Ankommen in Deutschland: Auswirkungen staatlichen Handelns auf die Integrationsverläufe Neuzugewanderter
Abteilung Integration
Projektleitung: Dr. Nora Ratzmann
Projektmitarbeitende: Minou Bouchehri, Dr. Samir Khalil, Prof. Dr. Magdalena Nowicka, Alexandra Orlova, Dr. David Schiefer, Denis Zekovic
Leitende Forschungsfragen
Je länger der Ankommensprozess dauert, desto länger dauert die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben […] wenn wirklich erst mal die dringendsten Fragen geklärt sind.Expert:innen-Interview Zivilgesellschaft
Deutschland steht vor multiplen Herausforderungen, wie der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts im Lichte einer erstarkenden Rechten und eines polarisierenden Diskurses zu Zuwanderung, eines erhöhten Zuwanderungsgeschehens durch Flucht und Vertreibung, der gesellschaftlichen Alterung der deutschen Wohnbevölkerung oder des Fachkräftemangels in vielen Branchen. Daher wird der konstruktive Umgang mit Zuwanderung und Diversität immer wichtiger. Lokale Akteur:innen stellt dies vor beachtliche Herausforderungen bei der Bereitstellung bedarfsgerechter Angebote.
Vor diesem Hintergrund widmet sich das Projekt in mehreren Modulen unterschiedlichen Facetten des Ankommens:
Modul 1. Ankommen lokal gestalten statt verwalten: Untersuchung struktureller Gelingensbedingungen bzw. Hindernisse nachhaltiger kommunaler Unterstützungsstrukturen. Dabei fokussieren wir uns auf Geflüchtete mit besonderen Schutzbedarfen, die durch gesundheitliche Einschränkungen oder Pflege- und Betreuungsaufgaben dem Arbeitsmarkt nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen und deren Integration i. d. R. nicht über eine Erwerbstätigkeit erfolgen kann.
Modul 2. Digitale Erwerbsarbeit über Grenzen hinweg: Fokussierung auf Formen transnationaler Lebensführung am Beispiel digitaler Erwerbsarbeit im Zwangskontext von Flucht und Vertreibung, wenn Wohnort und Arbeitsort in zwei Ländern liegen.
Modul 3. Gender, Migration und Wohlfahrtsstaat: Beleuchtung der Wechselwirkungen zwischen Migration und Gender, unter anderem unter dem Blickwinkel des Zugangs zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen und nachhaltiger ökonomischer Eigenständigkeit.
Modul 4. Kulturelle Teilhabe: Untersuchung der Erfahrungen von Geflüchteten und Neuzugewanderten mit (Kultur-)Angeboten der Freizeitgestaltung auf kommunaler Ebene sowie der Strategien der Kommunen und Kultureinrichtungen, die Bedarfe dieser Gruppen zu antizipieren.
Modul 5. Zivilgesellschaftliche Unterstützungsstrukturen und Integrationsverläufe: Untersuchung von bürger:innengetragenen Unterstützungsstrukturen für Geflüchtete (refugee support organisations) und deren Rolle in individuellen Integrationsverläufen.
Modul 6. Gerechte Kommune. Modelle der Integrationsarbeit und der Daseinsvorsorge: Das synthetisierende Modul stellt Fragen der moralischen Grundsätze der Integrationsarbeit in Deutschland ebenso wie deren systemische oder institutionelle Bedingungen in den Vordergrund. Die Beiträge fokussieren Modelle der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Integrationsakteur:innen auf kommunaler Ebene sowie damit verbundene Fragen nach Fairness und Chancengerechtigkeit, die die Arbeit vor Ort strukturieren.
Versteht man Integration als Prozess, so muss man diesen in Phasen unterteilen, in denen unterschiedliche Dynamiken und Ergebnisse beobachtet werden können. Ein normatives Verständnis von Integration als Angleichung der Zuwander:innen an die aufnehmende Gesellschaft führt zu einer Fokussierung des Forschungsinteresses auf die „finalen" Ergebnisse des Prozesses. Dadurch tendiert die Forschung dazu, die jeweiligen Phasen und deren Unterschiede außer Acht zu lassen. Auch wenn wir um die Bedeutung der ersten Phase der Integration für weitere Integrationsverläufe wissen, ist die Situation der Zugewanderten in der Ankommensphase zu wenig theoretisiert.
Die gewonnenen Erkenntnisse sollen Integrationstheorien um eine lebensphasenspezifische Perspektive auf die Integrationsverläufe Zugewanderter erweitern, die neben Verbleib oder Abwanderung teils eine transnationale Lebensweise wählen. Gleichzeitig wollen wir die Kategorien von Migrant:innen, Geflüchteten und Hochqualifizierten im Kontext von Transnationalisierung und temporärem Schutz kritisch hinterfragen und zur theoretischen Debatte beitragen.
Im Fokus der Untersuchung steht, wie staatliches Handeln – etwa im Rahmen von Verwaltungsprozessen oder Arbeitsmarktintegration– die Integrationsverläufe von Neuzugewanderten prägt.
Ziel ist es, Kenntnisse über kommunale Strategien und den systemischen Umgang mit verschiedenen Gruppen von Zugewanderten mit intersektionalen Bedarfen zu gewinnen, um Rückschlüsse auf Teilhabebarrieren und stratifizierte Teilhabechancen durch institutionalisierte Ein- und Ausschlüsse ziehen zu können. Dabei gilt es im Rahmen des Projektes beispielsweise zu klären, wie implementierende Akteur:innen aus Behörden transnationale Bezüge oder unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen wahrnehmen und mit ihnen umgehen.
Das Projekt bedient sich unterschiedlicher Forschungsansätze: (i) partizipative Dialogformate mit ausgewählten deutschen Kommunen; (ii) qualitative Tiefeninterviews mit Neuzugewanderten sowie mit Vertreter:innen aus Verwaltung und Zivilgesellschaft; (iii) fokussierte Zweitauswertungen eines qualitativen Panels mit geflüchteten Familien aus der Ukraine (2022–2024); (iv) Auswertung quantitativer Datensätze, u. a. aus dem FReDA-Panel, dem deutschen Vereinsregister oder den Daten zu Integrierten Erwerbsbiografien (IEB) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Die bisherigen Module 2 (digitale Erwerbsarbeit über Grenzen hinweg) und 3 (Sorgearbeit in transnationalen Familien) zeigen, wie die Integrationsbestrebungen Ankommender durch familiäre Sorgeverpflichtungen beeinflusst werden. Dieses Ergebnis unterstreicht die Prozesshaftigkeit des Ankommens vor Ort. Am Beispiel transnationaler Erwerbsarbeit beleuchten wir ferner, dass staatliche Regularien und Integrationsprogramme der transnationalen Lebensrealität der Betroffenen zuwiderlaufen und die Aufrechterhaltung transnationaler Bezüge, die familiär essenziell oder für den Arbeitsmarkt produktiv sein könnten, behindern sowie die ökonomische Eigenständigkeit erschweren.
Ebenso zeigen unsere Arbeiten zu kommunaler Integrations-Governance und Resilienz, dass (kommunale) Integrationsansätze unzureichend inklusiv konzipiert sind (Module 1 und 3), sodass intersektionale Bedarfe von Personen mit Fluchterfahrung und Behinderung bzw. chronischer Erkrankung oder Sorgeverpflichtungen unterversorgt bleiben. Fehlende intersektionale Angebote und mangelnde Sensibilität der Regelangebote (wie Integrationskurse) führen de facto zur Exklusion von Zugewanderten mit gesundheitlichen Schutzbedarfen und von jenen mit familiären Fürsorgepflichten.
Verschiedene Projektmodule verdeutlichen die Wichtigkeit (i) mehrsprachiger, zielgruppenorientierter Wissensvermittlung und Aufklärung über staatliche Angebote und Leistungen, (ii) vielfaltssensibler, inklusiver und nachhaltig finanzierter Angebote der Integrationsförderung sowie (iii) der Hinwendung zu einem positiven Integrationsdiskurs, um zur Verwurzelung und zum Verbleib in Deutschland beizutragen.
Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Institutionelle Förderung)