Von Rückzug bis Selbstermächtigung: Bewältigungsstrategien bei rassistischer, sexistischer, queerfeindlicher und klassistischer Diskriminierung
Abteilung Konsens und Konflikt
Projektleitung: Prof. Dr. Sabrina Zajak
Projektmitarbeitende: Sophia Aalders, Samera Bartsch, Miriam Meksem
Leitende Forschungsfragen
Diskriminierung wird unterschiedlich erlebt – und unterschiedlich bewältigt. Wer wirksame Strategien verstehen will, muss Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen betroffenen Gruppen gleichermaßen in den Blick nehmen.Samera Bartsch, Assoziiertes Mitglied, Abteilung Konsens und Konflikt
Bisher konzentrierten sich Studien zu Bewältigungsstrategien bei Diskriminierung meist auf einzelne Diskriminierungsdimensionen, zum Beispiel auf rassistische Diskriminierung. Das Forschungsprojekt erweiterte diesen Blick, in dem es bestehende Studien zu Bewältigungsstrategien bei Diskriminierung typologisierte und Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Bewältigungsstrategien verschiedener von Diskriminierung betroffener Gruppen in Deutschland analysierte. Im Mittelpunkt stand der Vergleich langfristiger Reaktionen im Umgang mit rassistischer, sexistischer, queerfeindlicher und klassistischer Diskriminierung. Besondere Berücksichtigung erhielten hierbei die sozialen Rahmenbedingungen der Diskriminierungserfahrungen (z.B. Vorhandensein von Community-Strukturen, Anerkennung als diskriminierungsvulnerable Gruppe, kulturelle Repertoires), und welche Rolle diese Faktoren für gewählte Bewältigungsstrategien spielten.
Zwar existierten bereits Studien zu Reaktionen auf Diskriminierungserfahrungen, diese konzentrierten sich jedoch meist entweder auf einzelne Diskriminierungsdimensionen (vor allem rassistische Diskriminierung) oder auf situative Reaktionen. Vergleichende Untersuchungen, die mehrere Diskriminierungsdimensionen in den Blick nehmen und dabei auch die gruppenbezogenen, sozialen Rahmenbedingungen von Diskriminierung berücksichtigen, fehlten bislang. Diese Lücke schloss das Projekt, indem es langfristige Bewältigungsstrategien im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen vergleichend entlang verschiedener Diskriminierungsdimensionen untersuchte. Analysiert wurden hierbei insbesondere, inwiefern gruppenbezogene Sozialisation und kollektive Identität gewählte Bewältigungsstrategien beeinflussen.
- Analyse langfristiger Bewältigungsstrategien im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen unter vergleichender Berücksichtigung verschiedener Diskriminierungsdimensionen.
- Untersuchung des Einflusses gruppenbezogener Sozialisation auf die Entwicklung und Auswahl von Bewältigungsstrategien.
- Analyse der Rolle kollektiver Identität und sozialer Rahmenbedingungen für den Umgang mit Diskriminierung über unterschiedliche Gruppen hinweg.
Methodisch war das Projekt in drei Schritte untergliedert und kombinierte quantitative und qualitative Daten.
- Im ersten Schritt wurden Kategorisierungen zu Reaktionen auf Diskriminierung aus anderen Studien miteinander verglichen und geeignete Kategorisierungen zusammengeführt.
- Im zweiten Schritt wurde anhand von Surveydaten analysiert, ob sich entlang der Diskriminierungskategorien Geschlecht, Rassifizierung, sexuelle Orientierung und sozialer Status Unterschiede in den
langfristigen Reaktionen auf Diskriminierung feststellen ließen. Hierfür wurden multivariate Regressionsanalysen durchgeführt. - Im dritten Schritt wurden episodische Interviews mit Personen geführt, die von sexistischer, rassistischer, queerfeindlicher und/oder klassistischer Diskriminierung betroffen waren. Konkret wurden Interviews mit 14 Personen realisiert, die sich als Frauen, Schwarz, queer/LSBTIQ* und/oder armutsbetroffen identifizierten. Die Interviews zielten darauf ab, ein vertieftes Verständnis davon zu gewinnen, inwiefern soziale Bedingungen der Diskriminierungserfahrungen und kollektive Identitäten für die gewählten Bewältigungsstrategien relevant waren.
- Die Ergebnisse der Interviews bestätigten, dass die Interpretationen und Deutungen von Diskriminierungserfahrungen zentral dafür sind, welche handlungsorientierten Reaktionen auf Diskriminierung Betroffene wählen. Es zeigte sich auch, dass die Selbstidentifikation mit einer diskriminierungsvulnerablen Gruppe als kollektiver Bezugsrahmen eine wichtige Rolle hierfür spielt.
- Personen, die ihre Erfahrungen als strukturelle Diskriminierung begreifen, neigen eher dazu, sich langfristig zu engagieren und kollektiv orientierte Strategien zu verfolgen, die auf gesellschaftliche Veränderungen, die Entwicklung alternativer, inklusiver Narrative und den Aufbau von Community-Räume abzielen. Demgegenüber wählen Personen, die Diskriminierung primär als individuelles Problem deuten und auch den möglichen Umgang damit individualisieren, eher Rückzugs- und Anpassungsstrategien, sowie Formen privater Unterstützung.
- Die Interviews zeigten hierbei gruppenspezifische Unterschiede, die unsere Annahme stützten, dass gruppenspezifische Sozialisation und kollektive Identität für die Wahl von Bewältigungsstrategien relevant sind.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)