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Migrationsaspirationen von syrischen Geflüchteten in der Türkei vor dem Hintergrund ihrer familiären Situation

Abteilung Migration

Projektleitung: Dr. Franck Düvell

Projektmitarbeitende: Dr. David Schiefer

Laufzeit September 2018 bis Dezember 2020
Status Abgeschlossenes Projekt

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 ist die Türkei das wichtigste Aufnahmeland für syrische Geflüchtete. Eine Studie von DeZIM und der Ankara Yıldırım Beyazıt Universität zeigt: Die Mehrheit möchte bleiben, blickt jedoch mit großer Unsicherheit in die Zukunft. Weiterwanderungswünsche nach Europa hängen stark von familiären Netzwerken ab, erscheinen jedoch oft finanziell schwer realisierbar.

Leitende Forschungsfragen

Welche Migrationsaspirationen haben syrische Geflüchtete in der Türkei: Verbleib in der Türkei, Rückkehr nach Syrien oder Weiterwanderung nach Europa?
Welche Faktoren – insbesondere transnationale Familiennetzwerke – beeinflussen die Wanderungswünsche?
Inwieweit verfügen die Befragten tatsächlich über die Möglichkeiten und Ressourcen, um ihre Reise nach Europa fortzusetzen?
Wie verändern sich Migrationsaspirationen über die Zeit im Kontext protrahierter Flucht- und Krisensituationen?
Die Studie zeigt, wie wichtig familiäre Netzwerke für Weiterwanderungspläne sind: Wer Angehörige in Europa hat, möchte häufiger dorthin weiterziehen. Für die meisten bleibt dies jedoch unerreichbar – wegen fehlender finanzieller Mittel und migrationsrechtlicher Hürden.
Dr. David Schiefer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Abteilung Integration

Mit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 wurde die Türkei zum weltweiten Hauptaufnahmeland für syrische Geflüchtete. Nach offiziellen Angaben lebten dort im Jahr 2018 etwa 3,6 Millionen Menschen aus Syrien unter einem temporären Schutzstatus. Von ihnen sind zwischen 2011 und 2019 viele in die Europäische Union weitergereist, auch nach Deutschland. Viele sind jedoch auch in der Türkei geblieben, auch weil im Zuge eines Abkommens zwischen der EU und der Türkei im Jahr 2016 die Weiterwanderung erschwert wurde. Über die Weiterwanderungsabsichten und die für eine Weiterwanderung erforderlichen Ressourcen der in der Türkei verbliebenen syrischen Geflüchteten war kaum etwas bekannt. 
Das Projekt untersuchte daher die Wanderungsaspirationen syrischer Geflüchteter in der Türkei im Jahr 2018/19 unter Bedingungen einer zu diesem Zeitpunkt fortwährenden Krise in Syrien, der damit verbundenen Zukunftsunsicherheit und erzwungenen transnationalen Familientrennungen sowie vor dem Hintergrund zunehmend prekärer Lebensumstände für Syrer*innen in der Türkei. Betrachtet wurden drei mögliche Zukunftsoptionen: (1) Verbleib in der Türkei, (2) Rückkehr nach Syrien und (3) Weiterwanderung in ein Drittland, insbesondere nach Europa. Neben den Aspirationen der Befragten untersuchte die Studie auch ihre tatsächlichen Kapazitäten und Ressourcen, Migration zu realisieren, sowie die Lebensumstände, die diese Entscheidungen prägen. 
Ein besonderer Fokus lag auf der Rolle transnationaler Familiennetzwerke. Der syrische Bürgerkrieg hat viele Familien auseinandergerissen und über mehrere Länder verstreut. Die Studie untersuchte, wie diese erzwungenen Trennungen – mit Familienmitgliedern in Syrien, der Türkei und Europa – die individuellen Wanderungsentscheidungen beeinflussen.

Bisherige Forschung zu Migrationsaspirationen konzentrierte sich primär auf Personen in Herkunftsländern und auf freiwillige Migration. Diese Studie erweitert die Forschung auf mehreren Ebenen:

  • Migration unter Krisenbedingungen: Die Studie untersucht Migrationsaspirationen unter Bedingungen eines Kontinuums von Krisen – zunächst Bürgerkrieg und Vertreibung, dann prekäre Lebensbedingungen im Aufnahmeland, später wirtschaftliche Krisen und zunehmende Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber Geflüchteten.
  • Geflüchtete im Transit- bzw. Erstaufnahmeland: Anders als die meisten Studien fokussiert diese Forschung nicht auf Personen im Herkunftsland, sondern auf Geflüchtete, die bereits in einem ersten, sicheren Land angekommen sind. Ihre rechtliche Lage und Lebensbedingungen sind durch Prekarität, Temporalität und Unsicherheit geprägt.
  • Immobilität: Migrationsstudien fokussieren stark auf den vergleichsweise kleinen Teil der Menschen, die tatsächlich migrieren. Die Mehrheit, die – freiwillig oder gezwungenermaßen – an Ort und Stelle bleibt, wird oft vernachlässigt. Diese Studie bezog daher auch diejenigen syrischen Geflüchteten ein, die nicht weiter migriert, sondern in der Türkei verblieben sind.
  • Transnationale Familiennetzwerke: Obwohl die Bedeutung von Familie für Migration theoretisch anerkannt ist, fehlen detaillierte quantitative Analysen, insbesondere im Kontext von Flucht. Diese Studie differenziert systematisch zwischen verschiedenen Familienbeziehungen (Ehepartner*innen, Kinder, Eltern, Großeltern, Geschwister) und deren jeweiligen Aufenthaltsorten (Herkunftsland, Wohnsitzland, Drittland).
  • Temporalität und Unsicherheit: Die Studie erfasst die hohe Unsicherheit und zeitliche Dynamik von Migrationsaspirationen unter Krisenbedingungen und zeigt, wie sich Prioritäten im Zeitverlauf verschieben.

  • Empirische Erfassung der Migrationsaspirationen syrischer Geflüchteter in der Türkei bezüglich des Verbleibs, der Rückkehr und der Weiterwanderung
  • Identifikation der Determinanten von Migrationsaspirationen, Mobilität und Immobilität, insbesondere der Rolle transnationaler Familiennetzwerke
  • Quantifizierung der tatsächlichen Migrationskapazitäten
  • Analyse der Wechselwirkungen zwischen Familiennetzwerken und anderen Faktoren wie Lebenszufriedenheit, Bildung und ethnischer Zugehörigkeit
  • Bereitstellung empirisch fundierter Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger*innen in der EU, Deutschland und der Türkei

Erhebungsdesign: Quantitative Querschnittsbefragung mit rund 1.900 erwachsenen Syrer*innen in der Türkei zwischen November 2018 und Mai 2019.

Stichprobenverfahren: Mehrstufiges Sampling-Verfahren aufgrund fehlender repräsentativer Bevölkerungsregister: Auswahl von Provinzen, Städten und Bezirken anhand der Anteile der syrischen Bevölkerung, randomisierte Auswahl von Haushalten (random walks).

Instrumente: Strukturierter Fragebogen unter anderem mit Fragen zu Migrationsaspirationen, Aufenthaltsorten verschiedener Familienmitglieder, Lebensbedingungen und Zufriedenheit in der Türkei, Wahrnehmung von Lebensbedingungen in Europa.

Analysemethoden: Deskriptive Analysen zur Verteilung der Migrationsaspirationen, multiple logistische Regressionsmodelle zur Identifikation von Determinanten sowie Interaktionsanalysen zur Untersuchung des Zusammenspiels von Familiennetzwerken mit anderen Faktoren.

Die Befragung zeigt: Die Mehrheit der Befragten (53,3%) wollte im Jahr 2018/2019 in der Türkei bleiben; sie wurden somit nach der Flucht aus Syrien wieder mehr oder weniger freiwillig immobil. Knapp ein Viertel (22%) äußerte den Wunsch, in ein europäisches Land weiterzuwandern, wobei Deutschland am häufigsten genannt wurde, gefolgt von Schweden.
Bezüglich einer Rückkehr nach Syrien zeigte sich extreme Unsicherheit: Zum Zeitpunkt der Befragung stimmten nur 3% einer Rückkehr zu, 20% lehnten sie ab, während die große Mehrheit die Antwort "abhängig von der Situation" (63%) oder "ich weiß nicht" (14%) wählte.
Ein zentrales Ergebnis ist zudem die Diskrepanz zwischen Aspirationen und vorhanden Kapazitäten bzw. Ressourcen: Nur sehr wenige Befragte verfügten nach eigenen Angaben über ausreichende finanzielle Mittel, um die Reise nach Europa zu finanzieren. Etwa 96% wählten auf einer Skala von 1-7 die niedrigste Antwortoption (1 = stimme überhaupt nicht zu) auf die Aussage "Ich habe genug Geld, um nach Europa zu reisen". Von jenen mit Weiterwanderungsabsichten hatten zudem nur rund 6% bereits versucht, ein Visum für die EU zu beantragen, und lediglich 4% hatten tatsächlich versucht, irregulär nach Europa zu gelangen. 
Für die Weiterwanderung nach Europa oder ein anderes Land erwiesen sich transnationale Familiennetzwerke als stärkster Prädiktor. So war bei Befragten mit Familienmitgliedern in Europa die Wahrscheinlichkeit, weiterwandern zu wollen, etwa dreimal so hoch wie bei jenen ohne Familie in Europa. Die Studie differenziert dabei nach spezifischen Familienmitgliedern. So zeigten Befragte, deren Ehepartner nicht in der Türkei oder in Syrien lebte, höhere Weiterwanderungsaspirationen als jene, die mit ihrem Partner in der Türkei lebten. Das Vorhandensein von Kindern in der Türkei war nicht direkt mit individuellen Migrationsaspirationen verbunden, spielte aber für familienbezogene Überlegungen eine Rolle ("Wo wäre meine Familie besser aufgehoben?"). Andere Faktoren im Zusammenhang mit Weiterwanderungsabsichten waren z.B. eine höhere Bildung sowie der Grad der Unzufriedenheit der Befragten mit den Lebensbedingungen in der Türkei. Die Studie identifiziert zudem Wechselwirkungen mit Blick Weiterwanderungsabsichten, etwa zwischen der Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in der Türkei und dem Wohnsitzland von Partner*innen. Auch zeitliche Verschiebung von unmittelbaren Sicherheitsbedürfnissen hin zu langfristigen Überlegungen bezüglich Rechten, wirtschaftlichen Chancen und Familienzusammenführung werden deutlich.

Die Studie stellt klar, dass das potenzielle Migrationsaufkommen von der Türkei nach Europa weitaus geringer war als in öffentlichen Diskursen zu diesem Zeitpunkt oft angenommen. Dass Familiennetzwerke der stärkste Treiber für Weiterwanderung sind, unterstreicht, wie wichtig der Bedarf nach Familieneinheit ist, was sich letztendlich auch auf Ankommensprozesse und Integration von Geflüchteten in Aufnahmeländern auswirkt, etwa wenn Personen sich aufgrund der Sorge um den Verbleib von Angehörigen nicht auf Spracherwerb und Arbeitssuche konzentrieren können. Entsprechend sollten legale Wege zur Familienzusammenführung verbessert werden. Dadurch ist nicht nur eine Verringerung von Kosten für Integrationsmaßnahmen zu erwarten, auch irreguläre Migration kann dadurch verringert werden. Gleichzeitig sollten Maßnahmen, die das Wohlergehen syrischer Flüchtlingsfamilien in der Türkei und deren dortigen Verbleib fördern, fortgesetzt werden – sowohl zur Verbesserung der Lebenssituation als auch zur Verringerung des Weiterwanderungsdrucks. 

Erzwungene transnationale Familien sind Familien, die durch Flucht und Vertreibung unfreiwillig über mehrere Länder verstreut wurden. Im Unterschied zu transnationalen Familien bei freiwilliger Arbeitsmigration, wo die räumliche Trennung stärker selbstbestimmt und geplant ist, erfolgt die Trennung bei Fluchtmigration häufig stärker ungeplant und unter Zwang. Diese erzwungene Trennung schafft komplexe Dilemmata: Der Wunsch nach Familienzusammenführung kollidiert mit Fürsorgepflichten gegenüber Familienmitgliedern in verschiedenen Ländern, mit fehlenden finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten zur Migration sowie mit Unsicherheiten über die Zukunft im Herkunftsland.

Migration unter Krisenbedingungen unterscheidet sich in mehreren Punkten von freiwilliger Migration:

  • Bedrohung: Konflikte & Unruhen greifen in den Alltag ein, gefährden wirtschaftliche, soziale und physische Sicherheit
  • Eingeschränkte Handlungsfähigkeit: Entscheidungen über Flucht bestehen weiterhin, sind aber stark eingeschränkt und oft nicht frei oder gut planbar
  • Hohe Unsicherheit: Vor und nach der Flucht müssen Entscheidungen unter unklaren und sich schnell ändernden Bedingungen getroffen werden
  • Kontinuum von Krisen: Am Beispiel Syriens zeigt sich ein Zusammenspiel aus Krieg, Flucht, prekären Lebensbedingungen, wirtschaftlichen Krisen und Pandemie
  • Temporalität: Migrationsentscheidungen sind dynamisch und werden je nach Kontext (Sicherheit, Bildung, Recht) immer wieder neu bewertet

  • Düvell, F. (2019) Are there really 3.6 million refugees in Turkey or could there be considerably fewer? DeZIM Briefing Notes 1. Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
  • Düvell, F., Schiefer, D., Sağiroğlu, A. Z., & Mann, L. (2021). How Many Syrian Refugees in Turkey Want to Migrate to Europe and Can Actually Do So? Results of a Survey Among 1,900 Syrians. DeZIM Research Notes (DRN 05/21). Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
  • Schiefer, D., Düvell, F., & Sağiroğlu, A. Z. (2023). Migration aspirations in forced transnational families: the case of Syrians in Turkey. Migration Studies, 11(3), 383-416. https://doi.org/10.1093/migration/mnad020

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)

Kooperationspartner:

Prof. Dr. Ali Zafer Sağıroğlu (Ankara Yıldırım Beyazıt University), Prof. Dr. Martin Lemberg-Petersen (Aalborg University)

Publikationen