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Migration als Chance verstehen.
Wie hängen kommunale Resilienz und Integrationspolitik zusammen?
Kommunen spielen eine zentrale Rolle beim Ankommen in Deutschland. Denn Integrationsarbeit passiert vor Ort: In den Kommunen müssen Unterkünfte geschaffen, Bildungs- und Betreuungsangebote ausgebaut, Sprachkurse organisiert und Verwaltungsprozesse angepasst werden – oft unter großem Zeit- und Ressourcendruck. Doch wie können sie dieser Rolle nachkommen, wenn politische wie finanzielle Rahmenbedingungen und ein zunehmend negativer, gesellschaftlicher Diskurs einem positiven Klima für Ankommen und Verwurzelung entgegenstehen?
DeZIM-Forschung zeigt: Eine nachhaltige und belastungsfähige Infrastruktur ist entscheidend für die bedarfsgerechte Aufnahme von Schutzsuchenden und anderen Migrant*innen.
Eine Resilienzperspektive verortet Herausforderungen nicht primär in Migration, sondern in der Funktionsweise und Finanzierung öffentlicher Strukturen. Entscheidend sind dabei die alltäglichen Abstimmungsprozesse und die Zusammenarbeit in den Kommunen.Dr. Nora Ratzmann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Integration
Was ist Kommunale Resilienz?
Der Begriff der Resilienz ist in der breiten Öffentlichkeit vor allem aus der Psychologie und Stadtforschung bekannt und steht für Anpassungsfähigkeit und Wandelbarkeit angesichts von Herausforderungen.
Kommunale Resilienz verfolgt das Ziel, Arbeitsweisen vor Ort so umzustrukturieren, dass äußere Umstände abgemildert oder erst gar nicht zur Krise werden. Es geht darum, Lehren aus “Krisenmomenten” zu ziehen und reaktionsfähige Strukturen auszubauen.
Als resilient können demzufolge Kommunen gelten, die es schaffen, nachhaltige, ganzheitliche und flexibel gestaltete Angebote vor Ort zu schaffen.
Wann spricht man von resilienten Kommunen?
Resiliente (Infra-)Strukturen ermöglichen eine bedarfsgerechte und nachhaltige Integrationsarbeit. Sie fördern die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben für alle Menschen und tragen damit auch zu einem guten Miteinander vor Ort bei. Das kann eine resiliente Kommune auch leisten, wenn krisenhafte Ereignisse den Druck auf die lokale Gesellschaft und Kommunalverwaltungen erhöhen.
Was braucht eine resiliente Kommune?
Um resiliente Kommunen zu schaffen, haben Studienteilnehmende aus 15 Kommunen in ganz Deutschland ihre Bedarfe formuliert:
Gute Strukturen für alle
Migration und Integration als Chance begreifen
Integrationsarbeit als Gestaltungsaufgabe in Gesellschaft, Kommunalpolitik und -verwaltung verstehen
Öffentliche Wahrnehmung
Engpässe bei Wohnen, Kinderbetreuung, Bildung und Gesundheitsversorgung belasten sowohl Neuzugewanderte als auch bereits Ansässige
Resiliente Integrationsarbeit braucht nicht nur spezifische Angebote für Neuzugewanderte, sondern funktionierende soziale Infrastruktur für alle
Gemeinsam agieren
gemeinsames Integrationsverständnis über verschiedene Verwaltungseinheiten hinweg etablieren
nachhaltige Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft (insbesondere Migrant*innenorganisationen) fördern, um belastbare und aktivierbare Netzwerke für den Bedarfsfall zu schaffen
Die beteiligten Städte und Gemeinden waren: Berlin, München, Köln, Leipzig, Halle (Saale), Saarbrücken, Osnabrück, Neubrandenburg, Cottbus, Ingelheim am Rhein, Rottenburg am Neckar, Gummersbach sowie der Wartburgkreis, der Burgenlandkreis und der Landkreis Ravensburg.
Wie kann Zuwanderung in Kommunen gelingen?
Anhand von elf Städten und Gemeinden nennt der Forschungsbericht „Chancen statt ‚Krise‘: Resiliente Kommunen im Kontext von Migration, Integration und Teilhabe“ Best Practices kommunaler Resilienz. Dazu können etwa Info Points für erste Behördenkontakte oder Koordinierungsstellen für ehrenamtliche Hilfe gehören.
Kommunale Resilienz ist nicht nur auf das Handeln staatlicher Akteur*innen der Integrationspolitik beschränkt. Sie betrifft uns alle als Teil einer Gemeinschaft und sollte das Miteinander und den Zusammenhalt vor Ort im Blick behalten.Denis Zeković, Wissenschaftler Mitarbeiter Abteilung Integration
3 Best Practice Beispiele
Speziell im Kontext der Fluchtmigration aus der Ukraine richteten einige Kommunen (z.B. Rottenburg, München, Saarbrücken) Info Points oder Ankunftsbüros ein, die einige Gemeinden später verstätigten, zum Beispiel als Haus des Ankommens Saarbrücken:
Ankommende bekommen die wichtigsten Informationen aus staatlicher Hand, können sich registrieren lassen und Sozialleistungen beantragen.
Laut den Kommunen erleichterte diese Bündelung den Zugang zu Behörden und machte das Arbeiten der Verwaltung effizienter.
In Ingelheim ermöglicht ein Leitfaden zu „Vielfaltssensibler Sprache“ für die Verwaltung den Abbau von Sprachbarrieren. Der Leitfaden fördert die Mehrsprachigkeit in den Informationsangeboten sowie den Ausbau von Sprachmittler*innenpools. Gleichzeitig betonten Verwaltungen immer wieder die Notwendigkeit einfacher (Behörden-)Sprache, um Zugänge zu erleichtern.
- In Rottenburg sowie in allen Berliner Bezirken bündeln Freiwilligenagenturen ehrenamtliches Engagement und bieten Informations-veranstaltungen für Freiwillige an.
- In Sachsen-Anhalt werden pro Landkreis und kreisfreier Stadt bis zu zwei Integrationskoordinator*innen gefördert. Ehrenamt und Hauptamt sollten hier Hand in Hand gehen.
Handlungsimpulse
dauerhafte finanzielle Unterstützung von Bund und den Ländern,
zuverlässige, niedrigschwellige Beratungs- und Begegnungsangebote, welche sich flexibel an sich verändernde Zielgruppen anpassen können,
bedarfsorientierte Politik für die Ankommenden in den Fokus stellen sowie deren praktische Ausgestaltung vor Ort.
fakten- und lösungsorientierten Diskurs zu Flucht, Migration und Integration vorantreiben
die Chancen von Integration betonen, Potenziale stärken und nutzen
effiziente Integrationsarbeit durch gebündelte Ressourcen und klare Verantwortlichkeiten fördern
eine „community of pratice“ schaffen: stärkere Vernetzung innerhalb ihrer Verwaltungen und weiteren Akteur*innen, um Allianzen zu schmieden und Potentiale weiter auszuschöpfen.
Perspektiven auf die Integrationsarbeit vor Ort
(Videoaufzeichnung der Veranstaltung)
Zehn Jahre nach dem „Langem Sommer der Migration“ 2015/16 diskutierte Dr. Nora Ratzmann, (DeZIM-Institut) mit Prof. Dr. Birgit Glorius (TU Chemnitz, Humangeographie/Europäische Migrationsforschung, Stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration) und Ralf Sabelhaus (Leiter des Sachgebiets Integration der Stadt Osnabrück).
- Was ist aus diesen Anstrengungen geworden?
- Wie haben Städte, Landkreise und kleine Gemeinden die Herausforderungen bewältigt?
- Welche Strukturen und Instrumente sind entstanden – welche Chancen hat Migration auf lokaler Ebene eröffnet?
- Und welche neuen Herausforderungen hat sie mit sich gebracht?
Ansprechpersonen:
Dr. Nora Ratzmann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Integration
E-Mail: ratzmann(at)dezim-institut.de
Denis Zeković
Wissenschaftler Mitarbeiter Abteilung Integration
E-Mail: zekovic(at)dezim-institut.de
Ratzmann, Nora; Rißler, Felicitas; Zeković, Denis (2026): Ankommen vor Ort - Gestalten statt verwalten: Die Zukunft der kommunalen Integrationsarbeit. Raumentwicklung - ARL Journal für Wissenschaft und Praxis 3 (55), 26-29. DOI: 10.60683/qvtz-9506 .
Ratzmann, Nora; Zekovic, Denis (2025): Navigating Challenges of Integrating Newcomers in Germany: Local Resilience through Collaborative Governance? In: Matykiewicz, Aleksandra; Gierszewski, Dorota (Hg.): German and Polish Perspectives on Migration, Refugee and Border Policy in Europe. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 139-150.
Ratzmann, Nora; Zeković, Denis; Blunert, Janin; Kokonowskyj, Larissa; Nowicka, Magdalena (2024): Chancen statt „Krise“: Resiliente Kommunen im Kontext von Migration, Integration und Teilhabe. Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Ratzmann, Nora; Boucheri, Minou; Orlova, Alexandra; Rißler, Felicitas; Zeković, Denis (2026): Systematisch benachteiligt? Geflüchtete mit besonderen gesundheitlichen Schutzbedarfen. Forschung:Praktisch. Flucht & Ankommen (6/2026), Chemnitz: Technische Universität Chemnitz. DOI: 10.59350/d7jks-hwz71 .
Ratzmann, Nora; Rißler, Felicitas; Zekovic, Denis (2025): „Resiliente Kommunen 2.0“: Migration als Chance verstehen. Forschung:Praktisch. Flucht & Ankommen (5/2025), Chemnitz: Chemnitz University of Technology. DOI: 10.59350/hpz3x-qh641