Geflüchtete Familien aus der Ukraine

Perspektiven des Ankommens in Deutschland

Abteilung Integration

Projektleitung: Dr. Nora Ratzmann

Projektmitarbeitende: Larissa Kokonowskyj,  Dr. Katarina Mozetič

Laufzeit Januar 2023 bis Dezember 2024
Status Abgeschlossenes Projekt

Das Projekt untersuchte die Lebenslagen und die subjektiven Perspektiven von geflüchteten Familien aus der Ukraine, die nach Februar 2022 nach Deutschland gekommen sind. Dabei interessierte sich das Projekt für ihre Bedarfe und Zukunftswünsche.

Leitende Forschungsfragen

Welche Rolle spielen aus Sicht der Schutzsuchenden Intermediäre der Zivilgesellschaft oder anderweitige soziale Netzwerke bei der Gestaltung des Integrationsprozesses, auch im digitalen Raum?
Aus der Sicht der Schutzsuchenden, welche Rolle spielen Intermediäre der Zivilgesellschaft oder anderweitige soziale Netzwerke in der Gestaltung des Prozesses der Integration, auch im digitalen Raum?
Inwieweit sind staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen des Wohlfahrtsstaates auf Herausforderungen bei Dienstleistungen in der diversitätsorientierten Gesellschaft vorbereitet, wenn sie unter Druck geraten, und wie gehen sie mit den sprachlichen Unterschieden und vielfältigen Erwartungen um?
Ich würde sagen, dass jede Frau, die hierherkommt, traumatisiert ist und eine große Last mit sich trägt. Und dazu kommt noch die Angst vor der Zukunft und davor, völlig verloren zu sein. Man weiß also nicht, ob man nach Hause zurückkehren oder hierbleiben möchte. Und das lähmt viele Menschen, weil sie dann die Dinge wirklich überstürzen oder einfach nur so schnell wie möglich arbeiten gehen wollen und ihre Zukunft überhaupt nicht planen.
Experteninterview

Die Flucht von mehr als 6 Millionen Menschen vor dem Krieg in der Ukraine (UNHCR 2024) stellte die benachbarten Länder und die Europäische Union, darunter Deutschland, vor eine neue Herausforderung. Die erstmals in Kraft gesetzte „Massenzustrom-Richtlinie" der Europäischen Union hat schnell vorläufige aufenthaltsrechtliche Klarheit geschaffen, wonach der visafreie Aufenthalt ermöglicht wurde. Die Rechtslage wurde seitdem sukzessive durch die Bundesregierung, die Landesregierungen und die zuständigen Behörden angepasst. Die Richtlinie lief zunächst im Februar 2024 aus und wurde nun bis März 2028 verlängert. Nicht nur die rechtliche Situation, sondern auch die weiblich geprägte Migration ist neu und wirft Fragen auf, da es sich bei den Geflohenen hauptsächlich um Mütter mit (kleinen) Kindern handelt.

Zentral ist dabei der Kontext der rechtlichen, gesellschaftlichen und familiären (Un-) Sicherheiten – sowohl im Hinblick auf die konkreten Auswirkungen auf subjektive Lebensentwürfe als auch im Hinblick auf die konzeptionelle Frage des Zusammenspiels von (zirkulärer) unfreiwilliger Migration und Integration in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund untersuchte das Projekt das Zusammenspiel von unterschiedlichen staatlichen wie zivilgesellschaftlichen Beratungsstellen und Behörden auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene sowie die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen unserer Teilnehmenden beim Ankommen in Berlin oder München. Zentral dabei waren der neue rechtliche Kontext sowie die Bleibe- bzw. Rückkehraspirationen der aus der Ukraine geflüchteten Personen, auch im Vergleich zu den 2015/2016 nach Deutschland gekommenen Gruppen von Geflüchteten, sofern ein Vergleich auf Grundlage zugänglicher Daten und existierender empirischer Studien möglich war.

Das Projekt knüpfte an internationale Forschung zur sozialpolitischen Bedürftigkeit an und untersuchte, wie Migrant:innen und Geflüchtete ihre Rechte und Bedürfnisse in Interaktionen mit staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aushandeln. Im Fokus stand auch, wie stark sie selbst über Art und Umfang der Unterstützung entscheiden konnten.

Angesichts der Anpassungen auf allen Regierungsebenen im Hinblick auf rechtliche Regelungen und Aufnahmeinfrastruktur für Geflüchtete interessierten uns die subjektiven Erfahrungen und Perspektiven der Gruppe von Geflüchteten nach § 24 Aufenthaltsgesetz sowie die Frage nach dem Verhältnis dieser Gruppe zum Staat im Zeitverlauf.

Das Projekt nutzte ein qualitatives Längsschnittpanel-Design und ergänzte die 2022 erhobenen Daten um drei weitere Erhebungswellen (auf insgesamt 83 Interviews), um den Verlauf des Ankommens der geflüchteten Personen im Zeitverlauf zu erfassen und die Reaktionen auf veränderte Rahmenbedingungen analysieren zu können.

Das qualitative Längsschnittdesign eignete sich besonders gut, um den dynamischen Zusammenhang zwischen sekundären Migrationserwägungen und Integrationsverläufen zu erfassen. Unsere Arbeit zeigte die oft widersprüchlichen Orientierungen ukrainischer geflüchteter Familien in Bezug auf Bleiben oder Rückkehr, Verankerung in Deutschland oder Hinwendung zum Heimatkontext. Ebenso inkonsistent und sich stetig verändernd waren ihre Strategien zur Ausgestaltung ihres ‚neuen' Lebens in Deutschland im Zeitverlauf.

Das Projekt zeigte auf, dass die Sicherung der Teilhabe von Zugewanderten eine dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe ist und bleiben sollte und entsprechend belastbare und verstetigte Integrationsangebote benötigt, die an den Bedarfen vor Ort ausgerichtet sind. Zudem verdeutlichten die Erfahrungen der Teilnehmenden den Wert einer gesicherten gegenüber einer unsicheren Bleibeperspektive für ihr Integrationsbestreben.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)

Kooperationspartner:

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