese gelöst werden usw. Dabei ist wichtig zu erfahren, mit welchem Verständnis von kulturellen Differenzen die Vermittler*innen arbeiten. Das Projekt untersucht die lokalen Praxen von Kulturvermittlung, darunter die Ansätze, die die jeweiligen Dienstleister*innen ausgearbeitet haben. Das Ziel des Projekts ist es, die Strategien und Praktiken kritisch zu reflektieren und gemeinsam mit den Akteur*innen die bestehenden Ansätze zu revidieren bzw. neue Ansätze zu entwickeln und somit die Gesundheitsfürsorge positiv zu beeinflussen.
Studien verweisen auf die Herausforderungen für Gesundheits- und Pflegeinstitutionen, was das Erbringen von Dienstleistungen in zunehmend vielfältigen Gesellschaften angeht (Bradby et al. 2015; Phillimore 2015). Die Forschung versucht dabei zu zeigen, wie die Fähigkeit, bei Dienstleistungen auf verschiedene Formen der Vielfalt angemessen zu reagieren, verbessert werden könnte.
Ziel ist es, Formen, Funktionen und organisationale Einbettung von Cultural Brokerage in der Pflege älterer Migrant*innen zu untersuchen.
Das Projekt hat einen explorativen Charakter. Als Hauptinstrument dienen qualitative Interviews mit Fachkräften und Laien, die in den untersuchten Regionen die Rolle des Kulturvermittler*innen in ihren verschiedenen Formen im Bereich Pflege älterer Migrant*innen übernehmen. Anhand der Interviews sollen vor allem die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Ansichten dieser Akteur*innen untersucht werden.
Die Ergebnisse zeigen, dass Cultural Brokering weit über Sprachmittlung hinausgeht. Cultural Brokers fungieren als zentrale Schnittstellen zwischen älteren Migrant*innen, ihren Familien und dem Pflegesystem: Sie vermitteln Informationen, helfen bei der Systemnavigation, begleiten bei Terminen und schaffen durch Vertrauensbeziehungen Zugang zu Pflegeleistungen.
Gleichzeitig bleibt Cultural Brokering überwiegend projektförmig und institutionell randständig. Trotz seiner hohen Bedeutung für die Versorgung ist es häufig von befristeter Finanzierung und fehlender struktureller Anerkennung abhängig. Daraus entsteht eine zentrale Spannung: Paraprofessionelle Vermittler*innen übernehmen systemrelevante Aufgaben und kompensieren strukturelle Versorgungsdefizite, verfügen jedoch über begrenzte institutionelle Absicherung und Anerkennung.
Die Ergebnisse verdeutlichen damit, dass Cultural Brokering einen unverzichtbaren, aber unzureichend institutionalisierten Bestandteil des Zugangs zur Pflege für ältere Migrant*innen darstellt. Zugleich besteht die Gefahr, dass die Vermittlungsarbeit strukturelle Defizite der Pflege verdeckt und Verantwortung dauerhaft auf einzelne Vermittler*innen verlagert.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)